Jetzt spürt auch Russland den Krieg

von Redaktion

VON MARCUS MÄCKLER

München – Der Zufall ist mächtig, aber so mächtig nun auch wieder nicht. Russlands Präsident hat gerade angekündigt, hunderttausende Reservisten in den Krieg schicken zu wollen, da geht auf den großen Flugportalen im Land nichts mehr: Die Seite „Aviasales“ verkündet, dass Direktflüge in benachbarte Ex-Sowjetrepubliken ausgebucht seien, auch Flieger in die Türkei oder nach Serbien sind auf Tage voll. Die Preise für Inlandsflüge in Grenzstädte hätten sich abrupt verzehnfacht, heißt es. Laut Google suchten Nutzer am Mittwoch 100 Mal öfter nach „Russland verlassen“ als an normalen Tagen.

Man darf das als direkte Reaktion auf die Teilmobilmachung verstehen, die Wladimir Putin am Mittwochmorgen verkündet. Bislang war der Krieg in Russland mehr propagandistisch gefiltertes TV-Ereignis als Realität – seit gestern betrifft er ganz normale Menschen. Der Ansturm auf Tickets ist zumindest ein Indiz dafür, dass viele nicht bereit sind, als Kanonenfutter in der Ukraine zu enden.

Dabei hatte sich der Schritt seit Tagen angekündigt, denn der Kreml steht unter Druck. Der Angriffskrieg auf die Ukraine – ursprünglich auf ein paar Tage angelegt – dauert nun schon sieben Monate, Kiews Gegenoffensive drängte zuletzt die russischen Truppen im Osten des Landes zurück. Putins gestrige Rede ist der Versuch eines Befreiungsschlags. Mit Verspätung und kürzer als üblich wendet er sich direkt an die Russen. Was Putin seinen Landsleuten mitgibt, sind Botschaften aus einem anderen Universum.

Russlands Präsident spricht von einer „aggressiven Politik westlicher Eliten“, deren Ziel es sei, Russland „zu spalten und letztlich zu zerstören“. Die Regierungen in Washington, London und Brüssel hätten die Ukraine in diesen Konflikt getrieben, pumpten sie mit Waffen voll und machten das ukrainische Volk zu Kanonenfutter. „Mit seiner aggressiven antirussischen Politik hat der Westen alle Grenzen überschritten“, sagt Putin. Deshalb unterstütze er die Teilmobilmachung. Es gehe um nicht weniger als darum, „unser Heimatland, seine Souveränität und territoriale Integrität zu schützen“. Damit meint er ausdrücklich auch die vier besetzten ukrainischen Regionen, in denen ab morgen Scheinreferenden zum Anschluss an Russland stattfinden sollen.

Der Aggressor erklärt den eigenen Angriff also zum Verteidigungsfall. So aberwitzig das klingt: Es ist der Versuch, den Krieg und seine Folgen radikal umzudeuten. So deutlich wie nie erklärt Putin den Westen zum eigentlichen Gegner Russlands. Hitzige Propagandisten hatten in den letzten Tagen im Staatsfernsehen ähnliches behauptet.

Kurios: Putin spricht noch immer von einer Sonderoperation, nicht von Krieg – obwohl es sich angesichts der Teilmobilmachung kaum mehr verschleiern lässt. Peu à peu sollen nun 300 000 russische Reservisten eingezogen und ausgebildet werden. Putin betont, es gehe nur um Menschen mit militärischer Erfahrung. Er erfüllt damit eine Forderung jener Ultranationalisten, die den Kreml zuletzt offen für dessen Kriegsführung kritisierten.

Es ist auch der Versuch, die personellen Lücken aufzufüllen, die die russischen Truppen plagen. Die ukrainischen Soldaten sind in der Überzahl und hoch motiviert – ihnen stehen Berufssoldaten, Söldner und Freiwillige gegenüber, die oft nicht wissen, wofür sie eigentlich kämpfen. Ob die Mobilmachung das ändert, darf man bezweifeln.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hält dagegen. Putin brauche „eine millionenschwere Armee“, sagt er am Mittwoch im Interview mit der „Bild“; stattdessen sehe er, „dass seine Einheiten einfach weglaufen“. Putin habe längst Kadetten mobilisiert, „Jungs, die nicht kämpfen konnten. Diese Kadetten sind gefallen“.

Als Putin spricht, ist es in New York noch Nacht. Dort treffen sich die Staatschefs der Welt zur UN-Generalversammlung, auch Kanzler Olaf Scholz ist dort. Er reagiert, wie viele im Westen, nennt die Mobilmachung einen „Akt der Verzweiflung“; andere meinen, Putin sei verzweifelt und in Panik. „Russland kann diesen verbrecherischen Krieg nicht gewinnen“, sagt Scholz. Der Kreml mache „alles noch viel schlimmer“. Selbst China, eigentlich Moskaus Alliierter, ruft dazu auf, durch Dialog einen Waffenstillstand zu erreichen (siehe rechts).

Davon ist Moskau weit entfernt. Putin eskaliert nicht nur den Krieg, sondern einmal mehr auch seine Rhetorik. Unverhohlen droht er mit einem Atomschlag. Die atomare Erpressung gehe – natürlich – vom Westen aus, sagt er und verweist dann auf die russischen Atomwaffen. „Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht ist, werden wir natürlich alle uns zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um Russland und unser Volk zu verteidigen.“ Dann schiebt er noch nach: „Dies ist kein Bluff.“

Das klingt dann doch ein wenig so, als fürchte er, dass westliche Regierungen die Drohung nicht mehr ganz ernst nehmen. Immerhin ist es nicht das erste Mal, dass er diese Karte zieht. Das Weiße Haus in Washington erklärt allerdings, man nehme die Sache „sehr ernst“. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg verurteilt die „rücksichtslose nukleare Rhetorik“.

Putin beeindrucken solche Mahnungen nicht. Seine Rede schließt er mit einem pathetischen Appell. „Es liegt in unserer historischen Tradition, in dem Schicksal unseres Volkes, dass wir denjenigen Einhalt gebieten, die nach der Weltherrschaft streben, die damit drohen, unser Vaterland, unsere Heimat zu zerstückeln und zu versklaven.“ Er sagt das grimmig, aber mit großem Ernst und betont dann, er zähle auf die Unterstützung der Russen.

Allerdings gingen gestern schon die ersten Russen gegen die Teilmobilmachung auf die Straße. Aktivisten zufolge wurden in 36 Städten insgesamt mindestens 1054 Menschen festgenommen. Zudem berichteten Medien, dass russische Airlines vorübergehend keine Tickets mehr an russische Männer im Alter zwischen 18 und 65 verkauften – wenn nicht zusätzlich ein Bestätigungsschreiben des Verteidigungsministeriums vorlag. Das Vertrauen in die Unterstützung der eigenen Bevölkerung scheint doch Grenzen zu haben.

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