München – Gegen 2.50 Uhr hallt die Explosion durchs Unterhachinger Gewerbegebiet. Es ist die Nacht zum 12. Oktober, in der die Automaten-Sprenger zuschlagen. Das Ziel: ein Geldautomat der Kreissparkasse. Von dem kleinen Containerbau sind am Tag darauf nur noch Trümmer übrig. Und von den Tätern und dem Geld aus dem Automaten fehlt jede Spur –die Panzerknacker flüchteten über die A 995, die nur einen Katzensprung vom Tatort entfernt ist.
Jetzt, dreineinhalb Monate später, schlugen die Ermittler zu. „Es ist uns erstmals gelungen, grenzüberschreitend in den Niederlanden eine Geldautomatensprenger-Zelle auszuheben“, erklärt Oberstaatsanwältin Ursula Redler gestern in München. Sie leitet die Ermittlungen bei der Staatsanwaltschaft Bamberg, die nach mehreren Geldautomatensprengungen in Oberfranken im Herbst 2021 ein Sammelverfahren eröffnet hatte. Denn den Ermittlern war klar geworden: Hier ist eine Bande am Werk, die regelmäßig auch in Schwaben, Oberbayern und sogar in Thüringen zugeschlagen hat.
Die Bankautomaten-Bomber haben sich auf ein lukratives Geschäftsmodell spezialisiert. „Geldautomatensprengungen sind die Banküberfälle der Moderne“, sagt Justizminister Georg Eisenreich (CSU). Während die Zahl der klassischen Banküberfälle in den vergangenen 30 Jahren auf einen niedrigen zweistelligen Bereich pro Jahr zurückgegangen ist, werden die Automaten-Sprengungen immer mehr. Deutschlandweit waren es im vergangenen Jahr 493 – ein neuer Rekordwert. Ebenso in Bayern, wo 37 Automaten in die Luft gejagt wurden. Nun können die Ermittlungsbehörden einen Erfolg vermelden.
Gemeinsam mit dem Landeskriminalamt, das eine Ermittlungsgruppe im Bereich organisierte Kriminalität einrichtete, werteten die Staatsanwälte die Aufnahmen von Video- und Blitzkameras, Zeugenaussagen und DNA-Spuren aus. Schließlich konnten der Bande insgesamt 34 Geldautomatensprengungen in Bayern (31 davon erfolgreich) nachgewiesen werden. Die Fälle in der Region: 12. Oktober Unterhaching (Kreis München). 4. November Töging am Inn (Kreis Altötting). 9. November Weßling (Kreis Starnberg). 29. November Anzing (Kreis Ebersberg). 29. Dezember Odelzhausen (Kreis Dachau, Text unten). Der Zelle konnten zudem weitere 17 Sprengungen in Baden-Württemberg sowie eine in Thüringen zugeordnet werden. Zum ersten Mal hatten die Täter den Ermittlern zufolge am 5. November 2021 in Heimertingen (Unterallgäu) zugeschlagen, zuletzt erst vor zwei Wochen, am 19. Januar 2023, in Erkheim, wieder im Unterallgäu. Die Beute: insgesamt 5,2 Millionen Euro, 3,4 Millionen davon in Bayern. Und der Sachschaden summiert sich auf stolze 6,7 Millionen Euro.
Die Vorgehensweise der Automatensprenger ist immer ähnlich: „Meist suchen sie sich einen Geldautomaten, der sich in der Nähe einer Autobahn befindet, damit sie schnell flüchten können“, berichtet Fabian Puchelt vom LKA. Der eigentliche Aufbruch dauert nur wenige Minuten: Am Geldautomaten wird der Sprengsatz angebracht, gezündet und dann packen die Täter sich das Bargeld und flüchten. „In der Regel sind sie mit hochmotorisierten Autos unterwegs“, so Puchelt weiter.
Die Kennzeichen werden oft vor Ort gestohlen, damit man nicht auffällt. „Damit die Täter ohne Tankstopp bis in die Niederlande flüchten können, haben sie auch Ersatzkanister mit Benzin dabei“, fügt Oberstaatsanwältin Redler hinzu. Bei der Flucht mit ihren PS-starken Sportwagen nehmen die Automatensprenger keine Rücksicht: „Sie bringen mitunter die Besatzungen von Streifenfahrzeugen, die sie verfolgen, in lebensgefährliche Situationen“, so Puchelt. Es kam schon vor, dass sie Polizeihubschrauber abhängten, wenn sie mit mehr als 300 km/h über die Autobahn rasten.
Bislang gelang es der Polizei meist nur, die Männer zu verhaften, die die Bankautomaten leerräumten. Dieses Mal war der Fahndungserfolg viel größer: Die Ermittler glichen ihre Daten mit den Datensätzen von Europol und Eurojust ab – das sind die Polizei und Justizbehörden der EU. Die Spur führte in die Niederlande. Auch dort schalteten sich die Behörden ein. Am vergangenen Montag war es so weit: Über 270 Einsatzkräfte und mehrere Staatsanwälte und Richter aus Deutschland und den Niederlanden rückten zu einer Razzia aus. Acht von zwölf Haftbefehlen konnten in Roermond und Utrecht vollstreckt werden, einer im benachbarten Belgien. Die Festgenommenen sind zwischen 25 und 41 Jahre alt und haben die niederländische, marokkanische, afghanische, türkische und rumänische Staatsangehörigkeit. Sie sollen nun nach Deutschland ausgeliefert werden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen schweren Bandendiebstahls, Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und teilweise sogar wegen versuchter Tötung.
Bei den Durchsuchungen fanden die Ermittler mehrere zehntausend Euro Bargeld, Masken, Luxuskleidung und Luxusuhren, in einer Garage einen Audi RS 6 mit 600 PS, den die Täter wohl beim Banküberfall in Erkheim benutzt hatten. Auch mehrere Pakete Sprengstoff wurden entdeckt. Oberstaatsanwältin Redler: „Wir haben dieses Mal auch die mutmaßlichen Organisatoren der Geldautomatensprenger verhaftet.“ Sie sollen etwa Handys und Autos organisiert haben.
Dass die Spur der Automatensprenger auch diesmal nach Utrecht führte, ist kein Zufall. Schon im Herbst 2021 waren Beamte dort bei einer Razzia auf eine Fabrikhalle gestoßen, in der ein Bandenchef ausrangierte Geldautomaten beschafft hatte, an denen die Automatensprenger ihre Taten üben konnten. Der niederländische Kriminologe Cyrille Fijnaut schätzte kürzlich in der „Welt“, dass das Netzwerk der Panzerknacker aus 200 bis 400 jungen Männern bestehe. Die meisten Täter stammten aus Utrecht, viele davon mit marokkanischen Wurzeln. Fijnaut sagte, um die Banden zu stoppen, seien zwei Dinge nötig: mehr Investitionen in die Problemviertel und mehr Sozialarbeiter. Und die Polizei müsse deutlich entschiedener gegen die kriminellen Strukturen vor Ort vorgehen.
Zumindest beim zweiten Punkt gibt es mit der jüngsten Großrazzia nun Fortschritte. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) zeigte sich gestern zufrieden mit dem Coup der Ermittler. Seine Hoffnung: „Dass dieser Ermittlungserfolg zu einem spürbaren Rückgang der Fallzahlen in Bayern führen wird.“