In der Ukraine wurde auch gestern weiter erbittert gekämpft. Russlands Verteidigungsministerium berichtete kurz nach Putins Rede über mehr als 200 Angriffe auf die Ukraine am Montag. Mit Raketen und Artillerie seien unter anderem Kommandoposten, Lager mit militärischer Ausrüstung und die Schwarzmeer-Region Odessa beschossen worden, sagte ein Sprecher. Insgesamt seien 350 ukrainische Soldaten getötet worden. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Am Montagabend meldete die Ukraine, die russiche Luftwaffe habe mehrere Hyperschallraketen vom Typ Kinschal auf die Hafenstadt gefeuert. EU-Ratspräsident Charles Michel musste sich zuvor während eines Besuchs in der ukrainischen Hafenstadt Odessa vor Raketenangriffen in Sicherheit bringen. Wie ein EU-Vertreter mitteilte, musste Michel am Montag ein Gespräch mit dem ukrainischen Regierungschef Denys Schmyhal unterbrechen, „um Schutz zu suchen, als erneut Raketen in der Region Odessa einschlugen“.
Die Großstadt Cherson im Süden der Ukraine hat nach ukrainischen Angaben seit Kriegsbeginn fast die Hälfte ihrer Bevölkerung von einst fast 300 000 Menschen verloren. „Nach vorläufigen Schätzungen haben allein seit März 45 Prozent der Bevölkerung Cherson verlassen“, sagte der Chef der Gebietsverwaltung, Hennadij Lahuta, am Montag der Nachrichtenagentur Ukrinform. Aus dem gesamten Gebiet sei nach der russischen Okkupation jeder Fünfte geflohen. „Das sind katastrophale Zahlen.“ Den russischen Truppen warf Lahuta Tötungen, Vergewaltigungen und Plünderungen vor. In Cherson lebten vor dem Krieg etwa 290 000 Menschen. Russische Truppen meldeten die Eroberung der Seehafenstadt an der Mündung des Dnipro Anfang März.
Im Zuge des Krieges Russlands gegen die Ukraine verschärft sich offenbar die Menschenrechtslage in Belarus. Seit dem 27. April könne in Belarus die Todesstrafe für den „Versuch, eine terroristische Handlung zu begehen“, verhängt werden, teilte die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) am Montag in Frankfurt mit. Das Regime von Machthaber Alexander Lukaschenko fasse den Begriff „Terrorismus“ sehr weit; vieles könne darunter fallen. „Da Regierungskritikern in Diktaturen oft willkürlich terroristische Handlungen unterstellt werden, fürchten wir, dass nun viele Todesurteile gegen unschuldige Bürger verhängt werden, die Lukaschenko als Gefahr empfindet“, erklärte der IGFM-Vorsitzende Edgar Lamm. Schätzungen zufolge gebe es in Belarus aktuell etwa 2260 politische Gefangene, darunter 330 Frauen und 10 Kinder. In Belarus nimmt Lamm zufolge der Widerstand gegen Lukaschenkos Unterstützung für Putins Angriffskrieg zu.