München – Die Boeing 727 „Kiel“ der Lufthansa hebt am 29. Oktober 1972, einem Sonntag, gegen 6 Uhr in Beirut ab. Der Flug soll über Ankara und München nach Frankfurt führen. Doch kurz nach dem Start beobachtet einer der nur 13 Passagiere, ein spanischer Journalist, dass sich in der Mitte der Kabine ein Mann in den Gang gestellt hat. „In der rechten Hand eine kleine Pistole, in der linken Hand eine weiße Dose von der Größe einer Thermoskanne.“ Aus einer Tasche schaut ein Stück Schnur heraus, das mit der Dose verbunden ist. Eine Bombe. Das Flugzeug ist jetzt in der Hand zweier Entführer, die sich als Abgesandte einer „Nationalen arabischen Front zur Befreiung Palästinas“ vorstellen.
Bis heute ranken sich um diese Flugzeug-Entführung, die 15 Stunden dauern sollte, zahlreiche Mythen und Spekulationen. Denn sie endete mit der überraschend reibungslosen Freilassung der überlebenden drei (von ursprünglich acht) Terroristen des Münchner Olympia-Anschlags knapp zwei Monate zuvor, am 5. September 1972. So schnell wurden die drei jungen Palästinenser damals von der bayerischen Staatsregierung ausgeliefert, dass bis heute der Verdacht besteht, das alles sei inszeniert gewesen – um die lästigen Gefangenen loszuwerden.
Bis heute ist die Empörung in Israel groß, weil die Attentäter so straffrei blieben. Die Verantwortlichen, unter anderem der damalige bayerische Innenminister Bruno Merk (CSU), haben jedoch stets bestritten, sich auf einen Deal mit den Palästinensern eingelassen zu haben.
Unsere Zeitung konnte nun ein Tonband aus dem damaligen Lagezentrum des Innenministeriums abhören, in dem die entscheidenden Stunden zwischen Entführung und Freilassung dokumentiert sind. Insgesamt fast drei Stunden Aufnahmen – Gespräche zwischen Merk und seinen Beamten in München einerseits, dem eilens in Bonn eingerichteten Krisenstab andererseits. Zum Teil telefonierten Merk und sein Amtskollege, Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), direkt miteinander. Auch der damalige Bundesverkehrsminister Lauritz Lauritzen (SPD) und der damalige Lufthansa-Chef Herbert Culmann sind zu hören.
Das bayerische Innenministerium hat das Tonband erst in diesem Frühjahr ans Bayerische Hauptstaatsarchiv abgegeben. Nun ist es digitalisiert und für die Forschung freigegeben.
Deutlich wird, dass die Politiker sowohl in München als auch in Bonn von der Entführung ziemlich überrascht wurden, dass ihnen die Situation zunehmend entglitt und sie eher reagierten als aktiv agierten.
Die relevante Passage auf dem Tonband, das insgesamt 3:44 Stunden Mitschnitt dokumentiert, setzt mit einem Anruf im Laufe des Samstagvormittags aus dem Bonner Krisenstab ein, in dem sich „Bonn“ erst einmal versicherte, ob Bayern gewillt sei, die drei inhaftierten Geiselnehmer von München überhaupt freizulassen. Das konnte der bayerische Beamte im Lagezentrum bestätigen. Wörtlich sagte er: „Ja natürlich. Der Herr Justizminister (Philipp Held, CSU – d. Red.), der zuständig ist, ist hier im Raume und er hat die Entscheidung getroffen. Sie werden freigegeben.“
Die Entführung war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Stunden alt. Die Maschine war zwischenzeitlich in Nikosia auf Zypern gelandet, aufgetankt worden und jetzt wieder in der Luft. Zunächst mit Kurs auf Bayern – im Lagezentrum war von Nürnberg die Rede. Dann jedoch änderte das Flugzeug den Kurs und steuerte Zagreb im damaligen Jugoslawien an. Es war unklar, ob es dort landen sollte – oder doch in Bayern? Nun, gegen Mittag, erörterten Merk und Genscher persönlich die Modalitäten eines eventuellen Austausches der drei Gefangenen gegen die Geiseln. „Nach den uns vorliegenden Erkenntnissen“, setzte Merk dem deutschen Innenminister auseinander, gehen die Entführer „keinerlei Risiko ein. Sie werden die Maschine nicht verlassen, nicht einmal auftanken lassen in München, sondern sie erwarten die Gefangenen auf der Startbahn.“ Die Gefahr bestehe aber, dass sie danach einfach weiterflögen – mit den Geiseln. Das müsse unbedingt verhindert werden.
Genscher war es zunächst wichtig, festzustellen, dass die Bundesregierung nicht von einer Freilassung abrate. Zweitens wies er Merk darauf hin, dass sich die israelische Regierung gegen den Austausch ausgesprochen habe. Merks Reaktion war indes ziemlich kühl: „Na ja, die können uns ja gern haben, oder sind Sie anderer Meinung“, fragte er Genscher. Der jedoch hatte keine Einwände und sagte nur „Nein, nein“.
In der Zwischenzeit waren die drei Münchner Terroristen mit Hubschraubern aus verschiedenen Gefängnissen geholt und nach München gebracht worden. Aus der Tonbandaufnahme wird deutlich, dass es längere Zeit unklar war, ob sie sofort nach Riem gebracht werden oder erst einmal in einem Münchner Polizeigefängnis warten sollten. Merk war für Riem, die Polizei dagegen. Gegen Mittag trafen sie jedoch in München-Riem ein.
Die Boeing 727 mit den 13 Geiseln kreiste derweil immer noch im jugoslawischen Luftraum. In der Maschine verteilten die Entführer Alkohol an die Passagiere, auch geraucht werden durfte. Bald war der ganze Boden mit leeren Zigarettenpäckchen übersät. Doch die Anspannung blieb. „Immer wenn das Flugzeug in ein Luftloch fällt, haben wir Angst, dass der Sprengstoff hochgeht“, berichtete der spanische Journalist Salvador Salazar Carrion von der Nachrichtenagentur Efe, dessen Artikel am 31. Oktober 1972 in der Zeitung La Vanguardia (Barcelona) erschien.
Nun schaltete sich an jenem Samstag ein dritter Akteur ein: der damalige Lufthansa-Chef Herbert Culmann. Er war, kaum dass die Nachricht von der Entführung eingetroffen war, mit einer kleinen Condor-Maschine vom Typ Hawker Siddeley von Köln nach München geeilt und nun offenbar willens, zusammen mit den Gefangenen weiterzufliegen. Auf dem Tonband ist zu hören, wie Culmann im Lagezentrum anruft und darauf hinweist, dass die Zeit dränge und die Gefangenen schnell zum Austausch nach Zagreb transportiert werden müssten. Die Boeing über Zagreb habe „noch 35 Minuten Sprit“, wenn man in München nicht schnell starte „mit den drei Leuten, lassen sie das Flugzeug runterfallen.“
Merk war jedoch dagegen, die Gefangenen jetzt schon loszuschicken und sie „einfach blind hinauszugeben“, wie er es ausdrückte. Culmann schlug daraufhin vor, schon zu starten, man könne ja dann in der Luft Weisungen empfangen. Das brachte den Beamten im Lagezentrum leicht aus der Fassung. Er schrie fast ins Telefon: „Sie dürfen den deutschen Luftraum nicht verlassen, bevor wir die Zustimmung der jugoslawischen Behörden haben. Das ist ausgeschlossen.“
Um 15.11 Uhr gab es eine neue Entwicklung. Das Lagezentrum erreichte die Information, dass die Kidnapper die Passagiere erst in einem arabischen Land freilassen wollten. Nicht also in Zagreb. Der Plan von Merk, in Jugoslawien einen Austausch Geiseln gegen Gefangene zu erreichen, war damit gescheitert.
Die Maschine mit den drei palästinensischen Gefangenen in Riem war indes immer noch nicht gestartet. Selbst als die Entführer mit Kontaktabbruch drohten, zögerte Merk weiterhin, wie er Genscher erklärte: Er sei „der Meinung, dass wir auf diese Bedingung nicht eingehen“, denn wenn man die drei freigebe, „dann haben wir überhaupt nichts erreicht.“ Erst als er darüber informiert wurde, dass die Entführer der Boeing mit der Sprengung der Maschine drohten, gab er nach: Die Hawker Siddeley solle starten, aber den deutschen Luftraum nicht verlassen. Kurz vor 16 Uhr hob das kleine Flugzeug in München-Riem ab. Mit an Bord: die drei Olympia-Attentäter, einige Beamte und Lufthansa-Chef Herbert Culmann, der, wie sich herausstellen sollte, ziemlich draufgängerisch agierte.
Am Ende ging die Entführung gut aus. Die Geiseln und die Besatzungsmitglieder kamen unverletzt frei – allerdings auch die drei Terroristen, die in Libyen untertauchen konnten. Doch es gab Stunden an jenem 29. Oktober 1972, in denen es nicht so gut aussah – zwischenzeitlich entglitt dem Münchner ebenso wie dem Bonner Krisenstab der Gang der Ereignisse.
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