Isen – Wer dem Klischee anhängt, dass eine Bäuerin in aller Gemütsruhe am Vormittag im Dirndl in ihrer Küche steht, um das Mittagessen zu kochen, der sollte Irmgard Posch kennenlernen. Die 46-Jährige ist das glatte Gegenteil von der einem Hochglanz-Landmagazin entsprungenen Bilderbuch-Landfrau – Posch ist eine selbstbewusste Bäuerin mit ansteckendem Lachen, die den Haushalt schmeißt, die Kühe melkt, die Buchhaltung im Griff und die vier Söhne im Blick hat. Die Hauswirtschaftsmeisterin steuert den Bulldog ebenso sicher, wie sie am heimischen Herd auf dem Bauernhof in Isen-Giesering (Kreis Erding) hantiert oder Vorträge vor Rotariern über die Zukunft der Dörfer hält. Sie führt nicht nur mit ihrem Mann den Milchviehbetrieb, sie ist auch noch ehrenamtlich unterwegs als Erdinger Kreisbäuerin und seit September 2022 zusätzlich als stellvertretende oberbayerische Bezirksbäuerin.
An diesem grauen Aprilmorgen steckt die schlanke Brünette in einer Arbeitshose. Mit nackten Füßen steigt sie in die Wanderschuhe, eilt schnellen Schrittes zum Traktor und schwingt sich hinters Lenkrad. „I bin als Frau liaba in der Außenwirtschaft und im Stoi unterwegs, als mich um Deko im Haus zu kümmern“, sagt sie offen. Was nicht bedeutet, dass sie nicht gerne kocht und für den Haushalt sorgt. Aber auch auf dem 35-Hektar-Milchviehbetrieb mit 40 Milchkühen und 40 Mastochsen ist immer was zu tun – schließlich hat die energische Frau auch noch eine landwirtschaftliche Ausbildung abgeschlossen.
Um 4.30 Uhr steht Irmgard Posch auf, melkt die Kühe. Abends gegen 17.30 Uhr ein weiteres Mal. Allein fürs Melken braucht sie eine Stunde. Hinzu kommen Füttern und Ausmisten. Auf dem Hof Posch gibt es (noch) Anbindehaltung. Die Bäuerin will sich nicht rechtfertigen müssen. „Das ist legal, nicht verboten“, betont sie. Gleichwohl weiß sie, dass ein Verbot dieser Haltungsform näher rückt. Der älteste Sohn Korbinian (21) will den Hof übernehmen, dann wird es wohl einen Laufstall mit Weideaustrieb geben. Auslauf bekommen die Kühe jetzt schon. Sobald wieder mehr Gras auf den Wiesen steht, dürfen die Tiere raus. Nur zum Melken kommen sie in den Stall. „Angehängt“ ist auch die Bäuerin, denn Melken und Füttern ist ihre Sache.
Als 2017 eine neue Kreisbäuerin gesucht wurde, war Irmgard Posch schon Ortsbäuerin. Ihr jüngster Sohn Benedikt ging in die dritte Klasse – der Gedanke, häufiger vom Betrieb fort zu sein, bereitete der Mutter Bauchschmerzen. Aber die Kinder waren total begeistert: „Ja, die Mama wird Kreisbäuerin! Wir helfen da schon mit im Stall, damit der Papa damit nicht allein ist.“ Zwei Tage vor der Wahl hat sie sich entschieden, es zu machen – und wurde gewählt. Seit September 2022 ist Irmgard Posch nun auch noch stellvertretende Bezirksbäuerin – „weil’s mir auch wirklich Spaß macht“, sie tolle Menschen kennenlernt – und den berühmten Blick über den Tellerrand werfen kann. Dann wirft sie sich nach der morgendlichen Stallarbeit doch auch gerne ins Dirndl und fährt zur BBV-Bildungsstätte nach Herrsching oder zum Landfrauentag nach Schongau. Die Söhne ziehen wirklich mit: Als Irmgard Posch kürzlich auf der Rückfahrt von Schongau im Stau stand, brauchte sie nur den Korbinian anzurufen: „Gehst Du bitte mit in den Stall, ich schaff’s nicht.“ – „Ja, Mama, mach ich.“ Da könne man ein Ehrenamt ruhigen Gewissens annehmen.
Mit Leib und Seele ist die 46-jährige Bäuerin und genau so will sie sich auch für die Landwirtschaft einsetzen. Längst ist Landfrauenarbeit weit mehr als Kochen, Backen, Gartentipps, Familienthemen und Brauchtum. „Wir lassen uns genau informieren über Fachthemen wie Kälberaufzucht oder das Antibiotika-Monitoring-Gesetz – die reine Landfrauenschiene ist längst vorbei.“ Landfrauen sprechen verbandspolitisch mit, jetzt vor der Landtagswahl sind sie freilich bei Debatten mit Politikern dabei.
Bei Ernährungsfragen vermischen sich Politik und klassische Frauenthemen – die Veränderungen der Essgewohnheiten und die Forderung nach mehr Tier- und Umweltschutz haben großen Einfluss auf die Zukunft der Landwirtschaft. Während bei Bauern die Skepsis gegen Vegetarier überwiegt, bieten Landfrauen bereits Kochkurse mit vegetarischen und veganen Rezepten an. „Wir Landfrauen sagen nicht: Das ist Käse. Wenn des die Leit so wuin, is des deren Entscheidung. Wir Landfrauen können das auch als Chance verstehen.“ Manche Männer im Verband hören das nicht so gerne – Aufklärungsarbeit ist hier gefordert. Für Irmgard Posch selber ist aber klar: „Fleisch gehört zur ausgewogenen Ernährung dazu.“ Als ausgebildete Ernährungsberaterin weiß sie den Wert von Fleisch, Milch und Eiern zu schätzen.
Bayerns Bauernpräsident Günther Felßner und der oberbayerische Präsident Ralf Huber sind „gut emanzipiert“, sagt Posch anerkennend. „Die wissen unsere Arbeit sehr zu schätzen.“ Felßner nennt die Landfrauen-Abteilung inzwischen „Menschen im ländlichen Raum“ – er will die Trennung zwischen Frauen und Männern nicht mehr: „Wir müssen uns an gemeinsamen Ideen ausrichten.“ Nicht zu unterschätzen ist laut Posch das Verhandlungsgeschick der Frauen – was nicht bedeute, dass man nicht auf seinem Standpunkt bestehen könne. Frauen sei es zu verdanken, dass nach dem langen Streit mit dem Bund der Milchviehhalter (BDM) in vielen Dörfern Frieden eingezogen ist.
Inzwischen gebe es auch immer mehr Betriebsleiterinnen. „Jetzt sind in jedem Jahrgang junge Frauen dabei, die Landwirt werden. Zu meiner Zeit waren das Exoten.“ Im gesellschaftlichen Ansehen haben Bäuerinnen einen guten Stand – im Gegensatz zur Landwirtschaft allgemein. Diesen Vertrauensvorschuss nutzen sie, um fürs Landleben zu werben. Die Landfrauen versuchen viel, um das bäuerliche Image aufzupolieren. Sie laden Kinder auf ihre Höfe ein, zeigen Schülern die Vorteile regionaler Lebensmittel, geben Ernährungstipps.
Theoretisch könnte es in Bayern auch eine Bauernpräsidentin geben. „Warum nicht?“, meint Posch. Eine Powerfrau wie die Landesbäuerin Christine Singer (siehe Interview) hält sie dafür absolut geeignet. Nur eines mag Irmgard Posch nicht: „Das Gendern! Wenn ich so etwas brauche, damit ich als Frau anerkannt werde, dann läuft irgendwas verkehrt.“ Dass sie sich ohne Wortverkrampfung durchsetzen kann und gleichberechtigt ist, hat die Mutter von vier Söhnen jedenfalls längst bewiesen.