Der Staat kauft Uniper-Aktien zum Schnäppchenpreis, auf Gaskunden kommen ab Herbst Mehrkosten in Höhe von zwei Cent je Kilowattstunde zu. Ein guter Handel? Tobias Federico, Geschäftsführer der Energieberatungsagentur Energy Brainpool, erklärt im Interview die Risiken der Uniper-Rettung.
War es nötig Uniper zu retten? Immerhin hat Uniper noch den zahlungsfähigen Mutterkonzern Fortum – und mit Russland schlicht auf den falschen Lieferanten gesetzt.
Man muss es mit der Bankenrettung während der Finanzkrise 2007/08 vergleichen: Uniper ist systemrelevant, weil er als großer Importeur das – vornehmlich russisches Gas – einkauft und an diverse Abnehmer, darunter Industrie und Stadtwerke, verkauft. Durch die verringerten russischen Lieferungen kann Uniper seine Lieferverträge nicht mehr einhalten und muss das Gas an den Börsen nachbeschaffen – zu horrenden Preisen.
Von welchen Preisen reden wir?
Konnte Gas früher für 20 Euro gekauft und vermarktet werden, sind es heute gut 140 Euro. Für diesen Preis muss Uniper jetzt an der Börse Ersatz beschaffen, darf es wegen der Lieferverträge aber nur für rund 20 Euro plus Marge weitergeben. Die Differenz kann weder Uniper noch die Fortum tragen. Laut dem neuen Energiesicherungsgesetz dürfte Uniper die Kosten im Falle einer Gasmangellage zwar direkt weiterreichen – das würde den Geschäftsbetrieb sichern. Aber für die Kunden wären das untragbare Mehrkosten, die der Staat dann an dieser Stelle auffangen müsste. Durch den Eingriff dämpft der Staat große Risiken für die Volkswirtschaft.
Aber durch die Umlage zahlen die Verbraucher ja doch.
Ja, aber auf alle Schultern verteilt. Uniper hat geschätzte 20 Prozent Marktanteil in Deutschland. Die Umlage streckt die Kosten jetzt auf die restlichen 80 Prozent. Für die ist das immer noch viel: Viele Leute bezahlen beim Gas noch einen Arbeitspreis von sechs Cent – da machen die von Olaf Scholz angekündigten zwei Cent gute 30 Prozent aus. Stellen Sie sich vor, das müssten die – im erweiterten Sinne – Uniper-Kunden alleine tragen. Volkswirtschaftlich betrachtet wäre der Zusammenbruch von diversen Fabriken und Privathaushalten sicher teurer als die angekündigte Gas-Umlage.
Scholz will 90 Prozent der Ersatzbeschaffungskosten weiterreichen, sprach aber auch von zwei Cent Umlage pro Kilowattstunde. Wie passt das mit den enorm schwankenden Börsenpreisen zusammen?
Gar nicht. Es kommt darauf an, was die Regierung für die Umlage festlegt. Wir haben errechnet, dass die Ersatzbeschaffung bei einem Totalausfall von Nord Stream 1 rund 30 Milliarden Euro kosten würde – bei einem Marktpreis von 120 Euro pro Megawattstunde. Aktuell fehlen 60 Prozent der Lieferungen – das passt ungefähr zu den 20 Milliarden Euro, die die Umlage von zwei Cent brächte. Falls Putin das Gas aber wieder abdreht, müssen wir damit rechnen, dass die Börsenpreise wieder steigen. Damit müsste die Umlage steigen – oder der Staat an anderer Stelle einspringen. Die Verbraucher sollten sich auf jeden Fall nicht darauf verlassen, dass es bei der angekündigten Umlage bleibt – sie könnte weiter steigen, falls der Staat die Differenz nicht trägt.
Die Kreditlinie wurde um sieben Milliarden Euro erhöht – ist das nicht genug?
Das Geld wird wahrscheinlich zu guten Teilen für Sicherheiten benötigt, die beim Gashandel üblich sind. Das Geld fließt bei der physischen Lieferung zurück, deshalb ist das für die Volkswirtschaft kein Problem. Im Gegensatz zum Gaskauf wird hier kein Geld verbrannt.
Fortum wollte Uniper bereits zuvor an den Bund verkaufen – warum tut man den Finnen den Gefallen?
Uniper ist eine 75-prozentige Tochter von Fortum. Wäre der Bund nicht eingesprungen, hätte Fortum Uniper abgeschrieben und in Konkurs gehen lassen. Dann wäre die Lieferkette an die Uniper-Kunden abgebrochen, sie hätten sich andere Händler suchen müssen, die ihnen das Gas in neuen Verträgen zu den hohen Börsenpreisen verkauft hätten. Außerdem sind Uniper-Titel gerade rund zehn Euro wert – der Bund hat sie für 1,70 Euro gekauft. Falls Uniper wieder auf die Füße kommt, kann das ein guter Handel für den Staat sein – ähnlich wie bei der Lufthansa.
Der Staat verdient und die Bürger zahlen?
Man muss das in einem größeren Kontext sehen. Gazprom Germania hatte dasselbe Problem: Russland hat dem Unternehmen, seit es unter Aufsicht der Bundesnetzagentur steht, kein Gas mehr geliefert, das Unternehmen muss den Ersatz an der Börse kaufen. Hier ist der Staat direkt mit Geld eingesprungen. Bei der Uniper bezahlen es die Bürger jetzt direkt und nicht über ihre Steuergelder. Aber am Ende kann man sagen: Die Verluste werden solidarisiert, um niemanden zu überfordern.
Interview: Matthias Schneider