4 FRAGEN AN
Wolfgang Lösche ist Abteilungsleiter bei der Kulturabteilung der Handwerkskammer für München und Oberbayern. Der 65-Jährige weiß, wie sich das Handwerk gewandelt hat – und wie es um dessen Zukunft steht. In den vergangenen Tagen arbeitete er auf der Handwerksmesse in München.
Gibt es Handwerksberufe, die vom Aussterben bedroht sind?
Das ist immer relativ: Vor 30 Jahren hieß es beispielsweise, dass es keine Holzbildhauer mehr gibt – heute ist das Gegenteil der Fall. Bei den Buchbindern und in der Textilindustrie ist es gerade problematisch. Früher gab es millionenfach Handweber, heute sind es nur ganz wenige. Die ganzen Textilberufe haben sich zusammengeschlossen, weil es für die einzelnen Berufe keine Innungen mehr gab.
Wie kommt es dazu, dass Handwerksberufe aussterben?
Das liegt an einem gesellschaftlichen und kulturellen Wandel. Der Wagner, der früher Räder und Wagen hergestellt hat, wurde beispielsweise durch die Industrialisierung überflüssig und ist so gut wie verschwunden. Die Ausbildung gibt es heute nicht mehr, Leute machen das nur noch hobbymäßig. Früher gab es außerdem in jedem Dorf einen Dorfschmied – heute heißt das Metallbauer. Manche Berufe verschwinden also nicht, sondern verändern sich, was die Bezeichnung angeht oder die Materialien, mit denen gearbeitet wird.
Teilweise müssen die Lehrlinge weit zur Berufsschule fahren. Wie können junge Menschen dennoch davon überzeugt werden, auch seltene Handwerksberufe zu erlernen?
Das müssen letztendlich auch die Betriebe selbst mitorganisieren. Fakt ist, wir haben einen Fachkräftemangel. Dass die Fahrten manchmal weit sind, gehört dazu. Die Lehrlinge müssen dorthin und treffen sich da alle. Auf der Messe stellen wir zum Beispiel den Bootsbauer vor – die Berufsschule ist in Lübeck.
Entscheidet sich die heutige Generation lieber für Ausbildungen und Studiengänge im digitalen Bereich?
Natürlich kann eine Laufbahn in der IT lukrativer sein. Beim Handwerk geht es aber nicht nur ums Geld, sondern oft auch um die Einstellung zum Beruf und zu den Menschen, mit denen man zusammenarbeitet. Im Moment hat das Handwerk ein gutes Image – als Gegenentwurf zur Digitalisierung. Junge Menschen wollen wieder etwas anpacken. Berufe wie der Goldschmied oder der Keramiker sind für junge Leute immer noch interessant.
Interview: Jonas Grundmann