München – Die Idee war eigentlich seit fünf Jahren vom Tisch – jetzt bringt Ministerpräsident Markus Söder das umstrittene Fracking wieder ins Spiel. Der CSU-Chef hat sich dafür ausgesprochen, das Verfahren zur Gasgewinnung in Deutschland „ergebnisoffen“ neu zu prüfen (siehe auch Randspalte). Die unkonventionelle Gasförderung ist in Deutschland seit 2017 verboten – zu groß war die Sorge vor Umweltschäden. Jetzt sagt Söder: „Verbote könnte man aufheben.“ Könnte das umstrittene Verfahren Deutschland aus der Abhängigkeit vom russischen Gas retten? Grundwasser-Experte Bernd Kirschbaum vom Umweltbundesamt und Tobias Federico, Chef des Beratungsunternehmens Energy Brainpool, sehen in Fracking ein immenses Potenzial – und zugleich aber auch Risiken für unser Trinkwasser.
Was ist Fracking und wie funktioniert das?
„Mit dem Fracking-Verfahren kann man Erdgas und Erdöl aus Lagerstätten gewinnen, an die man vorher nicht rangekommen ist“, erklärt Bernd Kirschbaum vom Umweltbundesamt (UBA), Deutschlands zentraler Umweltbehörde. Fracking ist die Kurzform für den englischen Fachbegriff „hydraulic fracturing“. Darunter versteht man das Erzeugen und Stabilisieren von Rissen in tiefen Gesteinsschichten. Fracking unterscheidet sich also stark von der konventionellen Gasförderung (siehe Grafik). Die USA und Deutschland haben in den vergangenen 150 Jahren die konventionellen Lagerstätten ausgebeutet – die Gasvorkommen sind mittlerweile so gut wie erschöpft.
„Irgendwann haben sich Ingenieure näher mit dem sogenannten Muttergestein beschäftigt – dort hat sich das Gas ursprünglich gebildet, und es ist in kleinen Poren eingesperrt“, sagt Kirschbaum. „Man spricht hier von Schiefergas-Lagerstätten.“
Beim Fracking presst man ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in den Untergrund – so werden die Poren aufgebrochen und offen gehalten. Erdgas oder Erdöl kann so aus den Poren des Gesteins gelöst und durch das Bohrloch an die Oberfläche befördert werden.
Welche Argumente sprechen für Fracking?
Wenn es eine erhebliche Erhöhung der heimischen Erdgas-Förderung geben soll, komme man an Fracking nicht vorbei, meint Ludwig Möhring, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG). „Diese zusätzlichen Mengen, auch das muss klar sein, würden alleine nicht reichen, um fehlende Importe aus Russland auszugleichen.“ Aber die Versorgungssicherheit ließe sich erhöhen und der Preisdruck abmildern. In Deutschland werden derzeit jedes Jahr 95 Milliarden Kubikmeter Erdgas verbraucht. Im Land gefördert wurden 2021 noch 5,2 Milliarden Kubikmeter. Nur fünf Prozent des deutschen Gasbedarfs stammen also aus heimischer Förderung. „Diesen Anteil zu verdoppeln, wäre mit Fracking denkbar“, sagt Möhring.
Auch Energie-Experte Tobias Federico von Energy Brainpool meint: „Fracking an sich hat enormes Potenzial, in Deutschland und in Polen. Wir sind vor allem in Norddeutschland mit Fracking-Gas gesegnet.“ Allerdings bestünde immer das Risiko, dass Fracking-Flüssigkeit im Grundwasser landet. „Ich denke, die Gefahren sind größer als der Nutzen“, sagt Federico.
Warum ist Fracking problematisch?
Kritiker befürchten erhebliche Umweltschäden durch Fracking. Grund ist vor allem die Fracking-Flüssigkeit, die ins Schiefergestein gepumpt wird und mit Chemikalien versetzt ist. Dieses Lagerstättenwasser enthält krebserregende Stoffe. „Man weiß einfach nicht genau, wie es in den Gesteinsschichten aussieht“, sagt Federico. „Das heißt, niemand kann versprechen, dass keine Fracking-Flüssigkeit ins Grundwasser gelangen kann. Mit Fracking lässt sich keine sichere Förderung garantieren.“
Johann Plank, Professor für Bauchemie an der Technischen Universität München, sagt, in Sachen Chemikalien habe sich viel getan. Verbote, zum Beispiel in Kalifornien, hätten dafür gesorgt, dass Alternativen entwickelt worden seien. Was bleibe, sei das Risiko, dass durch unsachgemäßes Vorgehen beim Bohren organische Verbindungen ins Grundwasser gelangen könnten, die man „dort mit Recht nicht haben will“. Technisch sei das Risiko aber beherrschbar.
Auch Kirschbaum vom Umweltbundesamt meint: Wenn man das Verfahren richtig durchführt, sind die Risiken für das Grundwasser geringer. „Aber es gibt auch andere wichtige Punkte in Sachen Umweltschutz: Die CO2-Emissionen werden durch Fracking nicht reduziert. Einen Beitrag zum Zwei-Grad-Ziel liefert Fracking nicht.“
Birgt Fracking noch andere Gefahren?
Neben den Risiken fürs Grundwasser kann es durch Fracking zu Erschütterungen im Erdreich kommen. Großbritannien hat deshalb 2019 alle Bohrungen gestoppt – die ausgelösten Erdbeben könnten zu stark werden, hieß es damals. Bei den in Deutschland infrage kommenden Gesteinsschichten sei das wohl kein Problem, nimmt die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) an. Die Erschütterungen seien an der Erdoberfläche nicht spürbar.
Zugrunde gelegt sind bisherige internationale Erfahrungen, Testbohrungen in Deutschland und – darauf basierend – Simulationen für die geologischen Verhältnisse in Niedersachsen. Das simulierte Szenario bezieht sich auf Fracking in 1700 Metern Tiefe. Die Gefahren des Frackings, so die Bundesbehörde, würden nur entstehen, wenn das Verfahren zu nah an der Erdoberfläche angewendet wird und die Bohrungen nicht sauber ausgeführt oder abgedichtet sind.
Wäre Fracking in Bayern realisierbar?
Auch in Bayern gibt es laut Kirschbaum Schiefer-Lagerstätten – allerdings halten sich die Vorkommen im Freistaat in Grenzen. Eine Ausbeutung lohne sich im Vergleich zu anderen Lagerstätten in Deutschland kaum. Der größte Teil der Vorkommen findet sich laut BGR im niedersächsischen Becken zwischen Bremen, Braunschweig und Osnabrück. Das zweitgrößte deutsche Vorkommen findet sich entlang der vorpommerschen Ostseeküste. Kleinere Schiefergas-Lagerstätten gibt es im Oberrheingraben und im nördlichen Norddeutschland.
Wann wäre Fracking in Deutschland möglich?
„Eine kurzfristige Lösung kann Fracking nicht sein“, sagt Energie-Experte Federico. Anders als beim klassischen Erdgas könnten nicht einfach mit einem Bohrturm größere Gasblasen angezapft werden. Fracking-Bohrungen müssen erst in die Tiefe und dann horizontal in die gasführenden Gesteinsschichten getrieben werden. „Die Produktion ist sehr kleinteilig, man braucht viele kleine Bohrtürme, verteilt auf einer großen Fläche“, erklärt Federico. „Die USA haben sechs Jahre gebraucht, bis sie so viel Erdgas gefördert haben, dass sie ihren eigenen Bedarf damit decken konnten.“ Mit dem Import von LNG – also Flüssigerdgas – aus den USA könne es seiner Meinung nach schneller gehen. „Wobei man sagen muss: Auch das LNG aus den USA ist Fracking-Erdgas. Allerdings spielen dann die lokalen Umweltschäden in Amerika eine Rolle und nicht bei uns.“
Könnte sich Fracking finanziell lohnen?
Zum höheren technischen Aufwand beim Bohren kommt die notwendige Lagerung und Reinigung des Fracking-Wassers, das bei der Gasförderung zum Teil wieder aus der Tiefe nach oben dringt. Hinzu kommen „Unsicherheiten durch fehlende Erfahrungen in Deutschland“, sagt die Volkswirtschaftlerin Karen Pittel, Leiterin des ifo-Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen. „Die Kosten für Fracking in Deutschland sind sehr unklar.“ Die Wirtschaft sieht das anders. „Wir würden, selbst wenn der Gaspreis sich gegenüber den heutigen sehr hohen Preisen wieder verringert, in der Lage sein, heimisches Fracking-Gas wettbewerbsfähig zu fördern“, sagt BVEG-Chef Möhring. Ob es in Zukunft Fracking in Deutschland geben werde, sei eine staatliche und gesellschaftliche Frage: Der Staat sei verantwortlich für die Rohstoffstrategie und das Aufsuchen von Bodenschätzen. Falls der Staat sich für diese Art der Gasförderung entscheide, könne man in acht bis zehn Jahren die nötigen Strukturen aufgebaut haben. Das nötige Wissen liege auf dem Tisch, sagt Möhring.
Welche Erfahrungen mit Fracking gibt es?
In größerem Maßstab wird Fracking in Kanada seit den 1960er-Jahren betrieben, ebenso in Kolumbien. Südafrika hat in den vergangenen Jahrzehnten Erkundungslizenzen vergeben, die ein Fünftel der Landesfläche umfassen. In den USA setzte Anfang des vergangenen Jahrzehnts ein Fracking-Boom ein, der bald aber wieder abebbte. Die sprunghaft gestiegenen Mengen auf dem Gasmarkt verdarben die Preise und machten Investitionen unrentabel. Erst jetzt wird wieder mehr gefrackt. In Polen, wo große Schiefergas-Vorkommen vermutet werden, stellten Unternehmen ihre Erkundungstätigkeit vor einigen Jahren bald wieder ein. Zu unsicher das Investitionsklima, zu schwierig die Lagerstätten-Situation.