„Diese Leute gewinnen jeden Tag an Macht“

von Redaktion

INTERVIEW Integrations-Experte Ahmad Mansour warnt vor einer Unterwanderung durch den politischen Islam

München – Es sind die eigenen Erfahrungen, die ihn sensibel gemacht haben. Als Jugendlicher stand der in Israel geborene Psychologe Ahmad Mansour den Muslimbrüdern nahe, heute ist er einer der bekanntesten deutschen Islam-Kritiker. In seinem aktuellen Buch „Operation Allah“ (S. Fischer-Verlag) warnt der 46-Jährige vor einem politischen Islam, der sich moderat gibt, aber insgeheim radikale Ziele verfolgt. Ein Gespräch über Islamisten mit Krawatte, Politiker mit Scheuklappen und die WM in Katar.

Herr Mansour, Sie werden seit Jahren bedroht, haben Personenschutz. Hat der Hass wegen Ihres neuen Buches zugenommen?

Ja, massiv. Islamisten schreiben mir täglich, machen Videos über mich, versuchen, mich zu diffamieren. Ich bin viel gewohnt, aber die Qualität der Bedrohung hat in den letzten zwei Monaten extrem zugenommen. Es gibt ständig Morddrohungen, Menschen attackieren mich auf offener Straße, leider auch in Anwesenheit meiner Tochter. Einmal war es besonders ernst, ein Mann war uns gegenüber sehr aggressiv, aber ich konnte die Situation deeskalieren. Man lernt, zu überleben.

In „Operation Allah“ warnen Sie, der politische Islam wolle die Gesellschaft unterwandern.

Die Gefahr besteht und man muss sie klar benennen. Das ist nichts, was heute oder in 30 Jahren vollendet ist, der politische Islam denkt in größeren Zyklen von 300 oder 400 Jahren. In Afghanistan, im Iran oder zeitweise auch in Ägypten haben wir gesehen, was Unterwanderung heißt: Abschaffung der Demokratie und Einsetzung von autoritären, mörderischen Regimes. In Europa geht es den Akteuren vor allem darum, Einfluss auf Muslime, Medien und Politik zu bekommen.

Gelingt ihnen das schon?

Auf lokaler Ebene ist der Einfluss dieser Leute spürbar. In Neukölln bestimmen Islamisten teilweise über Fördergelder und die Inhalte des Islamunterrichts an Schulen. Und sie beeinflussen den Umgang mit Kritikern wie mir. Sie organisieren antisemitische Demos, sie schaffen es, Vereine und Moscheen, die vom Verfassungsschutz beobachtet werden, zu Partnern der Politik zu machen. Ich weiß, viele wollen das nicht wahrhaben. Aber es ist die Realität. Diese Leute gewinnen jeden Tag an Macht. Und anstatt etwas dagegen zu unternehmen, werden Projekte gegen die islamistische Einflussnahme an Schulen abgeschafft. Polizeirazzien gegen Clan-Kriminalität werden als rassistisch dargestellt.

Wer genau sind denn „diese Leute“?

Wir stellen uns Islamisten immer als Taliban oder IS-Terroristen vor. Aber die, von denen ich spreche, kommen mit Krawatte und bestem Hochdeutsch daher. Sie sprechen von Demokratie, Menschenrechten, Antirassismus, all dem, was die Politik hierzulande gerne hört. Nach außen treten sie als die Guten auf, nach innen sprechen sie aber eine andere Sprache. Sie sind in Stiftungen, Universitäten, Parteien und Vereinen tätig und handeln immer im Namen der Ideologie, nicht im Namen der Demokratie.

Pardon, aber das klingt ein wenig nach muslimischer Weltverschwörung.

Natürlich gibt es gut integrierte Muslime, die mit dem politischen Islam nichts zu tun haben, sie machen auch die Mehrheit der Muslime aus. Die Islamisten, von denen ich spreche, wollen ebenfalls so erscheinen, aber in Wahrheit spielen sie ein doppeltes Spiel. In Berlin haben wir eine Moschee, die ihre Texte gendert, aber im Inneren Homophobie und Angst vor westlichen Werten kultiviert. Anderes Beispiel: Es gibt Vereine, die offiziell Antirassismus-Arbeit machen, deren Masche es aber ist, der Mehrheitsgesellschaft prinzipiell die Schuld an allem zu geben. Wenn sie über die Ausschreitungen in Brüssel sprechen …

… also die Fußballfans, die Marokkos WM-Sieg über Belgien feierten …

… dann ist das in den Augen dieser Vereine immer nur eine Reaktion auf Diskriminierung. Sie fragen nie nach eigener Verantwortung oder Desintegration. Oder denken Sie an die aktuelle Integrationsdebatte: Alle reden vom Doppelpass, niemand darüber, dass 40 Prozent der türkischstämmigen Wähler Erdogan wählen. Das ist die Strategie des politischen Islam: Er will Einfluss auf Politiker, aber keine kritischen Debatten.

Sind Sie denn gegen den Doppelpass?

Nein, bin ich nicht, ich habe selbst zwei Pässe.

Steckt in Ihren Thesen nicht die Gefahr eines Generalverdachts?

Ich sehe die Gefahr, aber es geht nicht um einen Generalverdacht oder darum, dass Muslime sich nicht engagieren sollen. Ich bin doch selbst politisch aktiv und engagiert. Es geht um Strukturen, um Vereine, die oft aus dem Ausland, besonders aus Katar, finanziert werden und immer wieder in Verfassungsschutzberichten auftauchen. Es geht nicht um die Mehrheit der Muslime – die ist im Gegenteil viel kritischer gegenüber dem politischen Islam, als es unsere Politiker sind.

Helfen Sie mir mal: Wie erkenne ich die Islamisten, von denen Sie schreiben?

Es gibt Alarmsignale: Sie besetzen bestimmte Themen wie Islamophobie oder das Kopftuch, mit dem sie sehr unkritisch umgehen. Sie reagieren extrem allergisch auf Islam-Kritiker. Ich empfehle, einfach mal die Verfassungsschutzberichte zu lesen. Und dann schauen Sie, welche Vereine im sogenannten Zentralrat der Muslime von Aiman Mazyek aktiv sind.

Es gibt den Vorwurf, dass der Zentralrat von Islamisten beeinflusst wird …

… und Mazyek sitzt bei jeder politischen Veranstaltung in der ersten Reihe, obwohl er nur einen Bruchteil der Muslime hierzulande vertritt. Die Politik ist viel zu unkritisch.

Sie nennen auch den Erdogan-treuen Verein DITIB. Wie finden Sie es, dass in Köln der Muezzin per Lautsprecher zum Gebet ruft?

Heuchlerisch ist, dass wir das erlauben, während manche zugleich lieber vom Lichterfest als von Weihnachten sprechen, um auf die Gefühle der Muslime Rücksicht zu nehmen. Das stärkt nur die Rechtsradikalen, die daraus ein Identitätsthema machen. Der Muezzinruf ist nicht elementarer Teil muslimischer Religionsausübung. Besonders problematisch finde ich, dass das nicht zusammen mit einer liberalen Gemeinde passiert, sondern mit der AKP-Zentrale. DITIB wird aus Ankara gelenkt, das ist bekannt. Warten Sie ab: Wenn der Wahlkampf in der Türkei warmgelaufen ist, wird genau diese Kölner Moschee dazu genutzt werden, Erdogan-Propaganda zu betreiben.

Sie werfen der Politik Naivität vor. Warum nimmt sie den politischen Islam nicht als Problem wahr?

Weil sie Vielfalt als Zelebrierung von Unterschieden sieht und nicht will, dass jemand dieses Bild stört. Die Fähigkeit, Kritik auszuüben, hat in diesem Land bei allen Themen massiv abgenommen. Demokratie wird als Harmonie verstanden und nicht als Austausch von Meinungen.

Es gibt doch Debatten, wenn auch oft plakative. Etwa über das Kopftuch, …

… das politisch linke Akteure heute zum Zeichen der Selbstbestimmung von Frauen umdeuten wollen. Was für eine Perversion. Erklären Sie das den Frauen im Iran. Dahinter steckt genau der Versuch des politischen Islam, Themen umzudeuten, von denen der gesunde Menschenverstand sagt: Das geht so nicht.

Gibt es Organisationen, die bessere Partner wären als DITIB und Co.?

Kaum. Das Problem ist, dass die Politik glaubt, der Islam sei so hierarchisch wie die Kirche: Man hätte gerne zwei Ansprechpartner, mit denen alle Fragen verhandelt werden. Aber der Islam funktioniert anders. Es gibt Wissenschaftler, Theologen, Einzelpersonen, die Ansprechpartner wären, aber keine Verbände. Deswegen muss die Politik den Dialog öffnen. Und sie muss die Finanzierung von Strukturen aus dem Ausland verbieten. Die Alternative ist eine Moscheesteuer. Die Muslime sind Teil von Deutschland, sie brauchen also eigene, unabhängige Strukturen.

Viele werden Ihnen vorwerfen, Sie bedienten rechte Narrative.

Soll mich das interessieren? Ich bin ein mündiger Mensch und mache meine Gedanken nicht davon abhängig, wie sie von einzelnen Parteien aufgenommen werden. Ich habe eine große Distanz zur AfD und sage immer wieder: Sie ist Teil des Problems, nicht der Lösung. Glauben Sie denn, dass die Rechten schwächer werden, wenn Leute wie ich still sind? Das Gegenteil ist in Schweden passiert: Die Mitte hat geschwiegen, wollte diese Themen nicht besetzen und jetzt regieren die Rechten mit. Was ich tue und sage, ist eine Prävention gegen Rechtsextremismus. Interessant ist auch, dass diese Vorwürfe niemals dem politisch linken Lager gemacht werden. Viele identitätspolitische linke Thesen werden von Islamisten begeistert aufgenommen.

Die Migrationszahlen steigen. Ist das Futter für den politischen Islam?

Das hängt letztlich auch von uns ab: Länder wie der Irak, Marokko, Ägypten bieten gerade Jugendlichen keine Zukunft. Deswegen kommen sie nach Europa, das wird ein Thema für die nächsten 50 Jahre sein. Es gibt aber kein Konzept dafür. Zu sagen, „Wir haben Platz“, ist eine falsche Vorstellung von Migration. Es geht nicht nur um eine Wohnung, sondern um Ressourcen. Die sind sehr begrenzt, wenn es darum geht, Menschen zu integrieren. Der politische Islam wartet auf schlecht integrierte Leute.

Wir sollten also weniger Menschen aufnehmen?

Wir müssen ihnen in ihren Heimatländern Angebote machen, legal nach Europa zu kommen, schon weil wir Arbeitskräfte brauchen. Wenn wir das mit Wertevermittlung verbinden, ihnen ein, zwei, drei Chancen geben, sie aber auch wieder zurückschicken, wenn sie permanent die Regeln und Werte dieser Gesellschaft missachten, dann wird das viel besser funktionieren. Wir sollen nicht die Grenzen dicht machen, sondern in den Heimatländern priorisieren.

Katar gilt als großer Finanzierer des politischen Islam, wir aber machen Gas-Deals und fliegen zur WM. Wie blicken Sie darauf?

Mit Kritik und großer Sorge. Realpolitik ist immer etwas Schmutziges, wahrscheinlich war dieser Gas-Deal nötig. Aber die WM könnten wir nutzen, um über Katars destruktive Rolle in der Region und in Europa zu diskutieren. Stattdessen reden wir lieber über eine alberne „One love“-Binde. Katar bekommt gerade eine große Bühne, um sich reinzuwaschen.

Interview: Marcus Mäckler

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