München – Mit dem Mittagsläuten marschieren sie ein ins Dorf. Dann wird Mittenwald am Unsinnigen Donnerstag wieder zur Maschkera-Hochburg. Verkleidet mit handgeschnitzten Holzmasken ziehen die Maschkera musizierend und juchzend durchs Ortszentrum. Die Schellenrührer hüpfen in ihrem eigentümlichen Rhythmus durch die Straßen, die Jacklschutzer schleudern ihre Puppe in die Luft – und die Goaßlschnalzer schwingen ihre Peitschen, bis den Schaulustigen die Ohrwaschln wackeln.
„Dieser Brauch ist um die 500 Jahre alt“, sagt Christian Neuner, Maschkera aus Mittenwald. Mit ihren Masken trieb die ärmere und abgeschieden lebende Bevölkerung die bösen Wintergeister davon – in der Hoffnung auf einen baldigen Frühlingsbeginn, mit dem die überlebenswichtige Natur nach kalten und kargen Wintern endlich wieder erwachte. Die Maschkera, sagt Neuner, sind bis heute das Fundament der von Alpengipfeln umgebenen Marktgemeinde im Karwendel-Gebirge. Dass das keine Übertreibung ist, zeigten einige Mittenwalder, die vor zwei Jahren trotz Lockdown nicht auf ihre Tradition verzichten wollten – und sich deshalb sogar eine Anzeige einfingen.
Zur Faschingszeit haben sich in Oberbayern eine ganze Reihe von teils eigentümlichen Bräuchen etabliert. Fast immer geht es dabei darum, den nahenden Frühling zu feiern – oft maskiert oder kostümiert, aber immer ausgelassen.
Während in Mittenwald die Maschkera marschieren, hüllt sich Dorfen im Kreis Erding am Unsinnigen Donnerstag komplett ins Nachthemd, um eine Strohpuppe brennen zu sehen. „Der Hemadlenzen-Umzug ist der wahrscheinlich größte Feiertag in Dorfen“, sagt Matthias Pichlmeier, Zweiter Präsident der Karnevalsgesellschaft Dorfen. Seit vielen Jahrzehnten ist das Faschingsspektakel fester Bestandteil der Dorfener Kultur, die Karnevalsgesellschaft ist der Veranstalter. „Wo genau der Brauch herkommt, kann man heute nicht mehr sagen“, erklärt Pichlmeier. Eins steht aber fest: Das Ziel ist, den Winter auszutreiben.
Bis heute treffen sich um die 3000 Faschingsfreunde von jung bis alt, um den sogenannten Lenzen brennen zu sehen. Verkleidet mit langen Unterhosen, Ringelstrümpfen, einer Mütze und einem Nachthemd ziehen die Hemadlenzen am Vormittag ab 10 Uhr durch die Straßen Dorfens – die meisten haben da schon ein Weißwurstfrühstück hinter sich. Der Umzug sammelt Bürgermeister und Prinzenpaar ein, auf einem Gefängniswagen wird der Lenz – eine ebenfalls mit Nachthemd bekleidete Strohpuppe – mitgezogen. Am Mittag wird der Hemadlenz am Marienplatz an den Galgen gehängt und verbrannt. Als Symbol für den Abschied des Winters.
Auf böse Geister haben es in Geretsried (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen) am Faschingsdienstag die sogenannten Urzeln abgesehen. In fast tierischer Verkleidung mit (Kunst-)Pelz und federartigen Kostümen stürmen sie um 13 Uhr das Rathaus, um dort die bösen Geister zu vertreiben. Keine Sorge: Der Bürgermeister darf bleiben. Aber Zunftmeister Peter Wagner sagt mit einem Augenzwinkern: „Danach läuft es darin besser.“
Dieser Brauch stammt ursprünglich allerdings nicht aus Bayern, sondern aus Siebenbürgen, wie Wagner verrät. Genauer aus der Stadt Agnetheln. Woher der Brauch dort allerdings rührt, dazu gibt es unterschiedliche Thesen – von der wehrhaften Ursula, die sich gegen einfallende Türken verteidigte, bis zu den dortigen Handwerkerzünften, deren Maskenfest der Vorläufer gewesen sein könnte. Wie dem auch sei: In Geretsried steigt nach dem Rathaussturm der Urzeln vor dem Gebäude das große Faschingstreiben – Aufführung und Reifenschwinger inklusive. In Wolfratshausen findet das Ganze übrigens schon am Faschingssonntag statt.
Und dann gibt es da ja noch den bayerischen Brauch der Bettelhochzeit. In der Nachkriegszeit beinahe ausgestorben, wird das Spektakel vor allem in Altbayern wieder hier und da aufgeführt. Meist tauschen Mann und Frau die Rollen, wild maskiert mit viel Schminke und Klimbim. Das erdachte Brautpaar wird mit allerlei lustigen Sprüchen „getraut“, traditionell auf einem Misthaufen – der um der Nase willen aber häufig durch einen Strohhaufen ersetzt wird. Alexander Borowski, 23, vom Burschenverein Deining im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen, der heuer nach zehn Jahren wieder eine Bettelhochzeit ausrichtet, erklärt den Hintergrund: „Die ärmere Bevölkerung konnte es sich früher nicht leisten, auf die Faschingsbälle zu gehen.“ Aufs Feiern wollte man aber dann doch nicht verzichten – und stellte einfach selbst seine Gaudi auf die Beine.
Das dachten sich auch die Gaißacher, wenn auch auf ganz andere Art. Denn dort, im Isarwinkel, findet traditionell an einem Sonntag zwischen Heiligdreikönig und Faschingssonntag das Schnablerrennen statt. Entstanden aus einer Wirtshauswette im Jahr 1928, stürzen sich verkleidete Schlittenfahrer wagemutig einen Hang hinab. „Es geht darum, wer die größte Rennsau ist und am weitesten springt“, sagt Balthasar Brandhofer, Präsident des Gaißacher Schnabler- und Schlittenvereins. Rekord: 25 Meter. Zum Einsatz kommen die traditionellen Schnabler, auch Hornschlitten genannt. Zugezogene dürfen höchstens Beifahrer sein. Allerdings fehlt heuer der Schnee, deswegen hoffen die Gaißacher aufs nächste Jahr. Ganz ohne Gaudi geht’s aber natürlich nicht: Also bleibt nur der große Faschingsball am Faschingssamstag. Der aber dann hoffentlich ohne blaue Flecken.