Stockdorf – Beim Automobilzulieferer Webasto in Stockdorf (Kreis Starnberg) wurden die ersten Covid-19-Fälle in Deutschland nachgewiesen. Vorstandsvorsitzender Holger Engelmann blickt zurück und zieht Bilanz.
War Ihnen bei den ersten Corona-Fällen das Ausmaß der Lage bewusst?
Nein, wir hätten nie gedacht, dass wir in drei Jahren noch darüber sprechen werden. Wir haben uns darauf konzentriert, die Infektionskette schnell zu unterbrechen und Schaden von unseren Mitarbeitenden abzuwenden. Erst später ist uns klar geworden, was es bedeuten würde, wenn andere Standorte auch mit Produktion betroffen wären.
Wie haben die vergangenen drei Jahre das Unternehmen getroffen?
Es war eine schwierige Phase und ist es teilweise immer noch, denn Webasto ist in vielen Regionen der Welt vertreten. Wir mussten mit Ausbrüchen und gesetzlichen Regelungen in verschiedenen Ländern umgehen. Und die Lieferketten sind bis heute gestört, wie zuletzt in China. Dort hat das Infektionsgeschehen im November und Dezember unseren Umsatz deutlich geschwächt.
Hat die Pandemie die Firmenkultur verändert?
Webasto hat eine starke Wertekultur, die uns in diesem Krisenfall sehr geholfen hat. Aber natürlich hat sich auch einiges verändert. Wir hatten zum Beispiel in Stockdorf schon vorher die Möglichkeit, drei Tage in der Firma und zwei Tage mobil zu arbeiten. Das wird seit der Pandemie aber viel intensiver genutzt. Wir versuchen hier noch, die richtige Balance zu finden. Einerseits geht virtuell viel mehr, als wir dachten. Wir reisen weniger, können uns dank Videokonferenzen schneller mit Kolleginnen und Kollegen im In- und Ausland austauschen. Aber wir brauchen auch den persönlichen Kontakt. Diese Abwägung ist bei jedem Projekt neu zu treffen.
Und zwischenmenschlich?
Der Zusammenhalt ist stärker geworden. Das lag auch daran, dass wir unsere Zentrale nach den ersten Fällen sofort geschlossen und immer transparent kommuniziert haben. Das hat Vertrauen geschaffen und gezeigt: Wenn es hart auf hart kommt, steht die Sicherheit der Mitarbeitenden an erster Stelle und nicht das wirtschaftliche Interesse.
Wie geht es Patient 1?
Patient 1 ist noch in der Firma und es geht allen der ersten Fälle aus Stockdorf wieder gut. Wir hatten großes Glück, dass da keine Risikopatienten dabei waren.
Welche Lehren ziehen Sie aus der Pandemie?
Die Pandemie war und ist mühsam, aber wir können heute viel schneller auf Krisensituationen reagieren. Die Digitalisierung hat einen wahnsinnigen Schub bekommen. So schnell hätten wir wohl viele Systeme und neue Formate nicht eingeführt. Die kritische Lektion: Corona hat uns vor Augen geführt, wie fragil unsere Lieferketten sind. Wir sind da in der Krise besser geworden, müssen uns aber noch robuster aufstellen.
Interview: Dominik Göttler