Die Hilfswelle aus Bayern rollt an

von Redaktion

VON D. GÖTTLER, S. GRAUVOGL, A. HEISE, N. BAUTZ, A. FORSTER

München – Als Levent Cukur am Montagmorgen die Nachrichten seiner Verwandten aus der Türkei auf dem Handy sieht, schaltet er sofort den Fernseher ein. Er sieht die Trümmer nach dem schweren Erdbeben, die Helfer, die verzweifelt nach Vermissten suchen, das unermessliche Leid in der türkisch-syrischen Grenzregion. Seine Verwandten berichten ihm, wie sie nach draußen flüchteten, als die Erde zu beben begann –und wie sie die Nacht möglichst weit entfernt von irgendwelchen Gebäuden im Auto verbrachten. Kurz darauf ruft ihn ein Freund an. Ein Transportunternehmer, der helfen will. Er sucht ein Lager für Sachspenden. Cukur zögert keine Sekunde.

Cukur, 55, ist ehemaliger Boxweltmeister im Leichtgewicht und betreibt in München-Pasing das Boxstudio „Leos Box Gym“. Er beschließt, sein Studio kurzerhand zum Sammellager umzufunktionieren. Sachspenden statt Sparring. Um 14 Uhr setzt er einen kurzen Post auf Instagram ab. „Jede Hilfe zählt“, schreibt er. Die Rückmeldungen sind überwältigend. „Plötzlich war die ganze Straße voller Autos“, erzählt Cukur. Die Menschen bringen säckeweise Winterklamotten, Baby- oder Trockennahrung. Nach nur fünf Stunden ist das gesamte Studio voll, Cukur muss einen Aufnahmestopp ausrufen. „Ich bin absolut überwältigt“, sagt er. Jetzt geht es darum, die Kisten so schnell wie möglich in die Türkei zu bringen.

Das katastrophale Erdbeben mit tausenden Toten hat weltweit eine Welle der Solidarität ausgelöst. In Bayern, wo viele Menschen mit türkischen Wurzeln enge Verbindungen ins Katastrophengebiet haben, wurde eine ganze Reihe an Hilfsinitiativen ins Leben gerufen. Am Dienstag brachen zunächst 51 Helfer des Technischen Hilfswerks (THW) zu einem Einsatz in das Katastrophengebiet auf. Unter ihnen ist auch ein Helfer aus München, wie der THW-Landesverband Bayern mitteilte. Die Hilfsorganisation Humedica aus Kaufbeuren plant, heute zunächst mit einem dreiköpfigen Team in die Erdbebenregion zu fliegen. Und die Moosburger Hilfsorganisation Navis e.V., die 2015 schon in Nepal im Einsatz war, ist mit einem Erkundungsteam bereits vor Ort. Auch der Freistaat selbst will unterstützen. „Bayern steht bereit, der Türkei zu helfen“, sagte Ministerpräsident Markus Söder (CSU). Mit medizinischer Hilfe, aber auch bei der Unterbringung und Suche der Opfer sowie der Trinkwasseraufbereitung.

Als Söder noch in München spricht, laufen in einer Miesbacher Kfz-Werkstatt schon die Vorbereitungen für einen weiteren Spendentransport. Volkan Avci, 41, ging es wie Levent Cukur, als er am Montag die Nachrichten aus der Türkei hörte. In der türkisch-stämmigen Bevölkerung in Miesbach sei schnell der Wunsch gereift zu helfen. „Jeder will was machen“, sagt Avci. „Aber es braucht jemanden, der anpackt.“ Also macht er das. Er sammelt Hilfsgüter, Fahrschul-Inhaber Andreas Thaler, der zuletzt schon einen Hilfstransport in die Ukraine auf die Beine gestellt hat, erklärte sich bereit, die 30-Stunden-Fahrt auf sich zu nehmen. Spätestens Ende der Woche soll es losgehen.

Während die einen sammeln und organisieren, bangen andere um ihre Angehörigen. Wie der Rosenheimer SPD-Stadtrat Abuzar Erdogan. Ein Teil seiner Familie lebt in Elbistan, mitten im Epizentrum des Nachbebens, das am Montagmittag die Südosttürkei erschütterte. „Das Haus meiner Großeltern ist eingestürzt“, sagt er. Seine Familie habe die Nacht in einem Stall mit 25 anderen Personen und mehreren Schafen verbracht. Wie es für die Großeltern nun weitergeht, weiß der Rosenheimer nicht. Von seiner Tante hat er seit dem zweiten Beben nichts mehr gehört. Erdogan hofft auf große Spendenbereitschaft. Gegen die Not vor Ort helfe jede Summe.

Zunächst zählt aber auch jede Sekunde, wie Anke Boysen weiß. Die Rettungshundeführerin des Arbeiter-Samariter-Bundes aus München ist mit einem Team des International Search and Rescue Germany (I.S.A.R) am Dienstag in der Türkei gelandet. Ihr Einsatzgebiet: die Provinz Hatay an der Grenze zu Syrien. „Die Region ist abgelegen, vor uns waren noch keine Helfer da“, erzählt Boysen am Telefon. Die Bedingungen bei ihrem ersten Auslandseinsatz mit Hund Aquim sind schwierig. „Die Menschen sind seit über 24 Stunden verschüttet. Nachts hat es bis zu minus vier Grad. Die Trümmer sind hoch, da es viele Hochhäuser gibt.“ Doch sie vertraut auf ihr jahrelanges Training und die Ausrüstung. Und hofft auf das erlösende Bellen. Denn das zeigt, dass Aquim einen Überlebenden gefunden hat.

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