Merkels besonderes Verhältnis zu Putin

von Redaktion

München – Der sprichwörtliche Elefant im Raum war eigentlich ein Hund. Sotschi, 2007: Angela Merkel, seit zwei Jahren deutsche Bundeskanzlerin, trifft den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Und plötzlich spaziert dessen Labradorhündin Koney ohne Leine vor den Staatschefs umher. Eine Provokation, schließlich wusste Putin um Merkels Furcht vor Hunden. Fotos zeigen, wie Merkel sichtlich irritiert reagiert. „Egal, eine tapfere Bundeskanzlerin muss auch mit einem Hund fertig werden“, sagte sie am Dienstag in Berlin mit einem Lächeln.

Für Merkel-Biograf Ralph Bollmann steht diese Szene stellvertretend für das Verhältnis von Merkel und Putin. Mit keinem Staatschef habe Merkel in ihrer Amtszeit häufiger telefoniert als mit Putin (sie gelegentlich auf Russisch, er häufig auf Deutsch). Gleichzeitig war die gegenseitige Beziehung immer geprägt von Spannungen und Machtproben.

Sie habe eine „ganz normale Telefonverbindung“ zu Putin, sagte Merkel einst auf die Frage, ob sie einen besonderen Draht zu Russlands Präsident habe. Putin hingegen fand kurz vor Merkels Abschied aus der Politik warme Worte: „Zwischen uns hat sich eine sachbezogene Beziehung entwickelt. Wenn wir etwas vereinbart hatten, dann konnte ich mich auf sie verlassen.“

Bollmann glaubt, Merkel habe Putin von allen westlichen Spitzenpolitikern am genausten einschätzen können. „Seit dem Treffen in Sotschi waren die Fronten aber klar.“ Während ihr Putin erklärte, er halte den Untergang der Sowjetunion für die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts, entgegnete Merkel nach eigenen Angaben, dieser Untergang habe ihr persönlich die Freiheit gebracht. Am Dienstag sagte sie, was Putin und sie am deutlichsten unterscheidet: „Ich halte die Demokratie für richtig, er hält sie für falsch.“ Bollmann ist überzeugt, dass Merkel früh wusste, wie gefährlich Putin sein kann. Sie habe die Aufnahme der Ukraine in die Nato 2008 auch deshalb blockiert, weil sie fürchtete, Putin könne sofort losschlagen. Allerdings sei sie immer davon ausgegangen, dass Putin aus seiner eigenen Perspektive rational handle.

Ein Bruch im Verhältnis von Merkel zu Putin war die russische Annexion der Krim 2014. „Merkel hat aus damaliger Sicht sehr hart reagiert und Sanktionen in der EU durchgesetzt, während Frankreich noch Hubschrauber an Russland liefern wollte“, sagt Bollmann. Für ihn sind nach wie vor viele ihrer Russland-Entscheidungen aus damaliger Sicht schlüssig. Die Energiepolitik bleibt aber auch für Bollmann der große Widerspruch in der Russland-Politik der Kanzlerin. Warum trieb Merkel die Abhängigkeit vom russischen Gas unter anderem mit dem Bau der Pipeline Nord Stream 2 weiter voran, wenn sie sich der Gefahr, die von Putin ausgeht, so bewusst war? Bollmann sieht innenpolitische Gründe: „Wegen der Energiewende und hohen Strompreisen drängte die Industrie auf billiges Gas aus Russland, unterstützt von SPD und Union – ganz besonders von der CSU.“

Ob auf Deutsch oder Russisch: Telefongespräche zwischen Merkel und Putin dürfte es jedenfalls so schnell nicht mehr geben. Merkel sagte am Dienstag in Berlin: „Ich habe nicht den Eindruck, dass das im Augenblick etwas nützt.“ DOMINIK GÖTTLER

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