Wie Russland Transnistrien am Leben hält

von Redaktion

Chisinau – Irene Basiul kommt aus einem Land, das es nicht gibt, zumindest nicht für den Rest der Welt. Bis vor einem Jahr lebte sie noch in Tiraspol, der Hauptstadt der moldauischen Separatistenregion Transnistrien. Aber die Enge, die Propaganda, das erschlug sie. „In Transnistrien zu leben ist, wie in einem Turm zu leben, um den ein Drache fliegt“, sagt sie. „Und der Drache, das ist Russland.“

Irene ist Anfang 20, lebt in Moldaus Hauptstadt Chisinau und hilft dort ukrainischen Flüchtlingen. Als sie geboren wurde, da war der Transnistrien-Konflikt längst eingefroren. Ein kurzer Krieg zwischen Moldau und den Separatisten endete 1992 nur durch ein Eingreifen russischer Truppen auf transnistrischer Seite. Tiraspol steht bis heute unter russischem Einfluss – die Unabhängigkeit wurde bisher von keinem anderen Staat anerkannt.

Dass die Region wirtschaftlich überlebt, liegt vor allem an Russland. Das versorgt Tiraspol mit günstigem Gas, das die Schwerindustrie am Laufen hält und so vor allem Stahl-Exporte ins Ausland ermöglicht. Außerdem erzeugt Transnistrien aus dem Gas Strom, den es an Moldau weiterverkauft. Die Einnahmen sollen weit mehr als die Hälfte des „Staats“-Budgets ausmachen. De facto fließt das Gas umsonst, weil Moskau ein Interesse hat, das Regime in Tiraspol zu stützen. Die 9,2 Milliarden Euro Schulden, die bis dato aufgelaufen sind, stellt Moskau Moldau in Rechnung, das aber auch nicht zahlt.

Moldaus Energieminister Victor Parlicov kennt den Deal, von dem auch sein Land profitiert, nur zu gut. Beim Gespräch in Chisinau macht er klar, wie er die Sache sieht: „Die Region ist nicht überlebensfähig ohne den ‚Gas-for-free‘-Deal mit Russland.“ Sie hängt am Tropf des Kreml.

Aber auch Männer wie Victor Gusan stabilisieren das System. Der ehemalige KGB-Agent gilt als mächtigster Unternehmer Transnistriens, ein Mann mit dubiosen Methoden und einem weit verzweigten Firmenimperium, das bis nach Deutschland reicht. Der Oligarch gründete außerdem den FC Sheriff Tiraspol, einen Fußballclub, der schon in der Champions League spielte.

Gusan muss es schrecken, wenn die Regierung in Moldau neuerdings wieder davon spricht, Transnistrien reintegrieren und entkriminalisieren zu wollen. Der lange akzeptierte Status quo wackelt, wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine und auch, weil der ungelöste Konflikt ein Hindernis für Moldaus Weg in die EU ist. Einzig: Es fehlt Moldau an einem Plan, die 350 000 Transnistrier zu integrieren. In bestehenden Dialogformaten wird nur über Kleinkram gesprochen.

Vieles wird vom Ausgang des Krieges abhängen. Siegt die Ukraine, wird sie keine russische Enklave im Osten dulden. Siegt Russland, ist Moldau in Gefahr. Irene Basiul hofft auf Kiew. Sie sagt: „Ohne Russland zu sein heißt, frei zu sein.“ MARCUS MÄCKLER

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