Warschau – Rolf Nikel war von 2014 bis 2020 deutscher Botschafter in Polen und hat die Höhen und Tiefen der oft schwierigen deutsch-polnischen Beziehungen hautnah miterlebt. Wie sehr die NS-Vergangenheit bis heute die Beziehungen zum östlichen Nachbarn prägt, beschreibt Nikel, jetzt Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, in seinem Buch „Feinde Fremde Freunde. Polen und die Deutschen“ (Langen-Müller, 24 Euro).
Wird der Bundespräsident bei der Gedenkrede zum Warschauer Ghetto-Aufstand in einem Polen reden, das Deutschland trotz der Verbrechen der NS-Zeit inzwischen vertraut?
Man muss hier unterscheiden: Deutsche Politiker haben sich nach 1945 immer zu den Verbrechen der NS-Zeit bekannt, quer durch alle Parteien. Auch der Beschluss des Deutschen Bundestags zur Errichtung eines Orts des Erinnerns und der Begegnung mit Polen, der jetzt schnell umgesetzt werden muss, gehört in diese Kategorie. Aber heutzutage bringt man Deutschland in erster Linie wegen der gescheiterten Politik gegenüber Russland Misstrauen entgegen. Das deutsche Vorgehen bei Nordstream 2 hat eindeutig viel Porzellan zerschlagen.
Bessert die schnelle Zustimmung Berlins zum Export der DDR-MiG-Jets an die Ukraine da etwas?
Die Bundesregierung bemüht sich mit großem Elan darum, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das haben wir auch schon bei der Lieferung von Patriot-Raketen an Polen gesehen. Auch mit der Unterstützung der Ukraine können wir punkten. Allerdings wird das wegen einiger Kommunikationspannen und der Wahrnehmung einer gewissen Zögerlichkeit bei den Waffenlieferungen noch dauern, bis das in die Gemüter der Polen eindringt. Leider gehört auch zur Wahrheit, dass die polnische Regierung der Auffassung ist, dass Kritik an Deutschland bei ihren Wählern gut ankommt. Das macht es schwierig. Aber ich war 40 Jahre lang Diplomat, und da lernt man: Man muss versuchen, auch mit schwierigeren Regierungen zusammenzuarbeiten.
Ist die 1,3-Milliarden-Reparationsforderung nur innenpolitische Folklore – oder ist das ernst gemeint?
Es hat sicher einen innenpolitischen Aspekt. Es ist ein weit verbreitetes Gefühl in der polnischen Gesellschaft, dass Deutschland Polen aus dem Zweiten Weltkrieg noch etwas schuldet. Warschau glaubt zudem, Deutschland mit dieser Forderung außenpolitisch unter Druck setzen zu können. Dabei vergisst man aber, dass die Forderung gerade zum jetzigen Zeitpunkt enorm kontraproduktiv ist. Denn was wir jetzt angesichts der russischen Aggression brauchen, ist die möglichst große westliche Geschlossenheit.
Weit weniger stark im Bewusstsein als der Aufstand im Warschauer Ghetto ist in Deutschland der Aufstand der Polnischen Heimatarmee 1944. Wie bedeutend ist für die Polen dieser zweite Aufstand?
Beide Aufstände prägen das Land bis heute. Polen hat immer gekämpft, es gab heldenhaften Widerstand. Mit geringsten Mitteln leisteten die Juden im Warschauer Ghetto vier Wochen lang Widerstand gegen die deutschen Besatzer. Beim Aufstand der Heimatarmee war zudem prägend, dass Stalins Truppen am anderen Ufer der Weichsel stehen blieben und nicht eingriffen, obwohl Radio Moskau die Polen zum Angriff angestachelt hatte. Auch das erklärt die besondere Sensibilität der Polen gegenüber Russland. Während wir Deutschen immer wieder Phasen in unserer Geschichte hatten, etwa bei der ersten deutschen Einheit 1870/71 oder bei der zweiten Einheit 1989/1990, wo das Verhältnis zu Moskau gut war, war in Polen die Erfahrung mit Russland oder der Sowjetunion ausschließlich negativ.
Glauben Sie, dass die deutsch-polnische Aussöhnung ähnlich gut wie die deutsch-französische Aussöhnung funktionieren wird?
Ja. Jenseits der Politik haben wir Jugendaustausch, Städtepartnerschaften, Polizei-Zusammenarbeit und vieles mehr. Dazu kommt, dass Deutschland der wichtigste Handelspartner Polens ist, aber auch Polen ist für Deutschland beim Import der viertgrößte und beim Export der fünftgrößte Handelspartner. In meinen Reden in Warschau habe ich immer wieder darauf hingewiesen, dass das, was insbesondere seit 1989 zwischen Deutschland und Polen gewachsen ist, einem Wunder gleichkommt.
Interview: Klaus Rimpel