Oberammergau – Es braucht nur einen Wimpernschlag. Ein, zwei Handgriffe, die im Grunde banal sind. Doch in dem Moment, in dem Frederik Mayet in sein Gewand schlüpft und der beige-graue Leinenstoff zu Boden fällt, passiert etwas. So, als würde sich mit dem Kostüm die Ausstrahlung des Oberammergauers verändern. Nach 2010 ist Mayet bei den Oberammergauer Passionsspielen zum zweiten Mal Jesus.
Bei der Premiere am Samstag wuseln 4400 Gäste, darunter Politiker und Prominente, Würdenträger und eine ganze Medienschar, durch das kleine Ammertaldorf. Gefühlt jeder spricht den 42-Jährigen an, will Glück wünschen, ein Foto machen – oder beides. Oberammergau vibriert. Und Mayet? Der bleibt tiefenentspannt, vor der Premiere und nach der Kreuzigung. „Das ist das Schöne“, sagt er. „Ich bin beim zweiten Mal weniger aufgeregt und kann alles viel mehr genießen.“ Mayet ist der eine Jesus von Oberammergau. Der andere heißt Rochus Rückel. Jede Rolle ist doppelt besetzt. Zur Premiere muss sich Frederik Mayet ans Kreuz nageln lassen.
Erst gegen Mittag, verrät Mayet in Fernsehkameras, kommt doch Lampenfieber hoch. Ein flaues Gefühl in der Magengegend. Mehr aber nicht. Vorher ist für Aufregung auch nicht viel Zeit. „Ich hab mich um die Kinder gekümmert“, sagt er mit Blick auf seine Söhne Vinzent (7) und Lorenz (3). Ob Premiere oder nicht ist für die Burschen nicht so wichtig. Wenn sie um kurz vor 7 Uhr wach werden, geht der Tag eben los. Nach dem Familienfrühstück fahren die Mayets per Rad und in Tracht ins Theater. Ab dem Moment, in dem Jesus um 10.10 Uhr aufs Gelände kommt, steht er im Mittelpunkt. „Oh, der Auferstandene“, ruft eine Besucherin. Ihre Bitte: ein Selfie. Jesus Christ Superstar! Wie sich das anfühlt? „Seltsam“, sagt Mayet, während er mittags im Zelt für die 400 Journalisten eine Tomatensuppe isst. Kurz darauf ist ihm der Trubel zu viel. Er verabschiedet sich von seiner Frau Caroline und geht ins Theater.
Zweieinhalb Stunden bevor sich der Vorhang hebt, geht Mayet noch in Tracht auf die Bühne. Dort, wo ihn später 1800 Oberammergauer mit Palmenbuschen bei seinem Einzug in Jerusalem lautstark feiern werden, ist es menschenleer. Mayet nutzt den Raum, spricht seine ersten Szenen durch. „Ich brauche das“, verrät er. Für die Stimme. Für die Konzentration. Um ganz im Hier und Jetzt zu sein. Ein Ritual, das der Oberammergauer schon 2010, am Tag seiner ersten Jesus-Premiere, vollzogen hat.
Erst um 13.30 Uhr geht er in seine Umkleide mit der Nummer 105, wo Sylvia Heinzeller schon auf ihn wartet. Die beiden sind ein eingeschworenes Team. Mayet steht in Unterhose vor ihr, sie klebt die Kabel für die Mikrofon-Sender fest. Es sind zwei. „Falls eines ausfällt.“
Dann zieht der 42-Jährige sein Gewand an, verwandelt sich optisch in den Heiland. Während die Magie das ihre tut, rört nebendran ganz schnöde der Wasserkocher. Sylvia Heinzeller macht einen Kamillentee. Ein Ritual, das bei der Passion 2010 von einem sehr bekannten Gast unterbrochen wurde. „Angela Merkel ist in die Umkleide gekommen“, erzählt Mayet. Bei ihrem Plausch setzt sich die damalige Bundeskanzlerin ganz unstaatsmännisch auf den alten, wackeligen Hocker am Waschbecken. Ausgerechnet! „Ich dachte die ganze Zeit, dass er nicht hält“, erinnert sich Heinzeller an die bangen Minuten. Doch alles geht gut – und die Bundeskanzlerin überrascht die beiden gleich noch mal. „Sie hatte sich schon verabschiedet, als es noch mal klopfte“, plaudert Mayet aus dem Nähkästchen. Die Regierungschefin braucht einen Raum für ein wichtiges Telefonat. Und dafür ist die Umkleide perfekt.
Auf den vier Quadratmetern ist nicht viel Platz für Schnickschnack. Dornenkronen hängen an der Wand, im Regal noch mehr Kronen und Flaschen und Dosen mit flüssig-klebrigem Bühnenblut. Beides kommt spät abends zum Einsatz, wenn sich Mayet auf die Kreuzigung vorbereitet. Sein Körper – ein Ort voller Blut, Striemen und offener Wunden. Der Hass des Volkes, die Geißelung, der qualvolle Tod am Kreuz. Mayet nimmt nichts davon persönlich. „Das würde nicht funktionieren. Daran gehst du kaputt.“ Es bleibe ein Spiel. Und später wird mit den römischen Peinigern ein Feierabendbier getrunken.
Nur einmal an diesem lange Tag gibt es für Mayet ein Problem: Auf der Bühne ist die Dornenkrone heruntergefallen – und wird ihm dann falsch herum aufgesetzt. So stechen die Dornen tatsächlich in den Kopf. Ein Schmerz vor tausenden Zuschauern, den er einfach erträgt. Dass ihn an diesem Tag nichts aus der Ruhe bringen kann, trägt zu seiner besonderen Ausstrahlung bei. Als hätte ihn die Passion vollends durchdrungen.