Die Handy-Revolution gegen Rückenschmerzen

von Redaktion

VON ANDREAS BEEZ

München – Das Kreuz mit dem Rücken – in Deutschland geht jeder fünfte gesetzlich Versicherte mindestens einmal im Jahr wegen Beschwerden an der Wirbelsäule zum Arzt, mitunter auch häufiger. In vielen Fällen empfehlen die Mediziner Schmerztabletten oder Spritzen und schicken ihre Patienten in die Untersuchungsröhre, meist zur Magnetresonanztomografie (MRT). Doch nicht immer kristallisiert sich auf den Diagnosebildern eine eindeutige Ursache der Beschwerden heraus. In solchen Fällen ist von unspezifischen Rückenschmerzen die Rede. Sie können derart heftig und hartnäckig sein, dass der Alltag für die Betroffenen zum Albtraum wird. Sie haben oft eine jahrelange Leidensgeschichte.

„Diese Patienten brauchen ein nachhaltiges Behandlungskonzept“, weiß Professor Dr. Dr. Thomas Tölle. Der erfahrene Neurologe und Schmerzmediziner leitet das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin des Uniklinikums rechts der Isar in München. Dort setzt er seit vielen Jahren die multimodale Schmerztherapie ein – eine Kombination aus Bewegung, Physiotherapie, Psychotherapie, Schmerzmittelbehandlung, umfangreicher Aufklärung und Entspannung. Nun ist es Tölle und seinem Team gelungen, ihr Erfolgsrezept ins digitale Zeitalter zu integrieren. Herausgekommen ist ein Hightech-Paket. Herzstück ist eine neue App, die insbesondere die Behandlung von chronischen Rückenschmerzen revolutionieren soll.

Eine App als virtueller Physiotherapeut

Diese Anwendung fürs Handy oder Tablet ermöglicht den Patienten ein interaktives Rückentraining. Das bedeutet: Sie können zu jeder Zeit an jedem Ort trainieren. Dazu müssen sie lediglich vor Trainingsbeginn ihr Handy oder Tablet etwa drei, vier Schritte entfernt vor sich auf den Boden oder auf den Tisch stellen – sodass die Kamera den gesamten Körper und den Trainingsablauf filmen kann. Mithilfe künstlicher Intelligenz ist die App in der Lage, die Bilder sofort auszuwerten und zu kommentieren. Dazu besitzt die App einen Bewegungscoach, der mit dem Patienten spricht und ihm wie ein virtueller Physiotherapeut zur Seite steht. Er gibt dem Nutzer sofort Rückmeldung, ob er richtig trainiert oder noch etwas verbessern könnte. „Die App hält während der gesamten Trainingseinheit Kontakt zu ihnen in Form von Bild und Ton“, erläutert Tölle. Vorab bekommen die Patienten einen Trainingsplan, der auch in der App gespeichert ist.

Darüber hinaus bietet die App viele Infos und nützliche Alltags-Tipps zur Wirbelsäule und zeichnet alle Trainingsaktivitäten auf, ähnlich wie ein Trainingscomputer. Anhand dieser Daten kann der Arzt Rückschlüsse auf die aktuelle Verfassung seines Patienten ziehen, Fehlerquellen beim Training ausmachen und das Übungsprogramm entsprechend anpassen. „Dadurch bekommen die Ärzte wertvolle Unterstützung bei der Betreuung ihrer Patienten, und auch die Physiotherapeuten sehen ihren KI-Kollegen als Ergänzung. Die App ist wie ein zusätzlicher Personaltrainer, der rund um die Uhr auf der ganzen Welt verfügbar ist.“

Agnes Kahn nutzt das Programm bereits

Viele Patienten profitieren bereits von der App – so wie Agnes Kahn aus Wolfratshausen. Seit einem Verkehrsunfall vor 16 Jahren hatte die heute 40-Jährige immer wieder starke Rückenschmerzen. „Ich kam an manchen Tagen kaum aus dem Bett, bin mehr geschlichen als gelaufen, wusste vor Schmerzen gar nicht mehr, auf welchem Bein ich stehen sollte“, erinnert sich die Sprachheilpädagogin. Im Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin des Uniklinikums rechts der Isar fand sie Hilfe – und bekam auch die App, um zu Hause regelmäßig ergänzend ihre Übungen machen zu können. „Die App ist ein Segen für mich, ich trainiere täglich damit. Ohne sie wusste ich früher manchmal nicht, ob ich die Übungen auch wirklich richtig mache. Gerade der Sprachcoach hilft mir sehr, ich bin schnell mit ihm klargekommen. Die App gibt mir einfach das Gefühl, meinen Schmerzen nicht mehr so ausgeliefert zu sein.“

Einheiten zwischen vier und 20 Minuten

Zumal Agnes Kahn jetzt immer und überall trainieren kann. Das ist für sie essenziell wichtig, weil sie eine Pflegetochter versorgt. „Wenn die Kleine ihren Mittagschlaf hält oder abends im Bett ist, mache ich in Ruhe meine Übungen.“ Ihr hilft es auch sehr, dass sie das Training individuell gestalten und dosieren kann. „Nicht jeder Tag ist gleich, und ich schaffe nicht immer das gleiche Pensum. Das Training fängt langsam an, die kürzeste Einheit beträgt vier Minuten, die längste 20 Minuten. Man kann selbst entscheiden, was man gerade schaffen kann. Unterm Strich wird die Intensität im Laufe der Zeit aber stetig etwas gesteigert.“

Vom Start-up zur Kassenleistung

Das wissenschaftliche Fundament der App entstand bereits vor acht Jahren. Damals nahmen zwei junge Software-Entwickler Kontakt zu Tölle auf. Sie planten eine App für Rückentraining und stießen mit ihrem Vorhaben bei dem renommierten Schmerzmediziner auf offene Ohren. Auch er feilte damals bereits an digitalen Lösungen für die multimodale Schmerztherapie. Tölle sah so viel Potenzial in dem Projekt der Start-up-Unternehmer, dass er eine der weltweit größten wissenschaftlichen Studien zum Thema digitale Gesundheitsversorgung auf den Weg brachte – anfangs gegen zahlreiche Widerstände und unter schwierigen finanziellen Rahmenbedingungen. Der Name des Projekts: Rücken-innovative Schmerztherapie mit e-health – kurz Rise-uP.

Ein gigantischer Datenschatz

An der Rise-uP-Studie nahmen 1237 Patienten teil. Sie wurden von 111 Ärzten in 56 Praxen in ganz Bayern zwölf Monate lang betreut. Ein wesentlicher Bestandteil des Therapiekonzepts war die App von Kaia, der Firma der beiden jungen Software-Entwickler. „Heraus gekommen ist ein gigantischer Datenschatz, der uns helfen wird, die Behandlungen von unspezifischen Rückenschmerzen weiter zu verbessern“, berichtet Tölle.

Wie effektiv die digitale Versorgung bereits ist, zeigte sich bei der Auswertung der Studiendaten. So linderten sich die Schmerzen der Rise-Up-Teilnehmer um durchschnittlich 46 Prozent. „Sie erreichten schon nach drei Monaten relevante Verbesserungen und erhöhten damit ihre Lebensqualität“, erläutert Tölle. Zugleich nahmen auch die psychischen Folgen von Rückenschmerzen wie Angst, Depression und Stress deutlich ab.

Die Ergebnisse der Studie haben auch die gesetzlichen Krankenkassen davon überzeugt, die App in ihren Leistungskatalog aufzunehmen. Jeder Versicherte mit unspezifischen Rückenschmerzen kann sie sich nach gründlicher Diagnostik vom Arzt verschreiben lassen. Die Kosten von mehr als 400 Euro werden übernommen.

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