Wie München das Football-Fieber packte

von Redaktion

Die NFL-Stars besuchen die Landeshauptstadt – Marketing und Sport gehen hier Hand in Hand

VON NICO-MARIUS SCHMITZ

München – „Egal, wo du hingehst, die Leute reden in dieser wunderschönen Stadt über Football“, sagt Brett Gosper, Europa-Chef der National Football League (NFL). Nur wenige Meter entfernt trainieren an der Säbener Straße die Seattle Seahawks. Bei lauter Techno-Musik tanzen 53, meist über 100 Kilogramm schwere Männer über den gepflegten Fußball-Rasen. An der Seitenlinie schauen Hasan Salihamidzic, Sportvorstand des FC Bayern, und Stürmerlegende Claudio Pizarro zu. Alle wollen dabei sein, wenn die NFL zu Gast in München ist.

Am Sonntag ist es so weit, die Tampa Bay Buccaneers treffen in der Allianz Arena auf die Seahawks (15.30 Uhr). Es ist das erste reguläre Saisonspiel der NFL in München. Und der Ansturm war riesig. Über drei Millionen Tickets hätten für das Spiel verkauft werden können. In der Spitze tummelten sich 800 000 Menschen gleichzeitig in der virtuellen Warteschlange. Moment mal, warum spielt die NFL überhaupt in der Fußballmetropole München? Und warum wollen dort so viele Menschen hin?

Es gab in Deutschland immer schon eine eingeschworene Football-Fangemeinde, für die breite Masse schien die Sportart aber lange nichts zu sein. Die Regeln zu kompliziert, die Teams zu weit weg, die Spiele teilweise in der Nacht. Trotzdem entschied sich ProSieben 2012 dazu, NFL-Rechte zu erwerben. Das Konzept der „ran“-Sendung: Eine Football-Übertragung für alle, nicht nur für ohnehin schon begeisterte Fans, die alle Regeln kennen. Zuschauer wurden langsam in die Welt des Footballs eingeführt und aktiv mit eingebunden.

Durch diese Taktik entstand eine Gemeinschaft, die „ran-Community“, die von Woche zu Woche größer wurde. ProSieben erwarb von Saison zu Saison mehr Rechte und baute die Berichterstattung aus. „Bei allem Optimismus, den wir damals hatten, dass es eine solche Erfolgsstory in diesem Ausmaß werden würde, war vor zehn Jahren ehrlich gesagt nicht vorherzusehen“, sagt „ran“-Sportchef Alexander Rösner. Den letzten Super Bowl, das Endspiel einer Football-Saison, sahen 1,84 Millionen Zuschauer im Schnitt, 60,5 Prozent Marktanteil in der Zielgruppe 14 bis 49 Jahre. „Man kann schon sagen: Ohne ranNFL wären die NFL und die Sportart American Football in Deutschland wahrscheinlich nicht da, wo sie heute stehen“, sagt Rösner.

Die NFL darf man sich nicht nur als Liga, sondern als riesiges Wirtschaftsunternehmen vorstellen. Die 32 Vereine sind Franchises, die jeweils einem Besitzer gehören. Die sogenannten Owner entscheiden über die Geschicke der NFL. Und das primäre Ziel ist: Wachstum. Um weitere Märkte außerhalb Amerikas zu erschließen, veranstaltet die NFL schon seit Jahren internationale Spiele in London und Mexiko.

Inzwischen ist Deutschland der spannendste, weil größte und am schnellsten wachsende Markt. Laut einer Analyse der Liga interessieren sich hierzulande 17 Millionen Fans für den Sport. Deshalb entschied sich die NFL dazu, vier Spiele in den nächsten vier Jahren in Deutschland zu veranstalten. Zwei in München und zwei in Frankfurt.

„Das ist das Nonplusultra. Das wird eine ganz neue Leidenschaft entfachen“, sagte der ehemalige NFL-Spieler Kasim Edebali. „Der Football will Teil der deutschen Gesellschaft sein“, sagt Sebastian Vollmer, der den Super Bowl mit den New England Patriots gewann.

Die New England Patriots, die Tampa Bay Buccaneers, die Kansas City Chiefs und die Carolina Panters haben exklusive Vermarktungsrechte für den deutschen Markt erworben. Die NFL macht ernst, will sich langfristig in Deutschland etablieren.

Hierbei spielt das „Flag Football Programm“ eine zentrale Rolle. Flag Football ist eine kontaktfreie Variante. Hierdurch sollen Kinder schon früh für den Sport begeistert werden. Über 100 deutsche Schulen wurden von der NFL bereits mit Ausrüstung und Lerninhalten ausgestattet. Am Mittwoch fand ein Turnier in Unterhaching statt. Fünf Schulklassen, für München nahm das Erasmus-Grasser-Gymnasium teil, spielten um die Teilnahme an einem internationalen Turnier in Las Vegas. Am Ende konnte sich das Goethe-Gymnasium Frankfurt auf die Reise freuen.

In der Halbzeitshow des Spiels am Sonntag bestreitet die deutsche Frauen-Flag-Football-Nationalmannschaft ein „Showmatch“ – vor 67 000 Fans. Mit dabei sein wird auch die Münchnerin Johanna Schuller: „Das ist eine Bühne, die wohl noch keine Flag Footballerin bislang erleben durfte. Begeisterung, bisschen Angst, Nervosität und Aufregung, es ist alles an Emotionen dabei.“ Unter den 67 000 Fans sind auch Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees anwesend, Flag Football soll olympisch werden, und das möglichst schon bis zu den Spielen in Los Angeles 2028. Wachstum, koste es, was es wolle!

Die NFL hat derzeit einen Umsatz von 17,1 Milliarden Dollar pro Jahr. Da kann man es sich auch leisten, die Allianz Arena umbauen zu lassen, um den Bedürfnissen eines Football-Spiels zu entsprechen. Die Rasenfläche wurde verlängert, die sanitären Einrichtungen für die Spieler erweitert, das Field Goal muss einbetoniert werden, neue LED-Leisten wurden eingebaut, Prallwände statt Stahlzäune in der Auslaufzone der Spieler. Jürgen Muth, Geschäftsführer der Allianz Arena, sagt: „Wir weichen das erste Mal ab von dem Erbpachtvertrag der Stadt München, der besagt, dass man über 90 Jahre eigentlich nur Fußball in der Arena spielen darf.“

München putzt sich heraus für ein Football-Spiel. Der Odeonsplatz soll der zentrale Platz für Fan-Treffen sein, in der Stadt gibt es 20 NFL-Gaststätten. Seit Montag sendet „Good Morning Football“, eine amerikanische Sportshow, live vom Marienplatz. „Wir wurden wirklich weggeblasen von der Football-Begeisterung in Deutschland“, sagt Moderator Peter Schrager.

Schrager erzählt, dass die amerikanischen Fans die Spiele im Ausland lieben. Es fühlt sich nicht so an, als würde ihnen jemand ihren Sport wegnehmen. Die Amerikaner verbinden internationale Spiele mit Urlaub und freuen sich auf „pretzels and beer“. Bereits am Donnerstag traf man am Marienplatz Fans aus Köln, Koblenz oder eben Washington DC. So wie John und Celeste, die ihren Sohn Brady genannt haben. Es gibt wohl keine bessere Werbung für einen Sport als ein Auftritt von Tom Brady. Der Quarterback der Tampa Bay Buccaneers gilt als einer der besten, wenn nicht sogar der beste Footballspieler aller Zeiten. Und auch der Superstar hat sich schon anstecken lassen vom Münchner Football-Fieber. „Das Stadion wird beben. Es wird unglaublich“, sagte Brady. „Es ist einfach cool, das erste Team zu sein, das dort spielen darf.“

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