Handgebaut und ohrgestimmt

von Redaktion

Andreas Nöß, 27, ist Handzuginstrumentenmacher

Steingaden – Aus dem Radio ertönt leise Stubenmusik. Das bringt Andreas Nöß in die richtige Stimmung. Der 27-Jährige sitzt in seiner kleinen Werkstatt in Steingaden im Kreis Weilheim-Schongau und bastelt an einem hölzernen Kasten mit vielen Metallplättchen darin. Andreas Nöß, 27, ist Handzuginstrumentenmacher. Er baut und repariert Harmonikas – und führt einen von nur noch neun Betrieben in ganz Oberbayern, in denen dieses Handwerk ausgeübt wird.

Dass er das seltene Handwerk erlernen möchte, war Nöß früh klar. „Seit ich neun Jahre alt bin, spiele ich schon Ziach“, erzählt er. „Und mich hat immer schon interessiert, wie man so ein Instrument baut.“ Anfangs lief nicht alles nach Plan. Nöß bewarb sich beim einzigen Ausbilder und größten deutschen Hersteller für Harmonikas in Freilassing – und wurde abgelehnt. Doch er blieb hartnäckig: Nach einer Lehre bei einer Schreinerei konnte er die Ausbildung doch machen. Kurios: Die Gesellenprüfung musste Nöß selbst organisieren, eine Einladung kam nicht. „Denn ich war der Einzige in Bayern.“

Ähnlich war es beim Meister. Nöß zeigt auf den Meisterbrief, der eingerahmt über der Eckbank hängt. „Es gibt keine Schule, ich musste mich selbst um alles kümmern.“ Viele Hürden in einem so seltenen Handwerksberuf. „Für die, die es lernen wollen, ist das halt blöd“, sagt er. Trotzdem: Für den 27-Jährigen ist Handzuginstrumentenmacher der schönste Beruf, den er sich vorstellen kann.

Andreas Nöß nimmt eine Zange in die Hand, rückt mit viel Fingerspitzengefühl die Klappen zurecht, die mit den Knöpfen verbunden sind. Neben ihm steht ein kleiner Herd. „Da schmelze ich Bienenwachs, mit dem ich die Stimmplatten befestige“, erklärt er. Seine Arbeit ist vielseitig, verlangt viel Konzentration. „Ich stimme meine Instrumente im Gegensatz zu den Herstellern nach Gehör“, sagt Nöß. „Bei mir dauert das zwei Tage, aber man hört den Unterschied.“

Seit vier Jahren ist er mit „Nöß Harmonikabau“ selbstständig. Begonnen hat er mit Reparaturen, seit 2022 baut er sein erstes eigenes Modell. „Für den Neubau einer Harmonika brauche ich ungefähr 100 Stunden.“ Anfangs baute er die gesamte Harmonika selber, heute arbeitet er mit Hardi Schmid zusammen, einem Schreiner in Königsdorf. „Er macht das Gehäuse, und ich bin fürs Innenleben zuständig.“ Die Zusammenarbeit sei einmalig. „Jeder macht das, was er am besten kann – und wir haben die gleichen Vorstellungen.“

Gemeinsam tüfteln die beiden derzeit an einem zweiten eigenen Modell. Im Regal sind einige Harmonikas ausgestellt – keine sieht wie die andere aus. „Die Holzart und die Balgfarbe kann sich jeder selbst aussuchen“, sagt Nöß. Das macht die Instrumente einzigartig, genau wie die kunstvolle Gravur seines Logos am hölzernen Gehäuse. „Das Beste ist, dass ich etwas schaffe, das vielen Leuten lange eine Freude macht.“

LEA WARMEDINGER

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