München – Propaganda ist schon lange eines der wichtigsten politischen Instrumente Russlands. Damit rechtfertigte der Kreml nicht nur die Annexion der Krim und die Kämpfe im Donbass, sondern jüngst auch den Einmarsch in die Ukraine. Doch wie funktioniert die russische Propaganda überhaupt?
Laut Lutz Güllner, bei der EU Leiter der Taskforce für Falschinformationen, geht es „bei der russischen Aktivität um eine koordinierte, systematische und auch ganz klar finanzierte Aktivität“. Deswegen sei die russische Propaganda eine „ernst zu nehmende Gefahr, die auch nicht erst seit gestern entstanden ist, sondern die seit einigen Jahren aufgebaut wird“, wie der Leiter der Taskforce zusammen mit seinem Team seit 2015 beobachtet.
Laut einer Datenbank an Fällen von Desinformation beschäftigten sich fast 40 Prozent mit der Ukraine, sagte Güllner unserer Zeitung. „Entweder direkt an die ukrainische Bevölkerung gerichtet oder auch an westliche Zielgruppen“, um deren Bild der Ukraine zu beeinflussen, erklärt Güllner.
Dabei werden sehr unterschiedliche Instrumente der Informationsmanipulation verwendet. Zum einen gebe es ganz formelle Äußerungen, sprich die „Kommunikation aus dem Außenministerium, aus den Botschaften – aus sehr offiziellen Kanälen“, wie Güllner mit seinem Team herausgearbeitet hat. Zum anderen werde die prorussische Propaganda auch auf Informationsportalen und Webseiten gestreut. „Wir wissen aus unserer eigenen Arbeit und von anderen Forschern, dass viele dieser Webseiten direkt mit dem russischen Geheimdienst verbunden sind“, erklärt der Experte für Desinformation. Zuletzt finde auch eine Informationsmanipulation über soziale Medien statt. Das bestätigen auch Untersuchungen des Informationsbranchen-Verbands Bitkom. Demnach gaben in einer Befragung 56 Prozent der Mediennutzer an, dass sie seit Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine mit sogenannten Fake News (Falschmeldungen) in Kontakt gekommen sind. Güllner mahnt in diesem Zusammenhang jedoch auch an: Manchmal gehe es gar nicht nur um total konstruierte Begebenheiten. Inhalt dieser Kampagnen könne auch sein, „einen Kern der Wahrheit zu nehmen und diesen aufzuheizen und aus dem Zusammenhang zu reißen“.
Auch das Unternehmen News Guard Technologies, das die Glaubwürdigkeit von Online-Medien analysiert, berichtet von „zahlreichen Videos und Fotos, die aus ihrem Originalkontext gerissen wurden“. Das Unternehmen erfasst unter anderem Falschinformationen über den Ukraine-Krieg und hat bisher 172 Webseiten mit Desinformation zum Ukraine-Krieg gefunden. Davon seien 61 englischsprachige, 33 französische und 20 deutsche Seiten, sagte eine Sprecherin unserer Zeitung. Als ein Beispiel nannte sie Falschbehauptungen, es gebe Fotos, die den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj mit Tarnkleidung im Kriegseinsatz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine zeigen. Tatsächlich ist das Foto aus dem Jahr 2021 – und aus dem Zusammenhang gerissen. LEONIE HUDELMAIER