Was das Bankenbeben für Anleger bedeutet

von Redaktion

VON GEORG ANASTASIADIS UND ANDREAS HÖSS

München – Der Tanker hat kräftig gewankt, ist aber nicht gekentert. Nach der Notübernahme der Credit Suisse durch die Schweizer Großbank UBS hoffen alle, dass wieder Ruhe auf den Finanzmärkten einkehrt. Sicher ist das nicht, aber die Vorzeichen sind positiv. Wir erklären, was die Krise der Credit Suisse für Kleinanleger und die Finanzmärkte bedeutet.

1. Muss ich jetzt Angst um mein Geld haben?

Nein, das bekräftigte am Montag sogar Bundeskanzler Olaf Scholz. Er versicherte, die deutschen Banken seien „gut aufgestellt“. Tatsächlich wurden Europas Banken nach der Finanzkrise durch strengere Regeln stabiler gemacht. Sie müssen nun mehr Eigenkapital vorhalten und regelmäßig Stresstests machen. Auch die Einlagen der Kunden sind heute besser gesichert. Hier besteht in der EU ein gesetzlicher Schutz von 100 000 Euro pro Person und Bank. Wer mehr hat, sollte sein Guthaben deshalb immer auch auf mehrere Banken verteilen. Denn nur in Sonderfällen wie privaten Immobilienverkäufen können bis zu 500 000 Euro garantiert werden.

Neben der staatlichen Einlagensicherung gibt es noch weitere Sicherungssysteme: Sparkassen und Genossenschaftsbanken haben Institutssicherungsfonds, die generell verhindern sollen, dass ihre Mitgliedsbanken kollabieren und Kunden die Einlagensicherung benötigen. Bei großen privaten Banken wie Deutscher Bank oder Commerzbank sind bestimmte Summen über 100 000 Euro zudem oft über freiwillige Sicherungsfonds gedeckt.

2. Was passiert gerade am Aktienmarkt?

Börsianer erwarten wegen der zunehmenden Probleme der Banken, dass die Notenbanken die Zinswende nach unten einleiten, das heißt, wieder mehr Geld in die Märkte pumpen. An den Finanzmärkten wird damit gerechnet, dass die US-Notenbank Fed am morgigen Mittwoch nicht mehr den lange erwarteten großen Zinsschritt nach oben (von 4,75 auf dann 5,25 Prozent) vornimmt, sondern nur noch einen kleinen um einen Viertelprozentpunkt – und dass später im Jahresverlauf die Leitzinsen sogar sinken.  Davon dürften zinssensitive Aktien aus den Sektoren Technologie und Immobilien profitieren. Diese wurden während der zurückliegenden Phase steigender Leitzinsen am stärksten nach unten geprügelt und könnten nun beachtliches Aufholpotenzial besitzen. So legten Aktien des Immobilienkonzerns Vonovia schon gestern Morgen, als die Bankaktien einkrachten, deutlich zu. Auffällig auch, dass der technologielastige US-Nasdaq-Index sich zuletzt deutlich besser entwickelte als der Dow-Jones-Index, der eher defensive Werte mit hoher Dividendenrendite enthält: Während der Dow dieses Jahr 3,5 Prozent nachgab, legte der Nasdaq um 13 Prozent zu. Diese Branchenrotation dürfte anhalten, sagen Marktstrategen.  Die Experten von Sentix, die das Marktvertrauen der Anleger messen, sahen gestern ein „klares Kaufsignal“ für Technologieaktien: „Das Bekenntnis der Fed, die Bankenkrise in den USA schnellstmöglich bereits im Keim zu ersticken und die Märkte mit Liquidität zu fluten, führt zu einem Sprung im Grundvertrauen bei den US-Technologie-Aktien. Ein solches Signal im Nasdaq gab es erst acht Mal in der Vergangenheit. Im Schnitt notierte der Markt zwei Monate später um 6 Prozent höher.“ Auch bei den weiteren US-Aktien springt das Grundvertrauen an. Für die kommenden acht Wochen seien steigende Kurse zu erwarten. Zusätzlich erhält der Markt Rückenwind durch eine positive Saisonalität. April und Mai sind in der Regel gute Monate für Aktien. Auch für deutsche Anteilsscheine würden die Umfrageteilnehmer deutlich positiver. Mittlerweile seien die professionellen Investoren vom Grundvertrauen her sogar positiver gestimmt als die Privatanleger, ein gutes Zeichen. Allerdings seien die Signale bei Weitem nicht so eindeutig wie in den USA.

3. Was, wenn man Fonds- oder ETF-Sparpläne hat?

Wer Monat für Monat Geld über einen Sparplan in die Aktienmärkte investiert, sollte sich nicht verrückt machen lassen. „Je länger der persönliche Anlagehorizont, desto geringer ist das Risiko“, erklärt Finanzexperte Andreas Beck von Index Capital. Denn über kurz oder lang drehten die Aktienkurse bisher nach jeder Krise wieder nach oben. „Wer über einen Sparplan investiert, hat im Moment sogar den Vorteil, dass er Aktien zu einem günstigen Kurs kauft“, beruhigt Beck. Anders als in früheren Crashs ist das vielen Anlegern mittlerweile offenbar bewusst. Trotz der Unsicherheiten an den Märkten würden die Kunden an ihren Wertpapiersparplänen festhalten und hätten zuletzt sogar mehr Geld in Wertpapierprodukte investiert, bestätigt eine Sprecherin der größten deutschen Direktbank ING.

Finanzexperte Beck ist zudem der Ansicht, dass die Krise bald vorbei seien dürfte. „Die Notenbanken tun alles, um die Lage zu beruhigen.“ Auch die Analysten der DZ Bank sehen angesichts der sich abzeichnenden geldpolitischen Wende, der ausgebliebenen Energiekrise und der weiter guten Geschäfte der Unternehmen „Aufwärtspotenzial“ an den Börsen.

4. Warum wird Baugeld billiger, obwohl die EZB die Zinsen zuletzt anhob?

Es ist auf den ersten Blick verwirrend: Erst in der vergangenen Woche hob die Europäische Zentralbank ihren Leitzins um einen halben Punkt auf 3,5 Prozent an – das war gewaltig verglichen mit den Nullzinsen, die es bis ins vergangene Frühjahr gegeben hatte. Die Leitzinsen müssen von den Geschäftsbanken bezahlt werden, wenn sie sich Geld bei der Notenbank borgen. Doch bei den zehnjährigen Bundesanleihen passierte zuletzt genau das Gegenteil: Sie rentierten am Zinsgipfel am 2. März noch mit 2,77 Prozent und stürzten gestern im frühen Handel bis auf nur noch 1,92 Prozent ab, ehe sie sich wieder etwas stabilisierten. Das heißt: Wer festverzinsliche Anleihen des Staates kauft, erhält deutlich weniger Zinsen als noch vor drei Wochen.  Wie kommt das?  Die Notenbanken haben die Macht, die kurzfristigen Zinsen, die sogenannten Geldmarktzinsen, zu steuern. Die langfristigen Zinsen aber bilden sich am Kapitalmarkt heraus und bewegen sich teils konträr zu den Geldmarktzinsen. Wenn die Märkte zum Beispiel eine Rezession erwarten oder eine Bankenkrise, dann gehen sie davon aus, dass die Notenbanken ihre Zinsen auf kurz oder lang wieder senken müssen, um die Konjunktur anzukurbeln. Genau das ist jetzt wieder der Fall.  Parallel zu den Bundesanleihen entwickeln sich auch die Bauzinsen. Häuslebauer also dürfen sich freuen: Immobilienkredite werden wieder billiger. Waren im Oktober für einen Baukredit mit zehnjähriger Laufzeit noch 3,9 Prozent zu bezahlen, gab es gestern bei den günstigsten Anbietern Baugeld schon wieder für 3,35 Prozent.  Mit Argusaugen blicken die Investoren auf die morgige Sitzung der US-Notenbank Fed – die vielleicht sogar ganz stillhält. Und vermutlich kündigen die Notenbanker zur Beruhigung der Märkte an, ab jetzt keine weiteren Zinserhöhungen mehr vorzunehmen. Dann wäre der Zinsgipfel überschritten.

5. Warum steigen Kryptowährungen wie Bitcoin?

Obwohl mit der Silvergate und der Signature Bank zuletzt gleich zwei Institute aus dem Kryptobereich pleitegingen, hat die Kryptowährung Bitcoin in den vergangenen sieben Tagen rund ein Viertel zugelegt. Angesichts der Krise im Bankensystem und der heftigen Reaktion der Notenbanken hätten Investoren Bitcoin erstmals überhaupt ähnlich wie Gold als sicheren Hafen benutzt, um Geld aus dem klassischen Finanzsystem herauszuziehen, erklärt Eric Wall vom Hedgefonds Arcane Assets, der in Kryptowährungen investiert.

Eine plausible Erklärung, findet auch Wirtschaftsforscher Philipp Sandner vom Blockchain Center der Frankfurt School of Finance. Trotzdem rät er davon ab, aus Panik vor Bankpleiten viel Geld von Konten in Kryptowährungen umzuschichten. Eine kleine Beimischung sei zwar denkbar, „aber maximal vier bis sechs Prozent – und das ist schon sehr viel“, so Sandner.

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