Moskau/München – Viel war spekuliert worden, welche Richtung der Ukraine-Krieg an diesem Montag einschlagen wird. Der 9. Mai, der Tag des Sieges über das Dritte Reich, ist für die Russen ein patriotischer Feiertag, einer, an dem russische Machthaber gerne militärische Stärke demonstrieren und ihre Macht zementieren. Würde Putin eine Brandrede an sein Volk halten und dann eskalieren? Eskaliert ist der Krieg vorerst nicht, aber Putin sieht sich weiter im Recht, über ein mögliches Kriegsende verlor er kein Wort. Sein Ziel bleibt der Donbass.
Putin gibt Nato die Schuld am Einmarsch
Putin machte erneut die Nato für den Krieg, der in Russland als „Spezialoperation“ verkauft wird, verantwortlich. Das westliche Militärbündnis habe über die Jahre eine für Russland „absolut nicht hinnehmbare Bedrohung“ geschaffen, sagte er auf dem Roten Platz in Moskau, wo der Sieg über Nazi-Deutschland jedes Jahr mit einer großen Militärparade gefeiert wird. „Der Block der Nato hat eine aktive militärische Erschließung der an unser Gebiet angrenzenden Territorien begonnen“, sagte Putin. Die Ukraine habe zudem eine Wiedererlangung von Atomwaffen angestrebt. Mit Blick auf die Nato beklagte der 69-Jährige, dass Russland dem Westen im Dezember einen Vertrag über Sicherheitsgarantien, einen Dialog und die gegenseitige Wahrung von Interessen vorgeschlagen habe. „Alles umsonst“, sagte Putin vor tausenden Soldaten in Paradeuniform. „Die Staaten der Nato wollten uns nicht hören. Und das heißt, dass sie völlig andere Pläne hatten.“ Russland habe „einen präventiven Schlag“ ausgeführt. Das sei die „einzig richtige Entscheidung“ gewesen.
Trotz des überschaubaren Fortschritts der Offensive ordnete Putin aber keine Teil- oder Generalmobilmachung an. Das war von westlichen Beobachtern befürchtet worden. Es war „mit das softeste Szenario“, sagte Julia Friedrich, Osteuropa-Expertin der Denkfabrik „Global Public Policy Institute“ im ZDF. „Putin hat vieles wiederholt, was wir schon kennen.“ Auffällig sei die Konzentration auf den Donbass gewesen. Das Ziel sei, zumindest vorerst, offenbar nicht mehr die gesamte Ukraine. Friedrich erwartet eine „Kontinuität dessen, was bereits passiert“, also anhaltende Angriffe mit dem Ziel, im Osten des Landes die Oberhand zu bekommen.
Tschechiens Ministerpräsident Petr Fiala warf Putin vor, Geschichte und Gegenwart gezielt zu verdrehen. „Es ist sinnlos, sich gegen jede einzelne Lüge zu verwehren, die in Moskau zu hören war“, sagte er der Agentur CTK. „Diese Rede hat gezeigt, wie wichtig es ist, dass der Westen geschlossen und rasant gegen den Aggressor vorgeht.“
Putin wirft Westen „Russophobie“ vor
Putin würdigte in seiner Rede die russischen Soldaten im Donbass. „Die Jungs verhalten sich mutig, heldenhaft, professionell. Alle Pläne werden erfüllt, das Ergebnis wird erreicht werden“, sagte er der Nachrichtenagentur Interfax zufolge nach der Rede dem Vater eines getöteten prorussischen Separatisten. Den Familien gefallener Soldaten versprach er Unterstützung. Zahlen nannte er nicht. Offiziell ist bisher die Rede von 1351 getöteten Soldaten. Die Ukraine spricht von 25 000 toten russischen Soldaten.
Putin warnte einmal mehr vor einem neuen Weltkrieg. Der Sieg sei damals gemeinsam mit den westlichen Alliierten errungen worden. Zugleich beklagte er eine im Westen herrschende „Russophobie“ bei den politischen Eliten. Aufgabe sei es, „wachsam zu sein und alles zu tun, damit sich die Schrecken eines globalen Krieges nicht wiederholen“. Später gedachte er auf dem Roten Platz und im Alexandergarten am Grab des Unbekannten Soldaten der Kriegstoten.
Selenskyj: Auch Ukrainer haben die Nazis verjagt
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj verbat sich eine „Aneignung“ des Sieges über Nazi-Deutschland durch Russland „Wir sind stolz auf unsere Vorfahren, die gemeinsam mit anderen Nationen in der Anti-Hitler-Koalition den Nationalsozialismus besiegt haben“, sagte er am Montag in einer Videobotschaft. „Und wir werden nicht zulassen, dass sich jemand diesen Sieg aneignet. Wir haben damals gewonnen. Wir werden auch jetzt siegen. Unser Feind träumt davon, dass wir darauf verzichten, den 9. Mai und den Sieg über die Nazis zu feiern, damit das Wort ,Entnazifizierung‘ eine Chance bekommt.“ Aber Millionen Ukrainer hätten die Nazis aus den Städten verjagt, die heute von russischen Truppen belagert, besetzt oder annektiert würden. Selenskyj kündigte selbst eine Siegesparade an, sobald Russland als Feind geschlagen sei.
Der Militärparade wohnten zehntausende Menschen unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen bei. Zu sehen waren auch die in der Ukraine eingesetzten Iskander-Raketen, Kampfpanzer wie der modernste vom Typ T-14, die Luftabwehrsysteme S-400, Buk-M3 und Tor-M2, Kampfroboter vom Typ Uran-9 und mit Atomsprengköpfen bestückbare Interkontinentalraketen. Die große Flugshow fiel aus, offiziell wegen zu schlechten Wetters. Leonid Wolkow, Vertrauter des Kremlkritikers Alexej Nawalny, mutmaßte hingegen auf seinem Telegram-Kanal, der Geheimdienst FSB habe die Show verboten wegen „operativer Informationen, dass etwas Unschönes vorbereitet“ werde. Er könne sich nun Säuberungen bei der russischen Luftwaffe vorstellen.