Die Mächtigen zu Gast in Elmau

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER UND JOSEF HORNSTEINER

Elmau – Der Gipfel beginnt mit dem Blick in die Berge. Bundeskanzler Olaf Scholz steht auf der Terrasse von Schloss Elmau, neben ihm US-Präsident Joe Biden, mit dem er vor dem offiziellen Beginn des G7-Treffens bei einem persönlichen Gespräch die Eckpunkte für die kommenden Tage abklopft. Die beiden schauen hinaus aufs Wettersteingebirge, ehe sie unter dem Blitzlichtgewitter der Fotografen ein paar Worte wechseln. „Es ist wunderschön“, sagt Biden und plaudert mit Scholz übers Wandern und darüber, dass er früher viel Ski gefahren ist. Doch der Smalltalk endet schnell, als die beiden auf die Weltlage zu sprechen kommen. Biden lobt Scholz’ Bemühen um die Geschlossenheit des Westens gegenüber Russland. „Wir müssen zusammenbleiben“, sagt Biden. Damit ist der Ton gesetzt für diesen Gipfel.

Zum zweiten Mal nach 2015 ist die Weltpolitik zu Gast auf Schloss Elmau im Landkreis Garmisch-Partenkirchen. Doch der Gipfel steht diesmal unter anderen Vorzeichen als noch vor sieben Jahren. Ukraine-Krieg, Energiekrise, wachsender Hunger auf der Welt – und die drängende Klimafrage gibt es ja auch noch. Die G7-Staaten ringen um Lösungen. Und wollen dabei an den Tagen im Elmauer Tal vor allem die Einigkeit des Westens gegenüber dem russischen Präsidenten Wladimir Putin demonstrieren. Während erstmals seit Wochen wieder russische Raketen auf Kiew fliegen, bleibt für Postkarten-Termine keine Zeit.

Am ersten Gipfeltag gestern deutete jedenfalls nichts darauf hin, dass die Staatschefs die enge Sicherheitszone rund um den Tagungsort für PR-Ausflüge verlassen werden. Anders als 2015, als US-Präsident Barack Obama in Krün bei einer Halben Weißbier unter Trachtlern und Gebirgsschützen eine Weißwurst sezierte. Die Bilder vom prostenden Präsidenten gingen um die Welt – und sollten die Nahbarkeit des US-Präsidenten und seine Verbundenheit mit dem deutschen Partner demonstrieren.

Heuer hingegen wird eine strikte Arbeitsatmosphäre suggeriert. Streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit tagen die Staatschefs in dem Luxushotel im Elmauer Tal. Nur ausgewählte Journalisten werden zu kurzen Terminen vom Pressezentrum am Fuße des Garmisch-Partenkirchener Hausbergs mit Shuttle-Konvois in die Sicherheitszone gefahren – teilweise sogar von der Bundeswehr geflogen. Aus dem Schloss dringen Bilder vom roten Teppich nach draußen, Scholz begrüßt die Staatschefs gemeinsam mit seiner Ehefrau Britta Ernst. Foto im Schlossgarten, Händeschütteln, ein Lächeln – nächster Gast. Später dann Gruppenfoto der Staatschefs auf einem Holzsteg vorm Alpenpanorama. Scholz beschwört den Zusammenhalt der G7. „Uns eint der Blick auf die Welt, uns eint der Glaube an die Demokratie und die Rechtsstaatlichkeit.“ Während er über Friedenssicherung in Europa spricht, summt eine Biene um sein Mikrofon. Kriegsfragen in der Idylle, das sind die Kontraste in diesen Tagen im Elmauer Tal.

Am Rande der ersten Arbeitssitzung können sich einige Staatschefs einen Seitenhieb auf Putin nicht verkneifen. Kameras halten fest, wie der britische Regierungschef Boris Johnson aufwirft, ob man angesichts der hohen Temperaturen wohl die Jacketts ausziehe oder nicht. „Wir müssen zeigen, dass wir härter sind als Putin“, sagt Johnson. Kanadas Premier Justin Trudeau erwidert in Anspielung auf ein bekanntes Foto Putins: Dazu müsse man schon mit nacktem Oberkörper reiten.

Allem Spott zum Trotz gehen die wichtigsten Akteure des G7-Treffens geschwächt in die Beratungen – aus ganz unterschiedlichen Gründen. US-Präsident Joe Biden steht bei seinem ersten Deutschlandbesuch innenpolitisch unter Druck. Die Republikaner haben mit dem Supreme-Court-Urteil zur Abtreibung einen wichtigen Sieg errungen, Biden muss sich seit Monaten gegen Vorwürfe von Altersschwäche und mangelnder Führungsstärke wehren. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kassierte jüngst bei den Parlamentswahlen eine herbe Niederlage und muss in der Heimat nach Mehrheiten suchen. Großbritanniens Premier Boris Johnson hängen die Partys in der Downing Street während des Corona-Lockdowns schwer nach. Und Kanzler Scholz muss sich die Frage gefallen lassen, ob seine Regierung genug zur Unterstützung der Ukraine tut. Für sie alle wären ein klares Zeichen der Geschlossenheit und konkrete Gipfelergebnisse ein wichtiges Signal.

Die Garmisch-Partenkirchener indes haben in diesen Tagen andere Sorgen. Die Polizeipräsenz in der Marktgemeinde ist erdrückend. Rund 18 000 Polizeibeamte sind in der Region im Einsatz. An jeder Ecke Mannschaftsbusse, Polizei-Checkpoints an sämtlichen Zufahrtswegen, permanent knattern die Helikopter am Himmel. Mehr als 180 Millionen Euro Steuergeld kostet das Polit-Spektakel. Nicht bei jedem Einheimischen überwiegt da der Stolz, Gastgeber für die Weltpolitik sein zu dürfen.

„Scheiß G7, danke für nix“ – diesen Schriftzug hatte der Betreiber eines Sportgeschäfts an sein Schaufenster geklebt. Selbst der Krüner Bürgermeister Thomas Schwarzenberger, nach der Weißwurst-Exkursion vor sieben Jahren noch mit einem Dankesschreiben von US-Präsident Obama geehrt, ließ diesmal im Vorfeld verlauten, noch einen dritten Gipfel brauche er wirklich nicht. Seinen Gemeindebewohnern in Klais, dem kleinen Weiler, durch den jedes Fahrzeug muss, das ins Elmauer Tal will, riet er: freinehmen und ein paar Tage wegfahren.

Evi Hien ist im Gegensatz zu vielen ihrer Klaiser Nachbarn nicht in den Urlaub geflüchtet. Die 56-jährige Friseurmeisterin lebt im „Alten Forstamt“, dem letzten Haus vor dem Zaun rund ums Elmauer Tal. Statt Urlauber beherbergt sie in diesen Tagen Polizisten und Sanitäter in ihren drei Ferienwohnungen. Sie nimmt die Einschränkungen gelassen. „Die ganzen Polizisten sind furchtbar nett.“ Allerdings muss sie bei ihren Radltouren aktuell ziemlich oft erklären, wo sie denn eigentlich hinwill. Dabei ist die Antwort so einfach: „Nach Hause.“ Dorthin, wo die Helikopter kreisen.

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