Der Gipfel der Geheimnisse

von Redaktion

VON DOMINIK GÖTTLER

Elmau – Der lange Weg zu Olaf Scholz beginnt um 7.20 Uhr. Viereinhalb Stunden vor der Pressekonferenz müssen die Journalisten am Pressezentrum zum gründlichen Sicherheitscheck. Sieben Kilometer von Schloss Elmau entfernt. Das Bundespresseamt jongliert mit den Anfragen tausender Berichterstatter, die sich am Fuß der Zugspitze tummeln. Wirklich nahe kommen den Mächtigen nur die wenigsten. Die Auslese ist streng. Und wer live dabei sein will, braucht viel, viel Geduld.

Manchmal hatte man in diesen Tagen das Gefühl, als gäbe es zwei Gipfel. Einen internen, in dem die Mächtigen im kleinen Kreis intensiv über die Probleme der Welt diskutieren. Ukraine, Hunger, Klima – die Liste der Krisen wächst und wächst. Dabei dürfte es keineswegs nur harmonisch zugegangen sein.

Der zweite Gipfel ist für die Weltöffentlichkeit. Vor allem: schöne Bilder vor bayerischer Bergkulisse.

Die Journalisten hält man auf Distanz. Wer dem vielbeschworenen Geist von Elmau nachspüren will, muss etliche Hürden überwinden. Mehrere Akkreditierungen sind nötig, um in das aus dem Boden gestampfte Medienzentrum am Hausberg in Garmisch-Partenkirchen und zum Tagungsort in Elmau zu kommen. PCR- und tägliche Antigentests – Pflicht.

Zweiter Sicherheitscheck für die Scholz-Pressekonferenz, bevor es in den Shuttle-Bus der Bundeswehr nach Elmau geht. „Anschnallpflicht!“, raunzt der Fahrer. „Bevor nicht alle sitzen, geht es nicht los.“ Strenger als im Schulbus. Der Bus passiert die erste Sperrzone, quetscht sich durch die Mautstelle ins Elmauer Tal. Halb 9 Uhr, Ankunft am Briefing Center, einem wuchtigen Provisorium neben dem Schloss. Um 12 Uhr soll Scholz sprechen. Ab jetzt heißt es warten.

Bei der Außendarstellung der Gipfelgäste bleibt nichts dem Zufall überlassen. Jedes Fotomotiv des Treffens ist professionell durchorchestriert. Die Staatschefs Arm in Arm vor der berühmten Holzbank. Die First Ladys beim Wandern mit Christian Neureuther. Spaziergänge der Mächtigen mit Lackschuh zum Bach am Schloss. Als Emmanuel Macron sich vor den Kameras mit Joe Biden unterhalten will, greifen sofort die Berater ein. „Vielleicht sollten wir beiseite gehen.“ Ausreißer? Wenige. Etwa, wenn Macron und seine Ehefrau bei einem abendlichen Spaziergang an der Bergstraße beobachtet werden – oder Boris Johnson im Ferchensee schwimmt. Kleine Anomalien im Protokoll.

Die Distanz der Journalisten zu den Mächtigen sorgt in der Berichterstattung für eine gewisse Schieflage: Jeder Schritt der Demonstranten wird vermeldet, größter Aufreger scheint die Frage, ob Markus Söder, der mit dem Gipfel eigentlich nichts zu tun hat, die Staatsgäste mit zu viel Bayerntümelei begrüßt. Die Ergebnisse der Beratungen mutieren zwischenzeitlich fast zur Randnotiz.

Die nüchternen Statements, die nach den Arbeitssitzungen verschickt werden, sind der große Kontrast zu der gelösten Stimmung auf den Gruppenfotos. Diplomatisch geschliffene Textblöcke über die drückenden Probleme der Welt. Während der Tagung setzen vor allem die Amerikaner die Schlagzeilen. Milliarden für Infrastruktur, Ernährungssicherheit, Verteidigung. Manches wird konkret, vieles bleibt vage. Die große Botschaft lautet: Seht her, wir stehen zusammen. Gegen den Hunger auf der Welt, für den Klimaschutz – und vor allem gegen Putin.

Zurück im Briefing Center. Gedränge auf dem Balkon. Draußen setzt sich die Autokarawane des US-Präsidenten in Bewegung. Biden has left the building. Die Blaulicht-Kolonne rollt davon.

11.30 Uhr. Rudelbildung der Journalisten. Streng dreinblickende Polizisten leiten den Weg zu einer Wiese vor dem Schloss, auf der knallgelbe Sitzsäcke aufgereiht sind. Am Himmel türmen sich dunkelgraue Wolken auf. Nach einer Stunde der Ruf von der Kameratribüne: „Er kommt!“

Der Kanzler kommt zu Fuß – über einen gemähten Weg in der Almwiese, vorbei an den ratternden Auslösern der Fotografen. Scholz spricht 45 Minuten. Er stellt die Ergebnisse der Beratungen vor, mahnt Putin, verteidigt seinen Kurs. Und er beschwört den Geist von Elmau. Verweist auf die ungezwungenen Begegnungen, die so ein mehrtägiger Gipfel erlaube. Dass man einen Gesprächsfaden nach einem Tag auch wieder aufgreifen könne – anders als bei Videokonferenzen, wo oft nur vorgefertigte Statements verlesen werden.

Im Wissen um die Belastungen dieser Tage dankt er den Bürgern in Krün und Garmisch-Partenkirchen für ihren „Langmut“. Aber Scholz betont: „Es hat sich ausgezahlt. Es ist großes Vertrauen entstanden. Und das wird uns für die nächste Zeit sehr helfen.“ Als der Kanzler über die Situation in der Ukraine spricht, donnert es über dem Wettersteingebirge.

Die Journalisten haben natürlich Fragen. Eine Kollegin der Deutschen Welle will wissen, ob Scholz sagen könne, auf welche Sicherheitsgarantien für die Ukraine sich die G7 für die Zeit nach dem Krieg verständigt haben. Scholz antwortet: „Ja. Das könnte ich.“ Macht er aber nicht.

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