Berchtesgaden – Der vergangene Juli hat das Leben von Familie Serding auf den Kopf gestellt. Die fünfköpfige Familie aus Marktschellenberg hat ihr gesamtes Hab und Gut verloren, als am 17. Juli die Wassermassen über das Berchtesgadener Land hereinbrachen. Ihre Wohnung stand unter Wasser, die Feuerwehr half bei der Evakuierung. Doch obwohl die Familie mit vielen Spenden unterstützt wurde, gelang es den Serdings bis heute nicht, eine neue Bleibe zu finden. „Wir sind zu fünft, haben einen Hund“, sagt Kim Serding – und mutmaßt, ob es daran liegen könnte, dass sie trotz mehrerer Besichtigungen bisher keinen Zuschlag erhalten haben. Die Familie wohnt momentan vergünstigt in einem Berchtesgadener Hostel.
Ein Todesopfer, mehr als 80 Millionen Euro Schaden an der Infrastruktur und viele persönliche Schicksale: Die Hochwasserkatastrophe vom Juli vergangenen Jahres hat auch im Berchtesgadener Land tiefe Spuren hinterlassen. Landrat Bernhard Kern erinnert sich, dass „ergiebiger Dauerregen“ angekündigt worden war. Warnungen des Deutschen Wetterdienstes und der Regierung von Oberbayern vor heftigen Niederschlägen im östlichen Alpenraum hatten die Behörden auf den Plan gerufen. Am Tag darauf rief Kern den Katastrophenfall aus.
In der Nacht rückten die Feuerwehren zu hunderten Einsätzen aus: Marktschellenberg stand bis zu 80 Zentimeter unter Wasser, nachdem der Fluss Ache mehrere Meter angeschwollen und über die Ufer getreten war. Die B 20 wurde unterspült, stürzte in Teilen ein. In eine Wohnsiedlung am Grünstein in Schönau am Königssee gingen schwere Muren ab und verschlammten die Häuser teils meterhoch. Eine Berchtesgadenerin ertrank im eigenen Keller, nachdem das Wasser die Türe blockiert hatte. „Unsere Hilfsorganisationen leisteten damals Unwahrscheinliches und retteten einigen Menschen das Leben“, sagt Landrat Kern.
Die Kunsteisbahn am Königssee, bekannt für sportliche Großereignisse bei Bob und Rodel, lag nach dem Blitzregen in Trümmern: Der friedliche Klingerbach war zu einem reißenden Gebirgsfluss angewachsen und hatte mächtige Gesteinsmassen durch die Sportstätte geschoben, dabei Millionenschäden verursacht. Über 50 Millionen Euro stehen nun für den Wiederaufbau zur Verfügung. Doch mancher Lokalpolitiker fürchtet, dass das bei Weitem nicht ausreicht. „Mittlerweile konnte ein Projektsteuerer beauftragt werden, die Vergabe an einen Generalplaner läuft aktuell noch“, sagt Landrat Kern. Widerstand kommt von Naturschützern, sie kritisieren die geplante Großinvestition an selber Stelle.
Denn die große Frage bleibt: Kann so eine Katastrophe wieder passieren? In den vergangenen Monaten hat das Wasserwirtschaftsamt Traunstein die Wildbäche rund um den Berchtesgadener Talkessel inspiziert. Millionenschwere Verbauungen sind notwendig, um die Sicherheit für gefährdete Gebiete wiederherzustellen. Klar ist: Die Umsetzung einiger Projekte wird Jahre dauern: Einer Familie aus Schönau am Königssee ist deshalb sogar ein neues Baugrundstück angeboten worden. Denn ihr Haus liegt mitten in der Gefahrenschneise. KILIAN PFEIFFER