Ifo-Experte: So funktioniert diese Inflation – und so geht es mit ihr weiter

von Redaktion

München – Das Ifo-Institut rechnet mit einer leicht abflauenden Inflation in der zweiten Jahreshälfte – von derzeit über sieben auf dann unter sechs Prozent. Das ist zwar erfreulich, aber die Inflation bleibt dennoch ein Schreckgespenst vor allem für einkommensschwächere Haushalte. Denn zunehmend sind Lebensmittel betroffen.

Die aktuelle Inflation hat eine ungewöhnliche Genese, wie Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser erklärt. Auslöser sei kein konjunktureller Boom gewesen. Vielmehr hätten angebotsseitige Engpässe die Herstellungskosten in die Höhe getrieben und zugleich die Produktion gedrosselt. Alles begann mit Corona, dem größten Konjunktureinbruch der Nachkriegsgeschichte. Wegen der Lockdowns konnte man kein Geld für Freizeit, Kultur und viele Dienstleistungen ausgeben. Als Ersatz sei weltweit die Nachfrage nach IT-Produkten und langlebigen Konsumgütern wie Möbel oder Autos gestiegen. „Viele Hersteller gerieten bei der Produktion an ihre Kapazitätsgrenzen, weil wichtige Vorprodukte wie zum Beispiel Mikrochips so schnell nicht im benötigten Umfang zur Verfügung standen“, sagt Wollmershäuser. Das habe zu Lieferengpässen geführt und die Warenpreise nach oben getrieben.

Der Ukraine-Krieg hat die Lage verschärft. Energie- und Nahrungsmittelpreise sind explodiert, manche Rohstoffe und Vorprodukte waren nicht mehr verfügbar. „So stand im März die Autoproduktion in Deutschland teilweise still, weil Kabelbäume aus der Ukraine fehlten“, sagt Wollmershäuser. „Und wegen der Sanktionen fehlt es an Holz aus Russland, einem der wichtigsten Holzexporteure weltweit“, betont der Analyst des Münchner ifo-Instituts. Dazu kommt, dass China im Frühjahr erneut eine Null-Covid-Strategie einschlug. Ganze Städte wurden abgeriegelt, die Produktion stand still, Schiffsladungen mit dringend benötigten Teilen stecken in Shanghai fest. „Immerhin bezieht Deutschland etwa 15 Prozent seiner importierten Vorprodukte aus China.“ Die Produktionsprobleme dürften damit die Konjunktur bis weit ins Jahr hinein belasten. Und wenn Waren sich verknappen, steigen ihre Preise.

Mittlerweile ist die Inflation bei fast allem, was wir täglich konsumieren, zu spüren. Während Gutverdiener einen Teil des Preisanstieges durch Erspartes ausgleichen können, müssen einkommensschwache Haushalte ihren Konsum einschränken. Zusätzlich werden ärmere Haushalte dadurch belastet, dass die Inflation verstärkt auf Lebensmittel durchschlägt – und darauf verwenden sie einen größeren Teil ihres Geldes als reichere Haushalte.

Kurzfristig ist keine Entspannung in Sicht, denn in den konsumnahen Bereichen wie dem Einzelhandel wolle die Mehrheit der Unternehmen die Preise weiter erhöhen, sagt Wollmershäuser. Das habe eine Ifo-Umfrage ergeben. Bei den Energiepreisen und bei der vorgelagerten Industrie gebe es dafür eine gewisse Entlastung. „Zwar sind die Preise dort nach wie vor hoch, aber sie steigen nicht mehr weiter, und das dürfte die Inflation dann in der zweiten Jahreshälfte allmählich abschwächen.“

Die Situation sei insgesamt schwierig, sagt Wollmershäuser. „Wir können den Krieg ja nicht wegzaubern oder den Lockdown in China.“ Und er weist auf noch eine Gefahr hin: Besserverdiener hätten in der Pandemie weit mehr gespart als sonst. Die Mehrersparnis liege bei 200 Milliarden Euro. Wollmershäuser: „Wir haben keine Ahnung, was die Menschen mit dem Geld machen werden, denn so was gab es noch nie.“ Würde dieses Geld ausgegeben, käme auf das knappe Angebot noch eine kräftige Nachfrage dazu. Das würde die Inflation weiter anheizen.

Ein Gegenmittel wären steigende Zinsen, um Sparanreize zu setzen und Kredite zu verteuern. Das bremse die Konjunktur und damit die Inflation. Allerdings würden Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit steigen und die Einkommen sinken. Auch die Gewerkschaften seien ein Faktor. Würden die Kaufkraftverluste über kräftige Tarifsteigerungen abgefangen, komme es zu einer Lohn-Preis-Spirale und mehr Inflation.

Der Ifo-Konjunkturchef fordert von der Politik, Schlechtverdiener gezielter zu stützen. „Die Politik entlastet auf breiter Front. Das schafft Kaufkraft, wo sie gar nicht benötigt wird, und heizt die Inflation weiter an. Das Geld bräuchte nur bei einkommensschwachen Haushalten ankommen“, kritisiert er. Finanzieren könne der Bund das über Schulden. Wollmershäuser bleibt aber Optimist. So sei China dabei, sich wieder ein Stück mehr zu öffnen. „Es wird vorbeigehen, die Dinge werden nicht dauerhaft knapp bleiben.“  wha

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