Athen – Es fällt jedem auf, der die Stadt kennt. Ob in der Athener Innenstadt im beliebten Touristenviertel Plaka zu Füßen der Akropolis, im grünen Norden im Athener Nobel-Vorort Kifissia oder am malerischen Saronischen Golf: Überall schießen neue Hotels wie Pilze aus dem Boden. Der Tourismus boomt – auch in der Hauptstadt.
Ilias Zacharias, 46, schütteres Haar, lachende Augen, ist kein Hotelier. Aber auch er profitiert. Zacharias betreibt das Lokal „33“ in der Andrianou-Straße im Herzen der Plaka. „Dieses Jahr läuft noch besser als das letzte schon sehr gute Jahr. Wir steuern in dieser Saison auf einen neuen Rekord zu“, sagt er und gießt herrlich duftenden Mokka in ein Tässchen. Gäste aus aller Welt tummeln sich an diesem frühlingshaften Tag in seinem Lokal und genießen den Blick auf die Akropolis.
Athen und die Region Attika, in der die Hauptstadt liegt, wollen aber noch mehr Touristen anlocken. Dafür werden kräftig Unterkünfte gebaut. Der rapide Zuwachs an Zimmern resultiert überwiegend aus neuen hochwertigen Hotels. Elf neue Fünf-Sterne-Hotels haben in Attika seit 2017 eröffnet. Die Zahl der Vier-Sterne-Hotels erhöhte sich seit 2017 sogar um 30 auf 90. Bedeutet: Mehr Luxus im Athen-Tourismus. Der Hotelmarkt in der Vier-Millionen-Metropole wächst stetig.
Die Großprojekte verändern das Gesicht Athens. Das wohl markanteste Beispiel: Bis 2025 soll das rundum renovierte, frühere Hilton unweit der Oper neu eröffnen. Die aufwendigen Umbauarbeiten sind in vollem Gange. Aus dem Hilton werden das Fünf-Sterne-Hotel Conrad mit 280 Zimmern und Suiten, 50 Luxuswohnungen, Geschäftsräume, Unterhaltungs- und Wellnessbereiche. Die Luxuswohnungen in den oberen vier Etagen sind angeblich bereits verkauft – für im Schnitt stolze 24 000 Euro den Quadratmeter.
Ein Trend in der Athener Innenstadt ist zudem, dass alte, denkmalgeschützte Gebäude zu schicken Hotels werden. Hotels mit Suiten und auch Wohnungen zur längerfristigen Miete. In einem historischen Gebäude neben dem bekannten Rex-Theater entsteht gerade ein Vier-Sterne-Hotel, ein israelischer Geldgeber investiert gleich in drei Hotels, darunter das „Brown Spices“ unweit des Fleisch- und Fischmarktes. Frisch in Betrieb ist das „The Dolli“ in der Plaka: 50 Zimmer, Restaurants, Swimmingpool, Lounge-Bar, Pool-Bar, Konferenz- und Fitnessraum, Spa, Dachgarten.
Wo neue Hotels der gehobenen Kategorien entstehen, blühen rasch ganze Straßenzüge auf. Schöne Cafés, Bistros, Bars, Tavernen und Restaurants, aber auch Streetfood-Lokale buhlen in fußläufiger Hotelnähe um die Gäste.
Zu einem neuen Hotspot ist die Saronische Küste avanciert. In den südöstlichen Athener Vororten Hellenikon, Glyfada, Voula und Vouliagmeni erwarten Urlauber brandneue Top-Unterkünfte. Geplant ist, das chronisch stark frequentierte Zentrum Athens zu entlasten, den Tourismus bis an die Küste an der Ägäis im Süden der Metropole auszudehnen. Das touristische Potenzial des Athener Südens haben Investoren bereits erkannt. 2019 eröffnete das „Four Seasons Astir Palace Hotel“ im Nobel-Vorort Vouliagmeni. Der renommierte Forbes-Reiseführer führt das Fünf-Sterne-Hotel bereits als eines der luxuriösesten Hotels der Welt.
Auf dem alten Athener Flughafengelände im südlichen Vorort Hellenikon ist ein Projekt der Superlative geplant. Eine neue Stadt mit 9000 Wohnungen, 80 000 Arbeitsplätzen und einer Parklandschaft größer als der Central Park in New York. Wahrzeichen soll der „Riviera Tower“ werden: 200 Meter hoch, 53 Etagen. Fast alle der 200 Wohnungen sind schon weg – obwohl noch nicht mal die Fundamente stehen. Kaufpreis: 10 000 bis 30 000 Euro der Quadratmeter – je nach Etage. Der „Riviera Tower“ wird das höchste Gebäude Griechenlands sein. Gebaut werden zudem drei Luxushotels, Büros, Einkaufszentren, ein Jachthafen für 400 Boote, Strandbäder, ein Spielcasino. Gesamtinvestitionsvolumen: rund acht Milliarden Euro. Alles direkt am Saronischen Golf auf einer Fläche, die dreimal so groß ist wie das Fürstentum Monaco – und dies nur acht Kilometer von der Akropolis entfernt.
Das strahlt positiv auf ganz Athen aus. Den touristischen Aufschwung spürt die Hauptstadt schon. Laut der Athener Hoteliervereinigung lag die Belegungsquote vergangenes Jahr bei durchschnittlich 69,1 Prozent. Damit liegt Athen vor Madrid (66,4), Berlin (65,7), Rom (65,5), München (64,5) und Amsterdam (63,7). Gleichzeitig lag der Durchschnittspreis für ein Hotelzimmer pro Nacht bei 121,45 Euro. Das ist zwar 14,4 Prozent teurer als im Vor-Corona-Jahr 2019, aber immer noch günstiger als in Madrid (133,13 Euro), Rom (195,12), München (175,50) und Amsterdam (163,09). Nur Berlin (111,79 ) ist preiswerter.
Der Athen-Boom soll weitergehen. Regierung und Anbieter ziehen dafür an einem Strang. Nicht nur räumlich, auch zeitlich soll der Tourismus ausgedehnt werden. Der Großraum Athen will sich als ganzjährige Destination etablieren. Städtereise statt Inselhopping. Aber auch auf den Inseln läuft es bestens. Ganz Griechenland erlebt einen Tourismusboom. Laut den erst kürzlich veröffentlichten Zahlen kamen von Januar bis November 2022 knapp 27,3 Millionen Touristen. Die Direkterlöse erreichten 17,384 Milliarden Euro – das sind nur 2,8 Prozent weniger als im bisherigen Rekordjahr 2019. Jeder Hellas-Urlauber gab in der Reisesaison 2022 im Schnitt 623 Euro aus – 56 Euro mehr als 2019.
Die meisten Urlauber kamen 2022 aus drei europäischen Ländern. Erstmals ganz vorne: Briten mit 4,41 Millionen Ankünften, gefolgt von Deutschen (4,3 Mio.) und Franzosen (1,73 Mio.). Der Trend für 2023 zeigt weiter nach oben. Den Hafen von Piräus werden heuer 829 Kreuzfahrtschiffe ansteuern, 207 mehr als 2019. Griechenland liegt auf Platz fünf der von Europäern bevorzugten Reiseziele.
Doch es gibt auch kritische Stimmen – und Leidtragende. Zu Füßen der Akropolis, auf dem „Hügel der Nymphen“ („Lofos ton Nymphon“), wohnt zum Beispiel Petros Viglas. Der 46-Jährige ist hier geboren und aufgewachsen, er kennt jeden Winkel seines Viertels. Was sich hier seit etwa zehn Jahren abspielt, findet er gar nicht gut. „Das ist eine Katastrophe. Kein Mensch kann sich hier das Wohnen mittlerweile noch leisten.“
Der Grund für seinen Ärger: Viglas’ Viertel ist zu einem Hotspot in Athen für Kurzzeitvermietungen über Online-Portale wie „Airbnb“ geworden. Das Geschäft mit den Touristen brummt, die Preise für Übernachtungen in dieser Gegend haben schwindelerregende Höhen erreicht.
Die unweigerliche Folge: Für normale Mieter, die hier langfristig eine Bleibe suchen, ist das inzwischen fast unbezahlbar. Sie werden von den Touristen verdrängt.
Petros Viglas selbst hat Glück. Er wohnt in einem Haus, das sein Großvater errichtete, direkt neben dem Anwesen des weltberühmten, kürzlich verstorbenen Komponisten Mikis Theodorakis. Viglas sagt: „Sonst könnte ich nicht bleiben.“