Kiew – Die Gefühle, mit denen ich dieses Mal aus der Ukraine zurückkomme, sind schwer in Worte zu fassen. Nach der Reise nach Kiew, Tschernihiw und in den Osten bin ich so niedergeschlagen zurückgekehrt, wie ich es vor einem Jahr war, als ich den Kriegsbeginn in ebenjenem Kramatorsk erlebt hatte. Ich suche nach Gründen.
Neu ist, wie groß der Kontrast innerhalb des Landes geworden ist: Während im vergangenen Jahr weite Landesteile vom Krieg betroffen waren, scheint er in Kiew inzwischen sehr weit weg zu sein. Der Raketenalarm kümmert kaum noch jemanden, es sind nur noch vereinzelt Stromausfälle zu verzeichnen. Cafés, Bars, Theater haben geöffnet – selbst der bekannte Technoclub K41 hat samstags bis zur Sperrstunde wieder auf.
Völlig anders im Osten. Das beginnt schon bei der Zugfahrt nach Kramatorsk: Die Hälfte der Passagiere sind Soldaten, die aus einem kurzen Heimaturlaub zurück an die Front fahren, nach Bachmut, Kreminna, Awdijiwka und in all die kleinen Dörfer, deren Namen man noch nie gehört hat, in denen die ukrainische Armee jetzt verbissen die Position hält. Wer im Osten über Land fährt, der begreift, welches Ausmaß die Zerstörung angenommen hat. Viele Städte im Gebiet Donezk und auf dem Weg Richtung Charkiw sind zerstört, und solange die Front oder die russische Grenze nur wenige Kilometer entfernt ist, wird sich daran auch nichts ändern. Wozu wiederaufbauen, wenn der Krieg jederzeit wiederkommen könnte?
Was die Soldaten erzählen, verdeutlicht das Ausmaß des Gemetzels, das sich im Frontabschnitt um Bachmut abspielt. Es sind Berichte darüber, wie die russische Armee sinnlos ihre Soldaten verheizt, Frontalangriffe auf gut befestigte Positionen der Ukrainer durchführt, die an Erzählungen deutscher MG-Schützen aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, die nicht begreifen konnten, wie die Sowjets Welle um Welle ihre Positionen attackierten und im Kugelhagel starben. Es sind Erzählungen über sehr hohe eigene Verluste, über Bataillone, die mehrmals „auf null gesetzt“, also kampfunfähig wurden, und mit neuen Soldaten aufgefüllt werden mussten. „Der Preis, den wir selber zahlen, ist sehr hoch“, heißt es immer wieder. Es sind Erzählungen von Kameraden, die sich nach einem schweren Gefecht selbst in den Kopf schießen, weil sie das nicht noch einmal erleben wollen.
Selbst die erfahrenen Soldaten sind abgestumpft. Einer erzählt, wie er beim letzten Heimaturlaub sah, wie eine Frau überfahren wurde, und er bei dem Anblick nichts spürte. Er ging zum Psychologen, der eine Depression diagnostizierte. Dann fuhr er zurück an die Front. Für Therapien ist jetzt keine Zeit, jeder Mann wird an der Front gebraucht.
Man tauscht Nummern aus, verabredet sich für ein Bier nach Ende des Kriegs, aber es ist ein anderer Ton als im vergangenen Frühjahr. Ich frage mich immer wieder: Werde ich diese Menschen wiedersehen? Sie erzählen vom Häuserkampf in Bachmut, der Feind nur ein paar Meter entfernt im nächsten Haus, oder sogar auf der anderen Seite des Metallzauns, Granatwürfe über den Zaun, nächtliche Attacken. Und über den trotz der verbissenen Verteidigung langsamen Rückzug.
Ein Grund dafür ist, dass die Russen immer neue Kräfte in den Kampf werfen, sich trotz hoher Verluste eben doch vorarbeiten, begleitet vom ständigen Unterstützungsfeuer von Artillerie und Granatwerfern. Die deutliche Überlegenheit der Russen bei der Anzahl der abgefeuerten Geschosse ist für die ukrainischen Soldaten jeden Tag spürbar.
Und während in Kiew und in den öffentlichen Äußerungen ein Siegeskult gepflegt wird, inzwischen schon auf den Verpackungen von Feuchttüchern „Peremoha“ (Sieg) gedruckt wird, ist die Stimmung unter den Soldaten nüchterner. Nein, an Aufgeben denkt niemand. Aber der letzte militärische Sieg, die Rückeroberung von Cherson, liegt über vier Monate zurück. Und natürlich fragen sich die Soldaten angesichts des langsamen Zurückweichens in Bachmut und an anderen Frontabschnitten nach den Zielen der Strategie.
Für was genau soll „Peremoha“ stehen? Soll das wirklich die Zurückeroberung der Krim beinhalten? Selbst wenn es militärisch möglich sein sollte: Was soll man mit den Bewohnern der Krim machen, wenn selbst die Wiedereingliederung der Menschen, die neun Jahre in den „Volksrepubliken“ verbracht haben, in die Ukraine eine sehr große Herausforderung sein wird? Die ukrainischen Soldaten haben ihre Erfahrungen mit der lokalen Bevölkerung im Donbass gemacht. Einer erzählt, wie er mit den Worten „Was wollt ihr hier?“ aus einem Laden geworfen wurde.
Während die Opferzahlen in der Zivilbevölkerung glücklicherweise sinken, nehmen die Verluste beider Armeen aber Ausmaße an, die es in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab. Wer die Zahlen hochrechnet, kommt sehr schnell in jene Bereiche, von denen der US-General Mark Milley spricht. Er hatte schon Ende November die ukrainischen Verluste auf 100 000 Tote und Verwundete geschätzt.
Alle rechnen mit einer Frühjahrsoffensive der Ukrainer. In Kiew, in Tschernihiw, in Kramatorsk, in der Metro und in den Zügen hängen Plakate, die Menschen zum Eintritt in die Armee motivieren sollen. Aber die Zeit, als die Menschen Schlange standen, um in die Armee einzutreten, ist lange vorbei. Das hat damit zu tun, dass eben nicht mehr jede Stadt und jedes Dorf der Ukraine gleichsam bedroht ist. Aber auch damit, dass die Menschen natürlich verstehen, was für ein Fleischwolf speziell die Front im Osten ist.
Besonders schwer ist es, Menschen für die Infanterie zu finden, jene Speerspitze, die den Winter in schlammigen Schützengräben verbracht hat, die ganz vorne kämpft und die höchsten Opferzahlen zu verzeichnen hat. Die Regierung hat auch deshalb jüngst die monatlichen Zusatzzahlungen neu verteilt: Neben dem Sold bekommen jetzt nur noch diejenigen, die direkt an der Frontlinie kämpfen, 100 000 Hrywnja (2500 Euro) zusätzlich. Wer im Hinterland Dienst schiebt, bekommt 30 000. Die Belastungen für das ukrainische Budget sind riesig. Für jeden Gefallenen zahlt der Staat den Hinterbliebenen 15 Millionen Hrywnja – knapp 400 000 Euro.
Wenig weist darauf hin, dass die Ukrainer im Osten wieder die Initiative zurückerlangen könnten. Zu groß ist trotz der hohen Verluste weiterhin der Zustrom russischen Nachschubs an Militärtechnik und Soldaten. Alle schauen auf den Frontabschnitt südlich von Saporischschja Richtung Asowsches Meer. Sollte es der Ukraine gelingen, bis ans Meer durchzustoßen, wäre die russische Armee dort in zwei Teile gespalten, die Versorgung der westlichen Gruppe wäre nur noch über die Krim möglich. Aber die Russen haben sich entlang der bestehenden Frontlinie tief eingegraben. Woher soll die Ukraine die Technik, die Munition und die Soldaten nehmen, um diese Linien zu durchbrechen und das Territorium zu halten?
Die derzeitigen westlichen Waffenlieferungen sind ein positives Zeichen, aber sie sind nicht so substanziell, dass sie in den nächsten Monaten der Ukraine einen klaren Vorteil verschaffen könnten. Und was, wenn der Versuch einer Gegenoffensive fehlschlägt? Was wird Selenskyj tun mit den Erwartungen der laut Umfragen 95 Prozent der Bevölkerung, die an die „Peremoha“ glauben? Was, wenn sich in den nächsten Monaten ein militärisches Patt einstellt, das Tag für Tag nur noch mehr Tote und Zerstörung produziert?