Mit toten „Malefizianten“ begann Bayerns Medizin

von Redaktion

Vor 550 Jahren eröffnete die Ludwig-Maximilians-Universität – und lehrte den Arztberuf anfangs rein theoretisch

EIN GASTBEITRAG VON PROF. WOLFGANG LOCHER

München – Wenn man von der Ludwig-Maximilians-Universität spricht, denkt man unweigerlich an den Monumentalbau von Friedrich von Gärtner an der Münchner Ludwigstraße. 550 Jahre wird die LMU in diesem Sommer alt. Was die wenigsten wissen: Ihre Ursprünge liegen keineswegs in München, sondern in Ingolstadt. Die Medizin war von Anfang dabei, mit einem einzigen Lehrstuhl und nur einer Handvoll Studenten. Seither hat sich viel getan: Aus dem einen medizinischen Lehrstuhl sind 59 Ordinariate geworden und man zählt aktuell über 7000 Studierende der Medizin.

Ludwig der Reiche

Am 26. Juni 1472 eröffnete Herzog Ludwig der Reiche seine Landesuniversität und band Bayern so in die europäische Hochschullandschaft ein. Die Medizinische Fakultät konstituierte sich mit einer Vorlesung über einen Text des arabischen Spitzenmediziners Avicenna. Leitbild in der Lehre war damals der antike Wissenskanon aus griechischer und arabischer Medizin. Schon Mitte des 16. Jahrhunderts empfand man den reinen Vorlesungsbetrieb als unzureichend – und die vom flämischen Chirurgen Andreas Vesal vorangetriebene Anatomie fand auch in Ingolstadt verstärkt Beachtung. 1576 wurde die Verwendung von hingerichteten „Malefizianten“, also Übeltätern, zu Sektionszwecken erlaubt. Studenten übten sich selbst in der Zergliederungskunst und begleiteten ihre Lehrer zu Krankenbesuchen.

Im Reformmodus

Im reformeifrigen 18. Jahrhundert mündete das staatliche Nützlichkeitsdenken ans Bildungswesen darin, ärztliche Fertigkeiten praktisch effizienter zu vermitteln. Dies war nur möglich, weil die Fakultät sich durch geschicktes Spendensammeln 1723 erstmals ein eigenes Gebäude leisten konnte, in dem alle Lehreinrichtungen für die Anatomie, Chirurgie und die an Bedeutung gewinnenden Naturwissenschaften unter einem Dach Platz fanden. Es folgte der Übergang zu Fachprofessuren – und ein Wandel in der chirurgischen Ausbildung. Bislang stark theorielastig, wurden die Eingriffe nun an Leichen trainiert, um den angehenden Ärzten die Angst vor dem Operieren zu nehmen. Und schließlich wandelte sich die „Hohe Schule“ von einer reinen Lehranstalt zu einer Lehr- und Forschungseinrichtung, die wohl bedeutendste Metamorphose der LMU.

Die Zeit in Landshut

Als die Universität 1800 nach Landshut zog, wurde im Geiste der Aufklärung die traditionelle Gliederung nach Fakultäten aufgelöst – was vor allem das Medizinstudium nicht einfacher machte. Das Vierteljahrhundert in Landshut war geprägt von Kontrolle durch die Obrigkeit, die einen hohen Qualitätsstandard in der Lehre einforderte.

Zugleich gab es einen erbittert geführten Streit zwischen den verschiedenen medizinischen Denksystemen, begleitet von der Klage, es sei so selbst dem fleißigsten Studenten unmöglich, sich zu einem „halbbrauchbaren Arzte“ auszubilden. Mit der Eingliederung der Universitäten Erlangen (1810) und Würzburg (1814) ins Königreich Bayern verlor die alte Landesuniversität allmählich auch ihren singulären Status.

Umzug nach München

Angeregt von seinem Reisearzt Johann Nepomuk von Ringseis verlegte der junge König Ludwig I. 1826 die Uni nach München. An der neuen Topadresse mit der 1758 gegründeten Akademie der Wissenschaften galt es, Wissenschaft und Forschung zu bündeln und vor allem für die Lehre nutzbar zu machen. Triebfeder für die Verlegung in den Regierungsmittelpunkt des Landes war auch die Standortkonkurrenz mit den Universitäten in Berlin, Göttingen und Wien. Die Medizin spielte bei der Verlegung eine Vorreiterrolle. Seit 1813 gab es in der königlichen. Hauptstadt das Allgemeine Krankenhaus, das mit seinen 600 Betten eine zeitgemäße Ärzteausbildung ermöglichte. Überdies verfügte die Akademie der Wissenschaften schon über ein Anatomiegebäude, der zweite wichtige Baustein für eine medizinische Hochschule.

Vom liberalen Zeitgeist inspiriert, war die frühe Phase in München von einer weitgehenden Lehr- und Lernfreiheit geprägt, ohne strenge Kontrollen durch Zeugnisse und Prüfungen. Dass es in der Medizin nicht ganz ohne Examen ging, war im Grunde allen klar, doch herrschte auch hier ein Minimum an Kontrolle. Spätere Studienordnungen strafften die Zügel wieder. Ab 1843 passte man die ärztliche Ausbildung allmählich an die Entwicklung der Heilkunde zur modernen Heilwissenschaft an, die sich nun als angewandte Naturwissenschaft definierte. Der praktische Teil des Studiums wurde kontinuierlich intensiviert. So kam ab 1843 die Einrichtung von Polikliniken in Gang, in denen die Studenten den Praxisalltag besser kennenlernten.

Weg in die Moderne

Als der für die Wissenschaften besonders aufgeschlossene König Maximilian II. 1848 die Regierung übernahm, trieb er die Entwicklung zur modernen Heilwissenschaft weiter voran. Mit einer klugen Berufungspolitik und dem Ausbau klinischer und wissenschaftlicher Institute sorgten er und danach sein Sohn Ludwig II. für die nötige moderne Infrastruktur. Das vom Kliniker Hugo von Ziemssen 1878 eröffnete medizinisch-klinische Institut verzahnte Lehre und Forschung und war in Deutschland das erste seiner Art.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts kündigte sich auch die Spezialisierung in der Medizin an. So kam es 1863 zur Trennung der Augenheilkunde von der Chirurgie und die LMU bekam den ersten deutschen Lehrstuhl für Dermatologie. 1886 fiel der Uni das von August von Hauner gegründete Kinderspital zu, was der Pädiatrie als Hochschulfach einen Megaschub gab. Die Physiologie (1855), Pathologie (1874) und die Pharmakologie (1893) bekamen kostspielige Institute und insbesondere in der Hygiene war Bayern durch die Arbeiten Max von Pettenkofers international führend. Er sorgte dafür, dass 1865 in Bayern die weltweit ersten Lehrstühle für Hygiene entstanden.

Internationalen Ruf erlangte auch die von Pettenkofer und dem Physiologen Carl von Voit etablierte Münchner Stoffwechselschule. Mit dem 1898 eingerichteten Lehrstuhl für Physikalische Therapie und Röntgenologie brachte sich die akademische Medizin gezielt auch in Stellung gegen die populären Wasserkuren eines Pfarrers namens Sebastian Anton Kneipp in Bad Wörishofen. Begleitet war diese Entwicklung von einem Studenten-Boom. So wollten um 1900 von den damals 4391 an der Uni in München eingeschriebenen Studenten 1184 Arzt werden.

Die ersten Ärztinnen

Galt das weibliche Geschlecht bis dahin als nicht zum Medizinstudium tauglich, traten im Wintersemester 1903/04 erstmals Frauen an. Im Ersten Weltkrieg waren die Ärztinnen dann schon begehrte Arbeitskräfte. Ärzte und Forscher stärkten den Ruf Münchens als Wissenschaftsstandort. Der Physiologe Otto Frank (1865–1944) stärkte die Herz-Kreislauf-Forschung, Emil Kraepelin (1856–1926) und Alois Alzheimer (1864–1915) machten die Universität zu einem internationalen Forschungszentrum in der Psychiatrie. Die 1916 eröffnete Frauenklinik an der Maistraße wurde unter Albert Döderlein (1860–1941) zur weltweit führenden Adresse bei gynäkologischen Bestrahlungen. Und Ferdinand Sauerbruch (1875–1951) förderte in den 1920er- Jahren nicht nur die Thoraxchirurgie, sondern legte auch den Grundstein für eine beispielhafte experimentell-chirurgische Forschung an der Universität München.

Krieg und Neuanfang

Im April 1933 verdrängte die antisemitische Politik der Nazis jüdische Mediziner aus ihren Lehrämtern. Widerstandsgeschichte schrieben die zum Kreis der „Weißen Rose“ gehörenden Medizinstudenten Hans Scholl, Christian Probst und Alexander Schmorell, die ihren Mut mit dem Leben bezahlten.

Nach den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg war der heutige Campus Innenstadt viele Jahre Ruine und Baustelle. Zu Beginn der 1950er-Jahre wurden aber auch alte Strukturen überdacht. So fiel 1955 der Entscheid für einen Neubau des Unispitals in Großhadern, das ab Mitte der 1970er-Jahre schrittweise in Betrieb ging. Am Campus Innenstadt und am Campus in Großhadern sorgen heute Spitzenkräfte für eine hoch spezialisierte Medizin. Bei den Lerninhalten und im Unterrichtsstil ist man – wie schon in der Vergangenheit – ständig bemüht, mehr echte Praxis zu bieten und die Studierenden noch besser vorzubereiten. Doch noch heute gilt wie vor 550 Jahren: Ein richtiger Arzt zu sein, das lernt man erst nach dem Studium.

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