München – Wer war zuerst da? Das Ei oder…? Annegret Braun weiß die Antwort. „Das Osterei war vor dem Osterhasen da“, sagt die Lehrbeauftragte am Institut für Empirische Kulturwissenschaft und europäische Ethnologie der Ludwig-Maximilians-Universität. Bereits die ersten Christen in Armenien schenkten sich zu Ostern Eier, als Symbol der Auferstehung. „Weil aus dem Ei neues Leben entsteht, so wie mit Jesus Christus durch seine Auferstehung ewiges Leben.“ Die Eier wurden rot gefärbt, um an das vergossene Blut von Jesus zu erinnern. Schriften aus den ersten Jahrhunderten nach Christus belegen das.
Danach wird es mit historischen Quellen dünn – bis ins 11. Jahrhundert, dem Beginn des Hochmittelalters. „Die Fastenzeit ist für die Geschichte des Ostereis ganz wichtig“, betont Helmut Groschwitz vom Institut für Volkskunde der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Die Fastenzeit beginnt am Aschermittwoch – direkt nach Fasching. Viele Speisen seien verboten gewesen, „allen voran Fleisch – aber auch Eier, die als flüssiges Fleisch bezeichnet wurden“. Die Menschen versuchten, im Fasching möglichst viele Eier zu verbrauchen. Der Rest wurde im Kochtopf haltbar gemacht. Am Ende der Fastenzeit am Gründonnerstag saßen die Menschen also auf einem Berg hartgekochter Eier – und nutzten sie als Ostereier.
In der katholischen und orthodoxen Kirche sei die Speisenweihe an Ostersonntag ein wichtiger Brauch gewesen, erläutert Groschwitz. „Die Menschen haben Speisen im Korb gebracht und die wurden vom Pfarrer gesegnet.“ Die gesegneten Eier habe man durch Färben markiert und zum Beispiel als Paten- oder Liebesgabe verschenkt. Auch als Zahlungsmittel wurden sie genutzt. Geweihten Eiern, berichtet Braun, wurde gar eine heilende Kraft zugeschrieben, weswegen die Schalen oft an die Tiere verfüttert wurden. War anfangs Rot die beliebteste Eierfarbe, kamen mit der Zeit andere Farben und Verzierungen dazu.
Und wo bleibt der Osterhase in dieser Geschichte? Sein Stern geht erst im 16. Jahrhundert auf, mit der Spaltung des Christentums durch die Reformation. Der Protestantismus sei eine wichtige Bruchstelle für christliche Bräuche gewesen, sagt Groschwitz. Mit katholischen Bräuchen wollten die Protestanten eher nichts zu tun haben. Also keine Speisenweihe und kein strenges Fasten.
Der Brauch des Eierschenkens aber blieb – und brachte die protestantische Kirche in Erklärungsnot. Woher kommen die Ostereier? In der stark vom Glauben geprägten Osterzeit brauchte es einen mystischeren Gabenbringer als die Eltern. Das war die Geburtsstunde des Osterhasen.
Eine erste schriftliche Quelle findet sich 1682 beim Elsässer Medizinprofessor Georg Franck von Franckenau. In seiner Schrift „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ beschreibt er erstmals den Brauch, Kinder Ostereier im Garten suchen zu lassen, die der Osterhase gebracht hatte. Anfangs hatte der Hase aber viel tierische Konkurrenz. In Schleswig-Holstein, Sachsen und Thüringen brachte lange der Osterhahn die Eier, in Kärnten und Tirol die Himmelshenne und der Ostervogel. Auch Storch, Kuckuck, Kranich, Auerhahn, Fuchs und Palmesel wurden zum Eierboten gemacht – und die Kirchenglocken. Weil von Karfreitag bis Ostersonntag die Kirchenglocken nicht läuteten, hieß es, sie gehen in der Zeit nach Rom und kommen mit den Eiern zurück.
Im Landkreis Dachau, erzählt Braun, sei der Gockel bis ins frühe 20. Jahrhundert der Gabenbringer gewesen. Allerdings hatte die Sache einen mühsamen Haken: „Man hat den Kindern gesagt, sie müssen dem Gockel die Füße waschen, damit er die Eier bringt.“ Die Kinder waren also damit beschäftigt, den Gockel zu fangen – und die Eltern konnten in Ruhe alle Ostervorbereitungen treffen.
Ab dem 19. Jahrhundert setzte sich der Hase immer mehr durch. Vor allem protestantisch-bürgerliche Kleinfamilien hätten den Brauch des Osterhasen vorangetrieben, sagt Groschwitz. In katholisch-ländlichen Regionen sei er bis weit ins 20. Jahrhundert kaum bekannt gewesen. Bräuche, erklärt der Volkskundler, kämen keineswegs immer aus dem Ländlichen. „Der Weihnachtsbaum taucht im 16. Jahrhundert erstmals in protestantisch-städtischen Gebieten auf, der Adventskranz ist eine protestantische Erfindung des 19. Jahrhunderts. Natürlich fand dann ein Austausch in katholische und ländliche Gebiete statt.“
Die Karriere des Osterhasen ging steil weiter. Kinderbuchautoren griffen das Motiv auf. Besonders bekannt sind die Häschenschule, ein Kinderbuchklassiker von 1924, oder das Osterbuch (Hasenbuch) von 1908 des Münchner Dichters Christian Morgenstern mit Kinderversen und 16 Bildtafeln. Braun: „In diesen Büchern wurde der Osterhase vermenschlicht. Er hat Kleider an und trägt mit dem Korb am Rücken die Eier aus.“
Die Zuckerwarenindustrie tat im 20. Jahrhundert ihr Übriges. Der Osterhase als süße Versuchung statt als religiöses Motiv. Laut Groschwitz ist Kommerz nicht ungewöhnlich im Brauchtum. „Man muss sich von der romantischen Vorstellung trennen, dass Bräuche nie was mit Geld zu tun hatten. Hinter vielen Bräuchen standen von Anfang an ökonomische Interessen.“ Mit dem Fasching hätten die Zünfte vor der Fastenzeit noch mal ordentlich verdienen wollen. „Auch Wallfahrten wurden gezielt eingesetzt, um Pilger zu sich zu holen.“ Geld fürs Kirchensäckel.
Oft, erläutert Groschwitz weiter, würden Bräuche aus einem religiösen Kontext heraus entstehen, ihren religiösen Gehalt dann aber wieder verlieren. „Sie bekommen dann neue Bedeutungen, zum Beispiel soziale Einbindung.“ So wird Weihnachten heute auch von Nicht-Christen gefeiert. Bräuche, sagt Groschwitz, seien oft eine Mischung aus Alltagsleben und Bezug zur Theologie.
Auch der Osterhase hat sich verweltlicht – ein Weltstar ist er aber nicht, eher ein deutscher Lokalmatador. In Frankreich zum Beispiel bringen noch heute die Glocken die Eier aus Rom. Auch in Italien ist der Osterhase unbekannt. Eine gewisse Verbreitung, zum Beispiel in die USA als „Easter Bunny“, verschafften ihm deutsche Auswanderer. „In Deutschland aber hat sich der Osterhase gänzlich durchgesetzt“, sagt Braun.
Geht es um den Osterhasen, wird oft auch das Dreihasenbild ins Feld geführt. Berühmt ist das Dreihasenfenster des Paderborner Doms. Das Kunstwerk aus dem 16. Jahrhundert zeigt drei springende Hasen, die sich die Ohren teilen. Im christlichen Kontext gilt die Dreiecksform der Ohren als Symbol für die Dreieinigkeit Gottes. Das Motiv, sagt Braun, habe man häufig auf Ostereier gemalt. Ob die Symbolik Einfluss auf die Karriere des Osterhasen hatte, ist aber unklar. Dreihasenbilder sind schon im China des 6. und 7. Jahrhunderts dokumentiert. Über die Seidenstraße verbreiteten sie sich nach Europa.
Eine lückenlose Biografie des Osterhasen gibt es nicht. „Ursprünge sind schwer herauszufinden, weil Bräuche in verschiedenen Gegenden ganz unterschiedlich gefeiert werden“, sagt Braun. Es gebe zwar oft Quellen, aber wie diese entstanden seien, wisse man meist nicht genau. Am Ende sei es bei Bräuchen so: „Es wird nach Erklärungen gesucht – und was plausibel klingt, verbreitet sich dann.“