München – Martin Zöllner ist Camping-Referent beim ADAC. Im Gespräch erklärt er, wie der Camping-Urlaub sein Spießer-Image losgeworden ist –und warum private Stellplätze das Wildcampen eindämmen könnten.
Früher galt Camping als spießig, jetzt urlaubt halb Deutschland im Wohnmobil. Was ist passiert?
Halb Deutschland ist es noch nicht, aber tatsächlich hat das Camping in den vergangenen Jahren sehr viele neue Fans gewonnen. Seit 2009 steigen alle Zahlen an, von den Neuzulassungen von Freizeitmobilen bis hin zu den Übernachtungen auf Campingplätzen. Der bisherige Rekord liegt bei mehr als 35 Millionen Übernachtungen im Jahr 2019. In diesem Jahr rechne ich mit einem neuen Höchstwert.
Warum ist Camping so gefragt?
Camping hat einen Imagewechsel durchlaufen. Es ist eben nicht mehr spießig, mit dem Wohnmobil in den Urlaub zu fahren, sondern es ist individuell, selbstbestimmt und naturnah. Außerdem spielt das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle. Ein Campingurlaub hat eine sehr viel bessere Ökobilanz als eine Flugreise oder eine Kreuzfahrt. Auch die Campingplätze bemühen sich um mehr Ökologie, etwa beim Thema Strom und Warmwasser. Das kommt bei den Besuchern an.
Hat die Pandemie den Camping-Trend befeuert?
Möglicherweise, wobei das Wachstum des Marktes ja schon lange vor Corona begonnen hat. Ich persönlich glaube, dass wir die Zuwachsraten auch ohne die Pandemie bekommen hätten. Auffällig ist, dass gerade junge Familien das Camping für sich entdeckt haben, von daher denke ich, dass der Trend auch in Zukunft weiter anhalten wird.
Zugenommen hat auch das Angebot an privaten Stellplätzen. Was steckt hinter dem sogenannten Mikrocamping?
Mikrocamping ist ein junger Trend, der unter anderem aus Frankreich zu uns gekommen ist. Er richtet sich an all diejenigen, die auf die Infrastruktur eines Campingplatzes verzichten können oder verzichten wollen. Es ist alles etwas improvisierter und auch ursprünglicher, mehr so, wie Camping früher einmal war. Von daher ist es eine gute Ergänzung zu den bestehenden Angeboten und hilft vielleicht auch dabei, das Wildcampen wieder einzudämmen.
Hat das Wildcampen denn so überhandgenommen?
Leider ja. Waren es früher einige wenige, reden wir jetzt davon, dass ganze Wanderparkplätze und Waldlichtungen zugeparkt sind oder dass sich Menschen illegal auch in sensible Naturräume stellen und dort mitunter ihren Müll zurücklassen. Das geht überhaupt nicht, davon abgesehen, dass in Deutschland in Landschafts- und Naturschutzgebieten das Wildcampen streng verboten ist.
Ein Problem ist die Entsorgung der Camping-Toilette und des Abwassers. Wie regle ich das als Nicht-Campingplatz-Urlauber?
Hier sind wir in Deutschland tatsächlich nicht besonders gut aufgestellt, nur wenige Raststätten an der Autobahn haben eine Entsorgungsstation. Besser sieht es hingegen bei öffentlichen Stellplätzen aus, die meistens über eine entsprechende Station verfügen. Ein Tipp hier wäre noch, zu einem Campingplatz zu fahren und dort die Ver- und Entsorgung vorzunehmen. Viele Campingplätze haben ihre Stationen am Eingang platziert, sodass man hier auch nicht unnötig rumrangieren muss und das Ganze schnell erledigt ist.
Interview: Beatrice Oßberger