Ab jetzt ist immer Heuschnupfen-Saison

von Redaktion

VON SUSANNE SASSE

München – Niesattacken, Schnupfen, tränende Augen. Wer Heuschnupfen hat, wirkt, als sei er schwer erkältet. Ganz falsch ist der Eindruck nicht, denn das Immunsystem kämpft. Nur: Statt dass es mit Krankheitserregern ringt, ficht es einen sinnlosen – aber manchmal dennoch schwere Folgen zeitigenden Kampf mit harmlosen Blütenpollen von Gräsern oder Bäumen wie Hasel, Erle und Birke. Und das auch in der kalten Jahreszeit, denn die Winterpause für Allergiker habe der Klimawandel abgeschafft, stellt die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) fest. Im Pollenflugkalender zeigte sich heuer, dass die Saison bereits zum Jahreswechsel mit Temperaturen von bis zu 20 Grad begann. Dann beruhigte sich die Lage wegen der Minusgrade im Januar und Februar wieder. Aber inzwischen fliegen vielerorts die Hasel- und Erlenpollen.

Wer zum ersten Mal mit den Symptomen konfrontiert ist, kann sie zunächst nicht einordnen und vermutet meist, er leide an einer Grippe, sagt der Münchner Allergie-Experte und Hautarzt Dr. Christoph Liebich. „Tritt eine Allergie erstmals auf, dann kennt sich der Patient noch nicht aus mit den Blühzeiten und ahnt nicht, dass die Pollen der Frühblüher Hasel und Erle schon im Winter unterwegs sind – heuer teils schon seit Dezember, da es da sehr warm war.“ Der PID-Vorsitzende, Allergologe Karl-Christian Bergmann, erklärt: „Wir leben in Zeiten des Klimawandels, das verändert das Verhalten der Pollen.“

Die Fachleute beobachten, dass sich mittlerweile die Zeiten fast überschneiden, in denen die letzten Pollen der Vorsaison verschwinden und die ersten der neuen Saison auftauchen. Eine neue Version des PID-Pollenflugkalenders, die jetzt erschienen ist, zeigt nur im November eine pollenfreie Lücke (siehe Grafik). Neu ist auch: Die Erle hat ihre Hauptblütezeit um neun Tage vorverlegt, verglichen mit dem alten PID-Kalender.

Der Pricktest beim Arzt schafft Klarheit

Allergiesymptome sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen, denn unbehandelt kann Heuschnupfen zu Folgeerkrankungen wie Asthma führen. Wer sicher wissen will, ob und unter welchen Allergien er leidet, sollte beim Hautarzt und Allergologen einen Hauttest, Pricktest genannt, machen. „Dabei wird die obere Hautschicht am Unterarm leicht angeritzt und mit 15 bis 20 Tropflösungen mit verschiedenen Allergieauslösern wie Pollen, Hausstaubmilben, Pilzsporen und Nahrungsmitteln beträufelt“, erklärt Experte Liebich von der Münchner Praxis Dermazent. „Entsteht dabei eine Quaddel oder eine Rötung, ist dies ein starker Hinweis auf eine allergische Reaktion.“ Der Durchmesser der Reaktion lässt Schlüsse auf die Stärke der Allergie zu.

So kann man Allergien therapieren

Das Problem: „Wer von einer Pollenallergie betroffen ist, wird sie nie mehr ganz los“, sagt Liebich. Mit Tabletten, Tropfen oder Spritzen können Allergiker ihr Immunsystem aber Schritt für Schritt an den Allergieauslöser gewöhnen. Ab welchem Punkt macht so eine Immun-Therapie – auch Hyposensibilisierung oder Desensibilisierung genannt – einen Sinn? „Immer“, erklärt Liebich. „Denn die Sensibilisierung verhindert den gefürchteten Etagenwechsel, wenn nämlich die Entzündungen der Nase auf die Lunge übergreifen. Dadurch kann allergisches Asthma entstehen. Bei der Hyposensibilisierung wird das Immunsystem mit Spritzen, Tropfen oder Tabletten an die Allergene gewöhnt. Eine Behandlung, die mindestens drei Jahre lang dauert. Liebig: „Ganz auflösen werden sich die Allergien Pollengeplagter damit nicht. Zumindest aber können wir so die Symptome lindern und Betroffenen helfen, besser durchs Jahr zu kommen.“

Das können Allergiker selbst tun

Oft lassen sich die meist jahreszeitlich begrenzten Beschwerden sehr gut und effektiv mildern, sagt Liebich. Seine Tipps: „Lüften Sie in der Stadt zwischen 6 und 8 Uhr, auf dem Land zwischen 18 und 24 Uhr. Auch Pollengitter am Fenster helfen.“

Pollen im Bett machen richtig Probleme. Darum sollte man abends duschen, sich die Haare waschen und getragene Kleidung nie im Schlafzimmer ausziehen. Werden die Beschwerden stärker, sollte man zum Arzt: „Je nach Schwere der Symptome gibt es Antihistaminika als Tabletten, Augentropfen oder Nasensprays, um die Entzündung zu beseitigen. In hartnäckigen Fällen hilft verschreibungspflichtiges Cortison- Spray.“ Die Raumluft lässt sich mit Luftreinigern filtern.

Auch wenn Honig im Volksmund als Geheimwaffe gegen Heuschnupfen gilt, ist eine Wirkung bislang nicht wissenschaftlich erwiesen. Im Rahmen einer Studie in den USA aßen die Studienteilnehmer täglich einen Esslöffel Honig. Am Ende war eine Wirkung nicht nachweisbar.

Diese Gründe verstärken Allergien

Laut Robert-Koch-Institut haben allergische Erkrankungen seit den 1970er-Jahren in Ländern mit westlichem Lebensstil stark zugenommen und sich auf hohem Niveau stabilisiert. Auch werden die Reaktionen schwerer, wie Torsten Zuberbier, Vorsitzender der Europäischen Allergiestiftung Ecarf, konstatiert. Veranlagung spielt für Allergien eine wichtige Rolle, es gibt aber viele weitere Faktoren. So begünstigt unser moderner Lebensstil Allergien. Pollen und Feinstaub gemeinsam führten zu mehr Beschwerden, sagt der PID-Vorsitzende Bergmann. Er kritisiert, dass Baumarten in Städten neu angepflanzt würden, die Allergikern Probleme bereiten können, etwa Purpurerlen. Deren Pollen fliegen schon an Weihnachten, also Wochen vor denen der heimischen Erlen.

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