München/Potsdam – Auch in Deutschland wird Erdbebenforschung betrieben. „Grundlage sind sogenannte Gefährdungskarten“, erläutert Marco Pilz, Erdbebenforscher am Deutschen GeoForschungsZentrum in Potsdam (GFZ). Die Karte zeigt, wo und in welcher Stärke Beben auftreten können. Alle Erdbeben der Vergangenheit fließen in ein Programm ein, das mithilfe eines mathematischen Modells die Karte moduliert. Die Gefährdungskarte ist auch Grundlage für Baunormen. „Wir haben in Deutschland verschiedene Zonen. Je nachdem, in welcher man lebt, muss man erdbebensicher bauen“, erklärt Pilz. Am gefährdetsten seien in Deutschland die Schwäbische Alb, das Vogtland im sächsischen Erzgebirge, Gebiete am Oberrheingraben, der sich südlich von Frankfurt bis nach Basel zieht, und vor allem der Großraum Köln, der in der Niederrheinischen Bucht liegt. Vereinfacht gesagt sind Schwachstellen in der Eurasischen Platte der Grund. Spannungen innerhalb der Platte führen etwa am Oberrhein und in der Niederrheinischen Bucht zu Rissen. In der Folge kommt es zu Bewegungen, was ein Erdbeben auslöst.
Für Köln hat das GFZ mithilfe geologischer Berechnungen und Gebäudedaten folgendes Szenario durchgespielt: In der Niederrheinischen Bucht kommt es am Erftsprung zu einem tektonischen Bruch. Erdbebenwellen der Stärke 6,5 treffen Köln. Laut GFZ wären vor allem Gebäude mit älterer Bausubstanz vom Einsturz bedroht. Von den rund 170 000 Wohngebäuden würden mehr als 10 000 mäßig bis schwer beschädigt. Beben der Stärke ab 6,5 gibt es in der Niederrheinischen Bucht alle 1200 bis 3000 Jahre. „Das letzte schwere Beben in der Region war vor 250 Jahren“, sagt Pilz.
Laut Pilz sind Erdbebenprognosen ziemlich verlässlich. Zwar seien keine kurzfristigen Vorhersagen möglich, aber welche für mittlere Zeiträume. So wie für Istanbul, wo Forscher ein schweres Beben in den nächsten zwei Jahrzehnten erwarten. „Das wird mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit so eintreten – die Frage ist nur, ob morgen oder erst in 20 Jahren.“ Auch das Beben in der Osttürkei sei keine Überraschung gewesen, sagt Pilz. „Man hat dort ein Beben in dieser Stärke erwartet.“ Auch Plattenbewegungen können erfasst werden. Über Forschungssatelliten im All. So entfernt sich der amerikanische Kontinent jedes Jahr wenige Zentimeter von Europa, während Afrika auf die Eurasische Platte zudriftet. Bis die Kontinente aufeinandertreffen, wird es aber noch 50 Millionen Jahre dauern. wha