Caldes – Tourismus und Äpfel. Dafür ist das Val di Sole im Trentino bekannt. Mit den ersten Frühlingstagen fangen hier in der Gemeinde Caldes mit ihren rund 1000 Einwohnern gerade die Apfelbäume entlang der Wanderwege wieder an zu blühen. Doch für so manche Wandertour haben die lokalen Veranstalter in den vergangenen Tagen eine andere Route gewählt. Näher an bewohnten, ungefährlichen Gebieten. Denn seit einigen Tagen gibt es in dem kleinen Alpendorf nur noch ein Thema. Die tödliche Bärenattacke auf den 26-jährigen Andrea Papi. Und plötzlich wird in Caldes nicht über das Wanderwetter oder die Apfelernte diskutiert. Sondern über den Abschuss einer 17-jährigen Bärin.
Nur wenige Autos mit ausländischen Kennzeichen verirren sich aktuell in das Val di Sole im Trentino. Der April ist die Zeit zwischen dem Ende der Skisaison und dem Anfang des Wandersommers –eigentlich eine Phase der Ruhe. Und doch brummte das Tal für einige Tage, insbesondere die Gemeinde Caldes. Journalisten und Fernsehteams aus dem In- und Ausland reisten an, um über den Tod von Andrea Papi zu berichten.
Das Tal schlängelt sich am Fluss Noca entlang, die Dörfer sind eingerahmt von den Bergen der Ortler-Alpen und den mächtigen Wäldern, die bis zur Baumgrenze hinaufreichen. Für die Urlauber ist der Blick in die Bäume pure Idylle. Doch die Wahrnehmung vieler Anwohner ist in diesen Tagen eine andere. Eingeengt. Gefährlich. Vor knapp zwei Wochen starb in diesen Wäldern der 26-jährige Andrea Papi. Beim Joggen griff die Bärin JJ4, genannt Gaia, den Sportler am Berg Monte Peller an und verletzte ihn tödlich.
Seitdem sind 13 Tage vergangen. Auf dem Friedhof der Gemeinde Caldes, Papis Wohnort, hängt die italienische Nationalflagge auf halbmast. Nach der Beisetzung vergangenen Mittwoch hallt die kollektive Schweigeminute nach. Ein laminierter Nachruf auf den Getöteten wurde an das Schwarze Brett im Dorf genagelt. An einer Brücke nahe der Hauptstraße hängt ein weißes Stofftuch mit den Worten „Gerechtigkeit für Andrea“. An Papis Grab auf dem Friedhof neben der Dorfkirche liegen frische Blumen.
Will man mit den Menschen vor Ort über den tragischen Vorfall sprechen, winken viele ab. Sie sind die Diskussion leid. Es sei alles gesagt, heißt es immer wieder. Und was hat es mit den geänderten Wanderwegen auf sich? Eine Sicherheitsmaßnahme, um Bärin Gaia aus dem Weg zu gehen? „Nein, die ist schon wieder weitergezogen“, glaubt die Mitarbeiterin eines Campingplatzes. Sie will anonym bleiben, der Umgang mit dem Tier ist auch in der Region umstritten. Ob der Bär geschossen werden sollte, da ist sie sich nicht sicher. „Bei der Frage gibt es für mich nicht nur richtig oder falsch. Es ist schwierig.“ Erste Schulklassen hätten jedenfalls ihre Touren durch die malerischen Wälder des Tals schon storniert. Eltern fürchten um ihre Kinder.
Herbert und Christine Schajor setzen gerade das Nudelwasser in ihrem Wohnmobil auf. Das Paar aus Bayern hat Freunde nahe dem Val di Sole besucht, Christines 60. Geburtstag dort gefeiert und macht jetzt, auf der Heimreise nach Burghausen, Pause auf einem Rastplatz im Tal. „Es passieren tragische Sachen zwischen wilden Tieren und dem Menschen“, sagt Herbert Schajor. Der Mensch sei daran nicht unschuldig. Er zeigt die Böschung hinunter. Dort hat ein Camper sein chemisches Klo ausgeleert, daneben liegen Konservendosen, leere Flaschen, Essensverpackungen – ein lohnender Fund für Getier aller Art.
Das Ehepaar hat von der Bärenattacke gehört und während der Fahrt viel darüber gesprochen. „Das Schicksal des Sportlers ist tragisch. Natürlich könnte man den Bären jetzt töten. So löst man aber das Problem nicht“, findet Herbert Schajor. „Wir haben es verlernt, mit der Natur zusammenzuleben“, ergänzt seine Frau Christine. „Wo sollen die Wildtiere denn hin?“, sagt ihr Mann. „Es gibt hier so viel Wald. Da muss doch ein Bär reinpassen.“
Die beiden haben mit ihrem Wohnmobil schon entlegene Regionen in Europa und Afrika bereist, haben Wölfe, Bären und ein Rudel Schakale in freier Wildbahn gesehen. Für den Fall der Fälle haben sie im Wohnmobil ein Pfefferspray. Aber eigentlich weniger gegen tierische Bedrohungen. „Eher gegen menschliche.“
Nicht alle sehen das so wie die Schajors. Der Angriff des Bären zieht Kreise, auch in die benachbarten Dörfer und Täler. Ein Tourguide aus dem Nachbarort Dimaro, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sagt, er habe erst vor ein paar Wochen selbst einen Bären gesehen, als er alleine bei einer Tour unterwegs war. „Zuerst hörte ich ein lautes Rascheln neben dem Weg. Da bin ich sofort stehen geblieben. Der Bär ist über den Weg gerannt und wieder verschwunden. Das ist ja das normale Verhalten der Tiere.“ Gaia verhielt sich anders. Sie griff an. Er sagt: „Vielleicht ist es wirklich gut, Gaia zu schießen.“
Christian Misseroni weiß, wie es sich anfühlt, Bärin Gaia gegenüberzustehen. Er und sein Vater wurden vor drei Jahren von ihr angegriffen, als sie am Monte Peller zur Jagd unterwegs waren. Auch hier griff das Tier an, beide wurden verletzt, sie konnten Gaia aber in die Flucht schlagen. Heute sagt Misseroni: „Körperlich sind unsere Wunden geheilt. Die emotionalen und psychischen Folgen werden uns aber für immer begleiten.“ Er ist der Meinung, dass die Bärenpopulation im Trentino zu groß geworden ist. „Es sind zu viele, das Verhältnis zwischen Bär und Mensch ist nicht mehr ausgeglichen.“ Seiner Meinung nach müssten zumindest gefährliche Bären abgeschossen werden.
Es ist auch die Sorge um den Tourismus, die die Menschen im Tal umtreibt. Ein Souvenirhändler in Malè, rund vier Kilometer von Caldes entfernt, sagt: „Es war klar, dass wieder etwas passiert.“ Gerade seien wenige Gäste im Tal. „Ich hoffe aber, dass das nicht so bleibt.“ Der Bürgermeister der knapp 30 Kilometer entfernten Gemeinde Malosco berichtete örtlichen Medien von hunderten stornierten Buchungen, nachdem im Ort ein ausgewachsener Bär auf einem Radweg fotografiert wurde.
Tatsächlich sollen Mitarbeiter der Trienter Forstwache Bärin Gaia etwas weiter westlich von Caldes gesehen haben. Mit Bärenhunden sind sie im Wald unterwegs, um Gaia aufzuspüren. Ein Köder soll die Bärin in eine Rohrfalle locken. Was dann passiert, ist aber unklar. Eine zunächst erteilte Abschusserlaubnis wurde ausgesetzt. Über die „Gerechtigkeit für Papi“ müssen nun die Richter entscheiden. Und die Diskussion, die sie hier in Caldes alle so leid sind, wird weitergehen.