München –Vor 175 Jahren gingen im deutschsprachigen Raum erstmals aufmüpfige Bürger einer demokratischen Bewegung in Massen auf die Straße. Sie forderten Pressefreiheit, soziale Gerechtigkeit, politische Mitsprache und einen deutschen Nationalstaat. Historiker Wolfram Siemann, 76, langjähriger Lehrstuhlinhaber an der LMU München, erklärt, warum die Revolution heute kaum präsent ist – und fordert eine stärkere Erinnerung an die Freiheitsbewegung.
Herr Siemann, warum wurde der Revolution von 1848 lange so wenig Bedeutung zugemessen?
Das liegt daran, dass ihr das Etikett des Scheiterns anhaftet. Ja, die Revolutionäre haben ihre Ziele damals nicht erreicht. Aber für eine gewisse Zeit fühlten sich die Deutschen in diesem „tollen Jahr“, das ganz Europa aufrüttelte, nicht mehr als Untertan, sondern als Staatsbürger. Es war die erstmalige nationale Erfahrung von Freiheit. Insofern ist das Etikett des Scheiterns in seiner Pauschalität etwas ungerecht. War denn die zu Recht gefeierte Französische Revolution erfolgreich? Ihr folgte mit Napoleon ein Militärdiktator nach, der ganz Europa unterworfen hat.
Man verbindet die Revolution vor allem mit der Frankfurter Paulskirche. Was aber passierte 1848 konkret in Bayern?
Bayern spielte eine Sonderrolle, weil das Ansehen der Monarchie durch Ludwig I. und seine Affäre mit der Tänzerin Lola Montez schon gewaltig erschüttert war. Das war im katholischen Bayern in den Augen des Klerus, aber auch des Bürgertums ein Skandal. Als Ludwig I. im März 1848 wegen dieser Affäre abdankte, nahm das den Revolutionären gewissermaßen den Wind aus den Segeln. Denn Ludwigs Nachfolger Maximilian II. war ein sehr besonnener Monarch, der sich sofort der sozialen Frage widmete. Trotzdem gab es beispielsweise in Franken oder der damals noch bayerischen Pfalz eine rege demokratische, teils revolutionäre Bewegung.
Aus Wien ist das Zitat überliefert: „Wir scheißen euch auf die Freiheit, gebt uns zu essen!“ Was war entscheidend bei Ausbruch der Revolution: Der Wunsch nach Mitbestimmung oder der Hunger?
Beides. Aber Revolutionen werden nicht allein durch Hunger gemacht, da braucht es mehr: Eine zielführende Elite mit einem Programm, um das System zu verändern. Die Fürsten hatten versagt, ihrem Volk Lösungen gegen die wirtschaftlichen Probleme zu bieten. Dass in Frankreich der König vertrieben wurde, in Wien Metternich zurücktrat und in Berlin Barrikadenkämpfe stattfanden, verbreitete sich über Flugblätter, Karikaturen und Straßenreden für damalige Verhältnisse in Windeseile und gab der Bewegung in Europa großen Schub.
Nicht alle in dieser Bewegung waren überzeugte Demokraten…
Nein, die revolutionäre Opposition bestand auch teils aus antisemitischen Handwerkern, die Angst vor Gewerbefreiheit und der Konkurrenz der Juden hatten – oder aus technikfeindlichen Maschinenstürmern. Auch das gehört zur Wahrheit. Die Bewegung war sehr heterogen.
Trotzdem waren die Proteste zunächst erfolgreich.
Dass sich Menschen spontan zu Zehntausenden auf der Straße versammelten, hatte es vorher nicht gegeben. Berühmt ist die Versammlung vor dem Wiesbadener Schloss mit 30 000 Menschen, die ihre Märzforderungen stellten. Der Fürst gab nach. Die Polizeikräfte waren zu schwach, und mit dem Militär konnte er nicht in die Massen schießen. Also wählten die Herrschenden das Spiel auf Zeit.
Welche Rolle spielten die Frauen?
Sie nahmen an Versammlungen teil, versorgten die Kämpfer auf den Barrikaden und waren teilweise auch schon in Vereinen aktiv. Die Wahl ins Parlament war aber den Männern vorbehalten. Zaghafte Vorstöße für ein Frauenwahlrecht wurden abgebügelt. Es hieß: Dann müsste man ja auch Unmündige und Schwachsinnige wählen lassen.
Die Männer blieben stur?
Ja, obwohl Frauen längst unter Beweis gestellt hatten, dass sie politisch urteilen und handeln konnten. Von Metternich gab es etwa den Ausspruch: Im Grunde seien Frauen die besseren Außenpolitikerinnen, weil sie nicht sofort den Krieg zum Instrument der Politik machten.
Der liberale Politiker Friedrich Bassermann warnte damals vor einem radikalen Umsturz. Ist die Revolution auch an der deutschen Sehnsucht nach Ordnung gescheitert?
Nein, das würde voraussetzen, dass es einen zentralen Ort gab, an dem alle Entscheidungen gefallen sind. Aber die Revolution war auf viele verschiedene Schauplätze verteilt – Wien, Frankfurt, Berlin. Am Ende ist die Revolution gescheitert, weil es außer in Baden nirgendwo gelang, das Militär auf die Seite der Bewegung zu ziehen.
Manche vertreten die These: Wäre die Revolution 1848 geglückt, hätten die beiden Weltkriege verhindert werden können.
Das sind Geschichtspropheten. Angenommen, Friedrich Wilhelm IV. hätte die Kaiserkrone akzeptiert, es wäre zu Wahlen und dem neuen Deutschen Reich gekommen. Dieses hätte eine Vielzahl nationaler Minderheiten umfasst: Dänen, Polen, Tschechen, Slowenen und Italiener, die teilweise selbst nach nationaler Selbstbestimmung riefen. Ein Pulverfass! Eine erfolgreiche Revolution hätte also aus meiner Sicht nicht unbedingt Frieden in Mitteleuropa garantiert.
„Parla-, Parla-, Parlament – das Reden nimmt kein End’.“ So wurde die Nationalversammlung diskreditiert. Ein Vorwurf, den man bis heute hört.
Das ist schlicht Propaganda gegen den Parlamentarismus. Ja, es wurde damals intensiv diskutiert. Aber das Ergebnis war eine vollständige Verfassung in rund zehn Monaten. Der Bundestag heute bringt vergleichsweise in einer Legislaturperiode keine Steuer- oder Rentenreform zustande, für die Föderalismusreform 2009 brauchte er zwei Jahre. Die Demokraten wollten damals keine Monarchie, die Liberalen wollten kein allgemeines Wahlrecht. Aber man hat einen Kompromiss gefunden – auch wenn er am Ende nicht umgesetzt werden konnte.
Eine Lehre für heute?
Die Paulskirche ist ein gutes Beispiel, wie es gelingen kann, gerade in der Zerreißprobe die eigene Sichtweise nicht als absolut zu setzen. Diese Bereitschaft, einen ausgehandelten Kompromiss auch als demokratisch zu akzeptieren, fehlt heute leider manchmal.
Revolution 1789, 1848, 1918, 1989 – kann man da Parallelen ziehen?
Alle Revolutionen eint das Ringen um eine neue verfassungsmäßige Ordnung. Gelungen ist das in Deutschland allerdings erst 1949 nach dem Zweiten Weltkrieg. Und da hat man aus 1848 und der Weimarer Republik gelernt: Es wurden statt Grundrechten wie 1848 Menschenrechte in der Verfassung verankert, die nicht durch einen einfachen Parlamentsbeschluss ausgehebelt werden können. Insofern haben die Paulskirche-Abgeordneten gute Vorarbeit geleistet. Aber heute sind wir einen Schritt weiter.
Sollte Deutschland stärker an die Revolution von 1848 erinnern?
Ja. Allerdings braucht es für Erinnerung immer Symbole. Einen einzelnen „Helden“ oder eine „Heldin“ von damals hervorzuheben, ist immer umstritten. Das sichtbarste Symbol ist für mich noch immer die Frankfurter Paulskirche als zentraler Ort von 1848, auf den aus ganz Europa geschaut wurde. Ich fände es attraktiv, sie in ihrer historischen Form mit den Galerien wieder zu rekonstruieren – um erlebbar zu machen, wie sich die Abgeordneten damals gefühlt haben, als sie dort unter Beobachtung der interessierten Öffentlichkeit verhandelten. Und auch der Friedhof der Märzgefallenen in Berlin hätte als Symbol der Barrikade mehr Zuwendung verdient.
Interview: Dominik Göttler