Ein zauberhaftes Örtchen

von Redaktion

Wieder zeigt sich Oberammergau als vorbildlicher Gastgeber – und ehrt altgediente Schauspieler der Passionsspiele

VON KATJA KRAFT

Oberammergau – Eigentlich hätte am Samstag auch die Mama mit auf der Bühne stehen sollen. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, der Tochter, den zwei Enkeln, dem Schwiegersohn. Doch die Mama ist nicht mehr. Rosemarie Lang verstarb im Februar nach schwerer Krankheit. 60 Jahre waren sie und Walter Lang beieinander. Andere Paare haben ständig Theater – die Langs spielten Theater.

Am Samstagmittag steht der 82-Jährige im Passionstheater Oberammergau. Eine Ehrenplakette in der einen, eine Urkunde in der anderen Hand. Es ist eine Auszeichnung dafür, dass er neunmal bei den Passionsspielen mitgewirkt hat (inklusive der zwei Sonderspiele in den Jahren 1977 und 1984). Das klingt so technisch. Neunmal Passion, gelebt heißt das: rund 1000 Auftritte. 1000-mal Haupt- und Barthaar frisieren; 1000-mal raufen mit den Römern; 1000-mal ratschen in der Garderobe; 1000 Mal auf ein Eis in der Pause. Und 1000-mal dieser Moment, der Lang immer wieder überwältigt. Wenn er hinter der Bühne steht, kurz bevor es losgeht. „Dann trittst du hinaus, vor so viele Zuschauer – alle in gebannter Erwartung. Unbeschreiblich“, erzählt er.

Und sofort ist da ein Leuchten in seinen Augen, wo vorher Tränen waren. Das Herz ist ihm schwer an diesem Premierentag, den er, wäre Corona nicht gewesen, schon vor zwei Jahren mit Rosemarie und der Familie hätte feiern können. Deshalb spielen die Buben, die Tochter und der Schwiegersohn heute für die Rosemarie. Dass sie an diesem Tag ganz nah bei ihnen ist, das glaubt Lang nicht nur, das weiß er. „Heute Morgen habe ich etwas aus dem Kleiderschrank genommen – da ist mir ein Pullover von ihr in die Hände gefallen. Den hat sie auf einem Foto an, das 60 Jahre alt ist. Und er duftet noch immer nach ihrem Parfüm.“ Ein Zeichen vom Himmel. Oberammergau, du verzauberter Ort.

Die besondere Magie dieses Dorfes spürt man schon beim Aussteigen aus dem Shuttlebus. Wo das Münchner U-Bahn-System bei Großveranstaltungen an seine Grenzen kommt und für viel Gedränge und Gezeter sorgt, scheint hier alles von unsichtbarer Hand gelenkt. Problemlos finden die Hunderten ihren Weg und Platz. Im Gewusel zwischen Feierlaune und Insichgekehrtheit, Lederhose und Abendkleid, Champagner und Leberkässemmel.

Nicht alle, die gekommen sind, sind gläubige Christen. Aber was wäre, wenn wir diese irre Geschichte, dieses Wunder von Jesu Leben und Auferstehung glauben würden? Wenn wir unterstellten: Ja, so ist’s gewesen? Das fragt Kardinal Reinhard Marx im berührenden ökumenischen Gottesdienst am Morgen. Jesus Christus als Hoffnungsbringer für eine Welt ohne Gewalt. Denn die Passion ist ja nicht einfach nur ein Historienspiel. Christian Stückls feinfühlige Bearbeitung führt einem immer auch die Passion heutiger Menschen vor Augen.

Der Spielleiter hat eine düstere Version der alten Geschichte auf die Bühne gebracht. Die dunkle Ahnung, dass wir nie aus unseren Fehlern lernen werden, sie schwingt stetig mit. Wenn man ihn dann aber erlebt, den Stückl Christan, bei der Ehrung der Passions-Veteranen wie Walter Lang, ist jede Düsternis dahin. Voller Lebensfreude lacht er und singt mit dem Kinderchor, „der künftigen Generation unseres Spiels“. So leidenschaftlich, dass er glatt die Kerze umwirft. Noch so ein Zeichen von ganz oben: In diesem Mann ist das Feuer längst nicht erloschen. Er und seine Oberammergauer, sie tragen die Flamme gegen alles Dunkle in der Welt unermüdlich weiter. Die ist hochentzündlich – man lässt sich gerne davon anstecken.

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