Odelzhausen – Hinter Sperrholzplatten, geschützt von einer provisorischen Tür aus Industrieblech, liegt das, was einmal der einladende Empfangsbereich der VR Bank Odelzhausen war. Bevor Gangster mit Plastiksprengstoff die Gemeinde im Kreis Dachau erschütterten – und dabei nicht nur den Geldautomaten zerlegten. Geschäftsstellenleiter Holger Behrens, 56, steht neben dem völlig demolierten Automaten, Relikt eines Verbrechens, und erzählt von der Sprengung. Der Automat ist mit einer 120 Kilo schweren, codegesicherten Panzertür geschützt. „Die Wucht der Explosion hat die Tür durch den Raum geschleudert und dann durchs Büro.“ Rund elf Meter flog sie durch das Gebäude – und schlug in einem Heizkörper ein.
Es ist die Nacht zum Donnerstag, dem 29. Dezember. Ganz Odelzhausen liegt im Tiefschlaf, als von der Autobahn her ein Wagen heranrast, wohl ein Audi RS 6. Der Wagen sägt durch den Kreisel, dann nach rechts zur VR Bank, dem Ziel. Kaum zwei Minuten später tönt ein Knall durch die Gemeinde, die Folge der gewaltigen Explosion, die nur Sekundenbruchteile vorher den Eingangsbereich der VR Bank zerlegte.
Im ersten Stock des Wohn- und Geschäftshauses in der Schlossstraße reißt es gegen drei Uhr ein Paar aus dem Bett. Die Detonation des militärischen Festsprengstoffs lässt mit einem Leuchten das Gebäude erzittern. „Es war so heftig. Und eine Vibration lief durchs ganze Haus“, sagt ein Bewohner, der oberhalb der Geschäftsräume lebt und an dem das Erlebte weiter nagt. Es sind schlimme Erinnerungen. „Überall splitterten Glasscheiben, Mauern haben geächzt, Dachplatten hob es.“ Der Edelstahl des Treppengeländers schwingt. Eine Sekunden andauernde höllische Kulisse. „Wir hatten so viel Angst, wir sperrten uns ein.“ Wie auch die anderen Parteien im Haus. Mehrere Notrufe gehen bei der Polizei ein, doch die Gangster flüchten da schon zurück auf die A8 und verschwinden in der Dunkelheit. Sie hinterlassen einen Schock im Haus und in der Straße, der sich erst mit Eintreffen von Polizei und Einsatzkräften wieder löst.
In der Bank sind der Schalterraum, die Geldautomaten, das Service-Terminal und Kontoauszugsdrucker zerstört. Geschäftsstellenleiter Behrens trifft eine Dreiviertelstunde später in der Bank ein, die nun ein Tatort ist. „Mein erster Gedanken war: Hoffentlich ist niemand zu Schaden gekommen. Hoffentlich geht es allen gut.“ Er ist einer von vier Mitarbeitern der Bank, seit dem Anschlag aber alleine vor Ort. Neben dem Eingang zum Wohnbereich hat er sich ein Büro eingerichtet, um den Kundenverkehr aufrechtzuerhalten.
Im eigentlichen Empfangsbereich nur ein paar Meter um die Ecke lässt sich nur mit Vorwissen erkennen, dass hier einmal Geld eingezahlt und abgehoben wurde, Kunden Überweisungen abzeichneten oder Pin-Codes tippten. Die Deckenverkleidung hat gelitten, sie wechselt sich mit dem Beton darüber ab. Und über allem liegt eine verstörende Stille. Martin Richter, ein Kollege von Holger Behrens, erklärt am Automaten, wie die Verbrecher vorgegangen sind: „Sie kommen beide mit Brecheisen rein, sie wissen, wo sie den Hebel ansetzen, dann kommt der Sprengstoff rein, sie laufen nach draußen, dann Zündung. Es gibt in Holland, wo sie herkommen, sogar Trainingshallen, in denen sie die Abläufe immer wieder üben.“
Die Odelzhauser Videoaufnahmen gleichen jenen aus vielen anderen Fällen: Zwei Männer, maskiert mit Sturmhaube, rennen hektisch ein und aus. Nach dem Anschlag wieder rein und flüchten schließlich mit der Beute. Früher wurde bei den Attacken auf die Geldautomaten noch Gas verwendet, doch die Hersteller reagierten, Rezeptoren erkennen das Einströmen und zünden das Gas mit einem versteckten Mechanismus noch außen. Die Reaktion der Verbrecher: brutalere Maßnahmen, C4-Ladungen, wie man sie aus Actionfilmen kennt, wenn Spezialeinheiten zum Aufbrechen kommen. Dieser Stoff verwüstet nicht nur den Automaten, sondern alles darum herum.
In Odelzhausen hat sich ein Statiker gleich nach der Explosion die Stützmauern angeschaut, Variablen durchgerechnet und fürs Erste Entwarnung gegeben. Auch Ermittler des Bayerischen Landeskriminalamts und der Dachauer Kripo sind mehrmals da gewesen. Jetzt warten Behrens und Richter noch auf Gutachter der Versicherung. Die Bank will den Standort unbedingt halten, sie betreut hier rund 3000 langjährige Kunden. Im August könnte eine Wiedereröffnung möglich sein.
Geschäftsstellenleiter Holger Behrens freut sich jedenfalls darauf, trotz der Sprengung: „Ich stehe ja nicht jeden Tag auf und denke mir: Hoffentlich passiert heute nichts.“ Und das, obwohl er schon einiges erlebt hat in seiner Berufslaufbahn. Zweimal stand er Anfang der 1990er-Jahre bewaffneten Bankräubern gegenüber. Einmal sogar als Geisel. MARKUS CHRISTANDL