Poltawa – Christoph Brumme lebt seit 2016 mit seiner Frau und seinem elfjährigen Sohn Kolja im zentralukrainischen Poltawa (siehe Grafik unten). Nach Kriegsausbruch ging seine Familie nach Berlin, er blieb als einer der „letzten Deutschen, die derzeit noch östlich des Dnipro“ leben – nahe am russisch-ukrainischen Kampfgebiet. Der 59-jährige Schriftsteller und Journalist veröffentlichte aktuell sein Kriegstagebuch „Im Schatten des Krieges“ (Hirzel-Verlag, 112 Seiten, 15 Euro).
Die banale Frage zum Anfang: Wie geht es Ihnen? Wird auch Poltawa jetzt vermehrt von den Russen beschossen?
Mir selber geht es gut, ich kann viele interessante Leute hier treffen und höre furchtbare Schicksale. Poltawa wurde bisher nur selten angegriffen – einmal haben die Russen eine Schafherde beschossen, dabei wurden 200 Schafe und ein Nachtwächter getötet. Aber ansonsten gab es hier keine Todesopfer. Vor zwei, drei Monaten haben die russischen Medien behauptet, dass in Poltawa Bio- und Chemiewaffen hergestellt würden. Aber in Wahrheit gibt es hier kaum Industrie – und deshalb ist es den Russen offenbar auch nicht wert, uns zu bombardieren.
Krementschuk, wo vor wenigen Tagen eine Rakete ein Einkaufszentrum traf, liegt ja nur 120 Kilometer von Poltawa entfernt. Wie sehr spürt man in Poltawa den Krieg?
Es gab unterschiedliche Phasen. Am Anfang waren die Menschen schockiert und hatten Angst, ob russische Bodentruppen bis Poltawa vorstoßen würden. Dann kam die große Flüchtlingswelle, weil die Menschen aus den umkämpften Nachbarstädten Sumi und Charkiw zu uns geflohen sind. Schließlich hat die ukrainische Armee im Norden von Charkiw große Geländegewinne gemacht, und viele Menschen konnten wieder in ihre Wohnorte zurückkehren. Aber noch immer sind viele Flüchtlinge hier in Kindergärten, Theatern oder Schulen untergebracht.
Was will Putin erreichen?
Putin will Macht. Er will den Westen am Nasenring durch die Weltarena führen. Er ist wie Stalin ein Sadist, der es genießt, über Leben und Tod entscheiden zu können. Es geht ihm auch um Rache, weil Russland mit den osteuropäischen Ländern nicht mithalten kann, die sich Richtung EU orientiert haben. Es ist ganz einfach: Der Westen ist reicher als Russland. Die Geheimdienst-Mafia-Clique, die Russland beherrscht, will die reichere Kultur bestehlen und erpressen.
Das würde sich auch nach Putin nicht ändern?
Ich fürchte ja. Der Kreml bedient ja auch den großrussischen Chauvinismus, der dort in der Bevölkerung vorherrscht: Die Ukrainer können ohne uns, ohne unser Gas und unser Geld und ohne unsere Macht nicht überleben. Dieses Herabschauen auf andere Nationalitäten gab es in der Sowjetunion schon genauso.
Hat Putin seiner eigenen Propaganda geglaubt, dass der russischsprachige Teil der Ukrainer unter russischer Herrschaft leben wolle?
Die Russen haben tatsächlich geglaubt, sie werden in der Ukraine mit Brot und Salz und Jubel begrüßt. Viele deutsche Medien haben dieses Narrativ über Jahre unterstützt, indem sie über die pro-russischen Kräfte in der Ukraine schrieben. Damit haben sie Putin in seinem Irrglauben bestärkt. Aber das war immer Unsinn. Es gab sicher unter den Russisch sprechenden Menschen mehr als unter den Ukrainisch sprechenden, die geglaubt haben, dass man zu Russland gute Beziehungen haben kann. Aber der Anteil derer, die eine staatliche Einheit mit Russland haben wollten, war immer sehr, sehr gering. Es haben ja nicht umsonst 90 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit der Ukraine gestimmt – auch auf der Krim und im Donbass.
In Deutschland fordern Intellektuelle um Richard David Precht und Juli Zeh, der Westen solle die Ukraine zu Verhandlungen drängen. Würde das nicht viele Menschenleben retten?
Diese Annahme ist vollkommen absurd und zeigt, dass die Verfasser keine Kenntnisse von der Lage hier haben. Bei allen Ukrainern, mit denen ich hier spreche, löst diese These, dass man mit Russland jetzt Kompromisse schließen kann, Kopfschütteln und Entsetzen aus. Erstens ist es generell schwierig, mit Moskau eine Vereinbarung zu treffen, weil die Machthaber dort nur ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit haben und Verträge nach Belieben brechen. Zweitens: Wenn die Ukraine keine Waffen mehr bekommen würde, würden die russischen Truppen vorrücken und Massenmorde im stalinschen Ausmaß organisieren. Das haben die Russen so angekündigt. Sie würden auch hier wie schon im Donbass Konzentrationslager errichten, wo Zivilisten gefoltert und ermordet werden.
Von solchen Lagern hört man bei uns nie etwas…
Das bekannteste Konzentrationslager im russisch besetzten Donezk heißt Isolatija, wo auf grausamste Weise systematisch gefoltert wird. Der Sinn dieser Lager ist, Angst und Schrecken zu verbreiten und ukrainische Aktivisten aus dem Verkehr zu ziehen. Im russischen TV wurde im Vorjahr mehrmals ganz konkret dargelegt, dass nach einem Einmarsch in die Ukraine mindestens 1,5 Millionen „ukrainische Nationalisten“ interniert werden müssten. Die Ukrainer wissen aus der Geschichte, was das bedeutet: In den gleichen Moskauer Räumen und Gebäuden, wo in den 30er-Jahren der Tod durch Hunger, der Holodomir geplant wurde, wird heute wieder die Vernichtung der Ukrainer geplant. Und deswegen stehen die Ukrainer mit dem Rücken zur Wand, weil sie fürchten müssen, dass ihnen eine Neuauflage der stalinschen Massenmorde droht.
Aber wo sehen Sie dann ein Ende dieses Kriegs? Irgendwann muss es doch am Verhandlungstisch enden.
Das ist eine ganz naive Annahme. Eigentlich könnte dieser Krieg nur mit einer umfassenden militärischen Niederlage Russlands und einer Ent-Putinisierung der russischen Gesellschaft enden, wie sie Deutschland nach dem Dritten Reich mit der Entnazifizierung erlebte. Mir ist klar, dass das unrealistisch ist, deshalb fürchte ich, dass dieser Krieg noch viele Jahre dauern wird. Denn beide Seiten kämpfen ums Überleben. Wenn Russland den Krieg verliert, droht dort der Zerfall der Staatlichkeit, auf jeden Fall kämpft das Putin-Regime um seine Existenz. Aber auch die Ukrainer stehen mit dem Rücken zur Wand. Deshalb ist nicht abzusehen, wann dieser Krieg endet.
Ihre düstere Prognose trifft auf eine wachsende Kriegsmüdigkeit in der deutschen Gesellschaft…
Die Zeugen auf dem Sofa in Deutschland sind schon müde vom Zuschauen – darüber lachen wir hier in der Ukraine sehr oft. Wir können hier nicht nur zuschauen, wir müssen auch handeln. Deutschland kann sich nur deshalb als so vorbildlich pazifistische Nation gerieren, weil es weiß, dass im Zweifel die Amerikaner sie schützen. Die Friedens-Tipps aus Deutschland wirken auf die Ukrainer nur zynisch und lächerlich.
Interview: Klaus Rimpel