Andreas Kinser (45) ist Leiter des Bereichs Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtier Stiftung. Er weiß genau, wer der Osterhase ist und wo und wie er lebt.
Herr Kinser, klären Sie uns auf: Wer ist der Osterhase?
Der Feldhase, lateinisch Lepus europaeus. Es gibt in Deutschland zwei Hasenarten: Feldhase und Alpenschneehase – der aber nur in den Alpen vorkommt und auch deutlich seltener ist als der Feldhase.
Gibt es noch genug Feldhasen, damit wir alle unsere Ostereier bekommen?
Wenn jeder ein paar Eier tragen kann, könnte das noch reichen (lacht). Es gibt bei uns noch über zwei Millionen Feldhasen – deutlich mehr als zum Beispiel Wildschweine. Die schlechte Nachricht ist, dass wir heute viel weniger Feldhasen haben als noch vor 40, 50 Jahren. Damals wurde noch nicht so genau gezählt. Aber es wurden jedes Jahr über eine Million Feldhasen von Jägern erlegt, deswegen war es sicher ein Vielfaches.
Wo kommt der Feldhase noch oft vor, wo seltener?
Es gibt ein klares West-Ost-Gefälle. In Nordrhein-Westfalen leben mit etwa 18 Tieren pro 100 Hektar am meisten Hasen. In Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern sind es nur vier bis fünf. Das hat viel mit der landwirtschaftlichen Struktur zu tun. Im Westen kleinteilig, im Osten riesige Ackerschläge mit wenig Abwechslung in der Feldfrucht. Hasen-Hotspots sind die Küstenregionen Niedersachsens und Schleswig-Holsteins, das Münsterland und Nordbayern, insbesondere Unterfranken von Würzburg bis Schweinfurt. Auch rund um Straubing findet man noch viele Feldhasen.
Hilft ökologische Landwirtschaft dem Feldhasen?
Sie hat viele Vorteile für ihn, aber leider auch einen riesigen Nachteil. Der Pflanzenschutz erfolgt mechanisch mit Striegel und Hacke. Dabei sterben viele Junghasen. Mit Pestiziden hat der Feldhase weniger Probleme. Der Ökolandbau ist für viele Tierarten ein großer Gewinn, gerade für Insekten und Vögel. Für den Feldhasen nicht so sehr.
Ist die Population stabil?
Stabil auf niedrigem Niveau. In trockenen Jahren wächst die Population sogar, denn unser Feldhase war in Urzeiten ein Steppenbewohner. Warm-trockenes Klima liegt ihm.
Wie lebt denn der Hase?
Nur oberirdisch. Er lässt sich höchstens dazu hinreißen, eine Mulde zu buddeln, um sich reinzulegen. Nur Kaninchen, die übrigens nicht unmittelbar mit dem Hasen verwandt sind, graben Bauten. Der Hase lebt vor allem auf Feldern, aber auch im Wald und in Städten. Er ist extrem fruchtbar – deswegen vielleicht auch seine Ostersymbolik. Eine Häsin kann vier Würfe im Jahr machen mit je drei bis fünf Junghasen. Die Kleinen sind nach vier Wochen komplett selbstständig. Davor kommt die Häsin auch nur ein einziges Mal am Tag zum Säugen, um keine Fressfeinde anzulocken. Den Rest des Tages sind die Junghasen auf sich allein gestellt.
Welche Funktion haben Hasen in der Natur?
Sie sind nur Beute. Vor allem der Fuchs frisst einen Großteil des Nachwuchses. Der Hermelin, Greifvögel, Uhu, Luchs und Wolf sind weitere Fressfeinde. Auch die Rabenkrähe verschmäht Junghasen nicht. Ausgewachsene Hasen sind schwerer zu erbeuten.
Der Feldhase kann ein paar unglaubliche Dinge …
Ja, berühmt ist die Mehrfachvaterschaft. In einem Wurf können mehrere Väter vertreten sein. Unglaublich ist auch die Superfötation: Eine Häsin kann erneut schwanger werden, obwohl sie gerade schon schwanger ist. Dafür ist der Rammler verantwortlich. Er gibt nach der Kopulation ein Sekret ab, das den Stoffwechsel der Spermien herabsetzt und so deren Lebensdauer verlängert.
Warum finden wir Feldhasen so niedlich?
Ist das so? Da bin ich mir gar nicht sicher (lacht). Katzen- und Hundebabys mit ihren großen Augen sind niedlich. Aber wenn, sind es wohl die langen Ohren und die seitlich eingesetzten Augen. Er hat damit einen 360-Grad-Blick. Was uns eher mit dem Hasen verbindet ist, dass er uns noch vor 100 Jahren im Frühjahr so oft begegnet ist. Der Hase war allgegenwärtig, deshalb spüren viele eine engere Bindung. Er ist auch heute noch omnipräsent. Es gibt keine Ecke in Deutschland, wo es ihn nicht gibt.
Ist der Feldhase mobil?
Nein. Er ist sehr ortstreu, kommt mit wenigen Hektar aus und wandert selten mehr als zwei, drei Kilometer. Er hat keine ausgeprägten Reviere und ist ein Einzelgänger. Bei hohen Dichten sitzen Hasen aber durchaus mal zum Fressen zusammen.
Ist der Hase nur nützlich?
Werden es sehr viele, können Hasen erhebliche Schäden anrichten. Gerade in Wäldern knabbern nicht nur Rehe junge Bäume an. Der Feldhase darf von Oktober bis Mitte Januar bejagt werden. Das ist aus Sicht der Wildtier Stiftung, die sich als die Stimme der Wildtiere versteht, auch legitim – solange man vorher gezählt und genug zum Erhalt des Feldhasen getan hat.
Sie haben kleine Kinder. Glauben die noch an den Osterhasen?
Definitiv! Bei uns wird auch ein Osternest gebaut und im Garten versteckt. Und da kommt dann der Osterhase.
Interview: Wolfgang Hauskrecht