„Heiße Märzenzeit“: Wie die Revolution ausbrach – und scheiterte

von Redaktion

München – „Das war ne heiße Märzenzeit, trotz Regen, Schnee und alledem…“ Wehmütig erinnerte sich der Dichter Ferdinand Freiligrath später an das Frühjahr 1848 und die Euphorie, mit der die Revolution vor 175 Jahren durch die Königreiche, Fürstentümer und Städte des damaligen Deutschen Bundes fegte.

Eine Revolution, die heute weithin vergessen ist. Während Bismarck bis heute hunderte von Denkmälern und Straßen gewidmet sind, kennt kaum einer die Revolutionäre, die 1848/49 für eine Verfassung, soziale Demokratie und Menschenrechte kämpften – etwa Friedrich Hecker, Gustav Struve oder Robert Blum.

Es gärte in Europa: Schon in den 30er-Jahren des 19. Jahrhunderts gab es in vielen Ländern Freiheitsbewegungen. Aber nicht nur aus politischen Gründen: Auch Missernten, Hungersnöte und Teuerung verschärften die Spannungen. Die Industrielle Revolution brachte die Gesellschaft ins Wanken: Die Bevölkerung wuchs rasant. Dampfmaschine, mechanischer Webstuhl und Fabrikarbeit stärkten das Bürgertum, führten aber zur Verelendung der Arbeiter.

Der revolutionäre Funke sprang aus Frankreich über: Am 24. Februar 1848 wurde in Paris die Monarchie gestürzt. Schon drei Tage später forderten in Mannheim über 2000 Menschen erstmals weitgehende Reformen. Dazu gehörten Volksbewaffnung, Menschenrechte, Presse- und Versammlungsfreiheit, Schwurgerichte und ein nationales deutsches Parlament. Bauern drängten auf die Beseitigung der Vorrechte des Adels –Handwerker, Tagelöhner und Fabrikarbeiter auf mehr soziale Gerechtigkeit.

In einer Kettenreaktion verbreiteten sich die sogenannten Märzforderungen durch Deutschland. In München war die Stimmung wegen der höchsten Lebensmittelpreise seit Jahrzehnten ebenfalls angespannt. Hinzu kam die Wut über den Regenten Ludwig I. und dessen Affäre mit der Tänzerin Lola Montez. Anfang März unterschrieben tausende Bürger im Münchner Rathaus eine Petition für Reformen und Freiheitsrechte, Demonstranten stürmten das Zeughaus und bewaffneten sich eigenmächtig. Der Züricher Professor Johann Caspar Bluntschli notierte: „Am 3. März kam ich nach München, in die ersten Zuckungen der Revolution mitten hinein. Kein Zweifel mehr, die Revolution war da. Die ganze Stadt war nun aufgeregt.“ Ludwig sagte Reformen zu, dankte am 19. März aber ab. Sein Nachfolger Maximilian II. setzte einen Teil der Reformen um – und beruhigte so die Lage in Bayern.

Unter dem Druck des Volkes machten viele der Monarchen und Regenten der 34 deutschen Staaten und vier freien Städte Zugeständnisse. Sie setzten reformwillige Ministerien ein, um die revolutionäre Wucht einzudämmen. Die bisher verbotenen Farben Schwarz-Rot-Gold wurden am 9. März vom Bundestag in Frankfurt, dem lockeren Zusammenschluss der deutschen Staaten, zu Nationalfarben erklärt. Nach blutigen Barrikadenkämpfen in Berlin erklärte der preußische König Friedrich Wilhelm IV. am 21. März 1848: „Preußen geht fortan in Deutschland auf“.

Ab dem 18. Mai 1848 tagte die erste frei gewählte deutsche Volksvertretung in der Frankfurter Paulskirche. Sie verabschiedete eine Verfassung, die mit ihrem Grundrechtekatalog wegweisend für das Grundgesetz wurde.

Von Anfang an allerdings war die Einheit der Revolutionäre gefährdet. Nicht nur die Frage, welche Rolle Österreich im neuen Staat spielen sollte, spaltete die Bewegung. Die Liberalen wollten eine konstitutionelle Monarchie, Ordnung und Kompromisse mit den Fürsten, die ihrerseits keinerlei Kompromisse eingehen wollten. Eine Minderheit kämpfte – auch mit der Waffe – für die Republik.

Vergeblich. Die monarchisch-restaurativen Kräfte erstarkten. Im März 1849 wählten die Abgeordneten der Paulskirche zwar mit knapper Mehrheit den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum „Kaiser der Deutschen“. Doch der lehnte die Krone ab, da ihr der „Ludergeruch der Revolution“ anhafte. Die größeren Staaten Österreich, Preußen, Bayern, Hannover und Sachsen erkannten die „revolutionäre“ Reichsverfassung nicht an. Das Parlament der Paulskirche löste sich im Mai 1849 resigniert auf. C. ARENS/D. GÖTTLER

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