Berlin – Ausverkauft! Das ist nichts Neues für das Berliner Ensemble. Aber die 700 Plätze des einstigen Brecht-Theaters waren diesmal besonders schnell vergriffen. „Da sagt man immer, das Theater habe keine Relevanz mehr. Dabei hätten wir mindestens 2000 Karten zusätzlich verkaufen können“, sagte der glückliche Pressechef des Hauses. Denn auf dem Spielplan stand: Angela Merkel.
Nach ihrem Abschied vom Kanzleramt hatte sie sich – zum „Auslüften“, wie sie es nennt – eine halbjährige Auszeit genommen. Nun absolvierte sie ihren ersten öffentlichen Auftritt vor Publikum. Ein Wohlfühlabend. So wenig Widerspruch, so wenig Ecken und Kanten, so unstrukturiert – das würde man einer Theateraufführung dieses Hauses nicht durchgehen lassen.
Der den Abend „Was also ist mein Land?“ moderierte, der als ihr Gesprächspartner die Kanzlerin a. D. befragte, war der geschätzte Spiegel-Journalist und Buchautor Alexander Osang. Das Paar auf der Bühne einte der offenbar gleiche Humor, ihr Witz, was dem Beginn der Veranstaltung zugutekam. Das Publikum lachte viel, klatschte nach jeder Pointe Beifall. Gute Stimmung im Saal. Doch Osangs Zuneigung zu dieser Frau – „Sie werden immer meine Kanzlerin bleiben“ – ließ ihn auf jedwede objektive Distanz verzichten. So zwitscherten sich beide munter durch Merkels Rentner-Dasein („Ich habe ein wirklich schönes großes Büro“), philosophierten über ihre Liebe zur Ostsee („Die Leute dort sind an mich gewöhnt; sie sind sehr schweigsam“), brachten ihre jüngste, vom ukrainischen Botschafter Melnyk kritisierte Bildungsreise nach Florenz zur Sprache („Das war mir wichtig, ich wollte hier auch in die europäische Geschichte eintauchen“) und erinnerten an die einst tollkühne, illegale Tour der jungen DDR-Merkel durch die Sowjetunion. In Sotschi erwischt, musste sie sich anhören: Da habe sie nun studiert und sei trotzdem ohne Genehmigung durchs Land gefahren. Ab nach Schönefeld. So schließe sich der Kreis vom „Zonen“-Airport zum heutigen Großflughafen. Das sind alles Dinge, die die Altkanzlerin nahbarer machen und die das Publikum mit spürbarem Vergnügen quittierte.
Merkel hat aber auch das Gefühl dafür, dass das Publikum mehr von ihr wissen wollte. So setzte sie immer wieder an, über Putins Krieg gegen die Ukraine, über die Rolle Europas, über Gelingen und Misslingen der Diplomatie, über die neue Bundesregierung sehr persönlich zu sprechen. Ja, vor allem dafür haben die 700 Besucher des Berliner Ensembles ihre Karten gekauft. Menschen etwa mittleren Alters, die zum Beispiel zwei Tage zuvor noch beim Rammstein-Konzert in Spandau waren und lauthals davon schwärmten. Ganz gebannt und still verharrten sie jetzt. Oder die Gruppe junger Mädchen, die bei Merkels Ausführungen sogar vergaß, auf die stummgeschalteten Handys zu schauen. Zu nennen wäre auch das Paar, das extra aus Cottbus angereist war und nach der Vorstellung draußen sich heftig echauffierte über die politischen Zwickmühlen, in denen sich Angela Merkel immer befand. Das muss man sagen: Kaltgelassen hat der Abend niemanden. Zweifellos das Verdienst der Podien-geübten, sympathisch à la „Sie kennen mich“ auftretenden Altkanzlerin.
Und doch wären konkretere, kritischere Fragen dringend erwünscht gewesen. Wo der Interviewer versagte, ist Merkel selbst souverän in die Bresche gesprungen. Indem sie etwa den Grund-Dissens zwischen der alten UdSSR sowie Putin und der Europäischen Union historisch erklärte, der gekennzeichnet war und ist durch militärischen Machteinfall: 1953 der 17. Juni in der DDR, 1956 der Aufstand in Ungarn, 1968 Niederschlagung des Prager Frühlings, 1981 bis 1983 das Kriegsrecht in Polen gegen die Solidarnosc – und immer waren die sowjetischen Panzer an vorderster Front. Der Krieg der Russen gegen die Ukraine sei die Fortsetzung dieser Strategie.
„Ich glaube“, sagte Merkel, „was wir doch für ein Glück hatten, dass es 1989 in Deutschland und Europa nicht zuletzt dank Gorbatschow so friedlich abgelaufen ist.“ Sie habe damals den Atem angehalten, dass Ostdeutschland auf Drängen Helmut Kohls nun mit zur Nato gehören sollte und als die fast 600 000 sowjetischen Soldaten aus dem ehemaligen DDR-Gebiet abgezogen wurden. Ihr sei immer bewusst gewesen, dass Putin das nie akzeptieren würde. Sein Werteverständnis sei ein anderes als das ihrige, das unsrige. So sei die berühmt gewordene Geschichte mit dem schwarzen Labrador bei ihrem Treffen mit Putin in Sotschi als Fingerzeig auf Kommendes zu verstehen gewesen. Sie habe im Umgang mit Russland immer versucht, Unheil zu verhindern. Diplomatie sei der richtige Weg gewesen, auch wenn sie nicht gelungen sei. „Deshalb werde ich mich auch nicht entschuldigen.“
Gegen Ende des Abends erzählte Osang, dass Angela Merkel einmal Anna Netrebko bei sich privat zu Gast hatte. Nun wollte er wissen, ob sie die Sängerin morgen wieder einladen würde. „Nein“, ist die spontane Antwort. „Sie hat politisch Dinge gemacht, die nicht zu akzeptieren sind. Wir sollten gucken: Wer unterstützt Putin, wer nicht? Menschen allein abzulehnen, nur weil sie Russen sind, halte ich für falsch.“
Zu guter Letzt kam dann doch noch die Frage nach Merkels „Vermächtnis“ in der CDU. „Macht es Sie nicht wahnsinnig“, wollte Osang wissen, „dass Friedrich Merz, quasi als Untoter, wieder kommt?“ Da lässt sich die Altkanzlerin und Ex-CDU-Chefin nicht aus der Reserve locken: „Merz und ich müssen ein guter Jahrgang gewesen sein; jeder wollte Erster sein. Jetzt hat das eine interessante Fortführung gefunden. Ich bin gerne in der CDU. Sie ist meine Partei.“ Und Merkel kündigte an, zusammen mit Beate Baumann, ihrer langjährigen Büroleiterin, über alle jene Fragen ein Buch zu schreiben.
Üppig beklatscht verließ sie die Bühne, um im oberen Foyer das Buch zu signieren, das drei Reden von ihr enthält und im Aufbau Verlag erschienen ist. Ein wenig enttäuscht darüber, dass die Widersprüche im politischen Leben der Altkanzlerin nicht kritisch verhandelt wurden, verließ so mancher das Theater. Auf der Strecke geblieben war die Dialektik. Das hat der alte Brecht auf seiner ureigenen Bühne wahrlich nicht verdient.