München/Warschau – Es ist ein Dokument des Grauens. Am 16. Mai 1943 erstattet der SS- und Polizeiführer Jürgen Stroop, 47, an seinen Vorgesetzten Bericht über die Zerstörung des jüdischen Ghettos von Warschau. Der „von Juden und Banditen geleistete Widerstand“, so Stroop, habe nur „mit größter Härte“ gebrochen werden können. „Ich entschloß mich deshalb, nunmehr die totale Vernichtung des jüdischen Wohnbezirks durch Abbrennen sämtlicher Wohnblocks … vorzunehmen.“ So sei es gelungen „insgesamt 56 065 Juden zu erfassen bzw. nachweislich zu vernichten“. Der Bericht endet mit der Feststellung, die „Großaktion“ sei durch die Sprengung der Warschauer Synagoge abgeschlossen worden. „Durch Vernichtung aller Gebäude und Schlupfwinkel und durch Abdrosselung des Wassers muß den noch verbliebenen Juden und Banditen jede weitere Daseinsmöglichkeit genommen werden.“
Die Vernichtung des Warschauer Ghettos, hier mit bürokratischer Akribie und brutalisierter Sprache schriftlich festgehalten, war selbst aus Sicht hart gesottener Nationalsozialisten etwas Besonderes. Noch nie waren beim Bemühen, jüdische Bewohner zu töten, ganze Stadtviertel systematisch von SS, Polizei und Wehrmacht durchsucht und anschließend abgebrannt worden.
Obwohl in Zeitungen und Rundfunk nicht darüber berichtet wurde, sprach sich die Brutalität der deutschen Besatzer rasch per Flüsterpost herum. Am 1. Juni 1943, kaum zwei Wochen nach Abschluss der Aktion, schrieb der in Dresden lebende jüdische Romanist Viktor Klemperer in seinem Tagebuch über ein „von Soldaten herrührendes Gerücht“, es habe „in Warschau ein Blutbad gegeben, Aufstand der Polen und Juden, deutsche Panzerwagen seien am Eingang der Judenstadt durch Minen zerstört worden, darauf habe man deutscherseits das gesamte Ghetto zusammengeschossen – tagelang Brände und Abertausende Toten“. 1970 ging Bundeskanzler Willy Brandt bei einem Besuch am Ehrenmal dieses ehemaligen Ghettos in die Knie – der berühmte Kniefall von Warschau.
Das Warschauer Ghetto war im November 1940 wegen angeblicher Seuchengefahr errichtet worden. Juden aus der ganzen Stadt mussten dorthin umziehen. Anfangs blühte selbst unter diesen erzwungenen Umständen das jüdische Leben noch einmal auf – sogar Theater und klassische Konzerte gab es. Dann aber kamen Juden aus vielen polnischen Kleinstädten, die teils geflüchtet, teils zum Umzug gezwungen wurden. „In jenen Tagen füllte sich das Warschauer Ghetto“, berichtete der deutsche Soldat Joe Heydecker – einer der wenigen, die sich trauten, mit der Kamera das Elend zu dokumentieren. Fast eine halbe Million Menschen lebten zeitweise in dem überfüllten Ghetto, jede Wohnung dicht belegt mit mehreren Familien. „Die Juden, die aus ihren Heimatorten vertrieben worden waren, kamen in kläglichen Trecks in Warschau an.“ In das Ghetto kam man nur über rund zwei Dutzend scharf bewachte Eingänge rein oder raus. Ein gigantischer Schwarzmarkt mit den deutschen Besatzern entstand. Schaulustige pilgerten zum Ghetto. Tausende profitierten – und wurden so zu Mittätern. Sekretärinnen, Beamte, Eisenbahner, Rotkreuzschwestern – er habe Uniformen aller Arten dort gesehen, berichtete der Soldat Heydecker. Hunger-Typhus und Gelbfieber grassierten. „Wer nichts zum Verkaufen oder Tauschen besaß, Schmuck, Hausrat, Pelzmäntel oder was sonst immer Wert haben mochte, mußte einfach verhungern“, schrieb Heydecker.
Bis zu 6000 Tote im Monat wurden gezählt. „Die Menschen starben unter freiem Himmel im Schnee, oder sie wurden nachts aus den Häusern getragen, nackt (denn selbst die abgerissenste Kleidung besaß noch Wert), mit Zeitungen bedeckt an den Randstein gelegt, damit sie am nächsten Morgen der Totenkarren auflesen und zum Friedhof bringen konnte.“
Am 22. Juli 1942 ordnete die SS eine Teilevakuierung des Ghettos an – die als „Große Aussiedlung“ verbrämte Aktion bedeutete für rund 300 000 Ghetto-Bewohner, nahezu drei Viertel der Gesamtbevölkerung, den Tod: Sie kamen per Güterzug in das Vernichtungslager Treblinka. Wer „evakuiert“ wurde und wer nicht – das sollten die Juden über ihren „Jüdischen Ältestenrat“ selbst entscheiden. Dort arbeitete auch der spätere Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als Archivar – er sammelte alles, was das Leben im Ghetto dokumentierte, von Fahrkarten über Statistiken bis hin zu Zeitungen und Plakaten. Das sogenannte Ringelblum-Archiv – benannt nach dem Ghetto-Bewohner und Historiker Emanuel Ringelblum – ist heute eine der wertvollsten Dokumentationen über das Leben in Ghettos. In seinen Lebenserinnerungen berichtete Reich-Ranicki später auch eindrücklich über den Vorsitzenden des sogenannten Judenrats, Adam Czerniaków, der schon am zweiten Tag der Deportationswelle von der SS bedrängt wurde, die tägliche Zahl der Deportierten zu erhöhen. „Das Gespräch mit den beiden SS-Offizieren war kurz, es dauerte nur einige Minuten“, schrieb Reich-Ranicki. Kaum waren die SS-Leute gegangen, nahm sich Czerniaków – der nicht Handlanger der Nazis sein wollte – mit Zyankali das Leben. Es war nur eine von vielen menschlichen Katastrophen. Der Kinderarzt und Pädagoge Janusz Korczak bestieg freiwillig einen der Todeszüge, die nach Treblinka fuhren – er wollte seine 200 Schützlinge des jüdischen Waisenhauses nicht im Stich lassen.
Auslöser für die endgültige Auflösung des Ghettos war angeblich der Wunsch des SS-Führers Himmler, Warschau zu Hitlers Geburtstag am 20. April „judenrein“ zu präsentieren. Das ist unwahrscheinlich, denn erst am 17. April wurde dafür der für seine Härte berüchtigte ehemalige Vermessungs-Beamte aus Detmold, Jürgen Stroop, nach Warschau beordert. Selbst nach NS-Maßstäben war die Evakuierung oder Tötung mehrerer zehntausend Juden an zwei Tagen nicht zu bewerkstelligen.
Am 19. April 1943 um 3 Uhr morgens begann die Waffen-SS mit der „Abschließung“ des Ghettos. „Sofort nach Antreten der Einheiten starker planmäßiger Feuerüberfall der Juden und Banditen“, heißt es in der täglichen Meldung Stroops vom 20. April. Mit Widerstand hatte die SS nicht gerechnet – etwa 750 jüdische Kämpfer, in den Häusern und selbst in der Kanalisation versteckt, wehrten sich erbittert. Die SS entschloss sich daher, die Wohnblöcke einzeln zu erstürmen und anschließend anzuzünden. „Das Ghetto brennt und Warschau ist voll Qualm“, hieß es in einem dramatischen Appell der jüdischen Untergrundorganisation am 27. April. Aber auch: „Die polnische Bevölkerung staunt über den jüdischen Kampfgeist.“
Auf lange Sicht hatten die jüdischen Ghetto-Kämpfer um ihren Anführer Mordechai Anielewicz, der am 8. Mai fiel, keine Chance. Aber sie konnten den deutschen Besatzern doch einige Verluste zufügen. Bis heute gilt der Aufstand im Warschauer Ghetto als symbolischer Akt – als einer (von im Übrigen unzähligen) Belegen dafür, dass die Juden nicht wehrlos waren.
Reich-Ranicki und seine Frau Tosia überstanden das Grauen. Sie konnten im Februar 1943, rechtzeitig vor der „Großaktion“, aus dem Ghetto flüchten und überlebten im Untergrund, eineinhalb Jahre lang von einem polnischen Ehepaar unweit von Warschau versteckt.
Bei der Gedenkfeier
heute in Warschau wird Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine Rede halten. Auch der israelische Präsident Isaac Herzog ist zu Gast.