Klimaneutraler Freistaat bis 2040 – so teuer wird es!

von Redaktion

Wirtschaft, Wissenschaft und Energieverbände drängen auf tausende Photovoltaik-Anlagen, Windräder und E-Autos für den Freistaat

München – Wenn sich die bayerischen Kommunen jetzt sofort dazu entscheiden würden, jede Woche mindestens zwei Windräder im Freistaat bauen zu lassen, könnte es vielleicht gelingen: Klimaneutral bis 2040 – so hatte es die Staatsregierung in ihrem neuen Bayerischen Klimaschutzgesetz versprochen. Dazu müssten noch 50 fußballfeldgroße Photovoltaik-Anlagen installiert werden. Und 2800 Solardächer. Wohlgemerkt: pro Woche. „Es geht“, sagt Bertram Brossardt, Chef der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw). „Wir haben endlich eine Grundlage, auf der wir arbeiten können. Ich finde das grandios!“

Die Grundlage, von der Brossardt spricht, ist eine etwa 130 Seiten lange Studie, an der die Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) anderthalb Jahre lang getüftelt hat. Das Ergebnis: Der Zeitplan ist eng, der Aufwand massiv, die Kosten sind gewaltig. Und doch sind sich Wirtschaft und Forschung einig, dass Bayerns Klimaziel nicht nur machbar ist – sondern auch dringend notwendig. Würde der Freistaat nicht sofort entsprechende Maßnahmen ergreifen, würde der Aufwand noch massiver, die Kosten noch gewaltiger – und der Zeitplan sei gar nicht mehr einzuhalten.

Erding braucht 1800 Solardächer – pro Jahr

Rund 113 Milliarden Euro Mehrkosten erwarten Bayern laut FfE, um in den nächsten 17 Jahren klimaneutral zu werden. Mindestens. Auch im Best-Case-Szenario könne sich der Freistaat im Jahr 2040 noch nicht selbst versorgen, sondern müsse rund 30 Prozent seines Strombedarfs aus anderen Bundesländern oder aus dem Ausland importieren – die Kosten für die dafür benötigten Stromtrassen sind noch nicht in die Summe einberechnet. Allerdings: Eine Verzögerung der Maßnahmen könne Bayern um ganze 50 Prozent teurer kommen, so die Studienautoren. Brossardt versichert, die bayerische Wirtschaft sei für die Umstellung bereit.

„Das Besondere an den Studienergebnissen ist“, sagt der vbw-Chef, „dass wir jetzt genau wissen, wie wir in den einzelnen Regionen handeln müssen.“ In ihrem Energie-Plan hat die FfE für jeden einzelnen Landkreis konkrete Handlungsvorschläge erarbeitet: Pro Jahr müsste zum Beispiel Erding Photovoltaik-Anlagen in der Größe von 57 Fußballfeldern bauen, knapp 1800 Solardächer installieren, 2,3 Windkraftanlagen errichten und 2880 E- oder Wasserstoff-Autos neu zulassen. In München wären es wegen der dichten Besiedlung nur 0,1 Windkraft-Anlagen, dafür aber mehr als 32 000 Autos mit klimaneutralem Antrieb und 2360 Wohnhaus-Sanierungen. In Fürstenfeldbruck bräuchte man 22 Photovoltaik-Fußballfelder und ein Windrad pro Jahr. Alles theoretische Beispiele. Wichtig sei laut der Studie nicht, in welchem Landkreis was gemacht wird, sondern dass alle an einem Strang ziehen – sodass sich Stadt und Land ergänzen können.

Fossile Energie? Spiele 2040 keine Rolle mehr

„Strom wird Energieträger Nr. 1 im Zieljahr“, sagt Andrej Guminski von der FfE. Aber auch Wasserstoff komme als Energieträger und Rohstoff zum Einsatz. Ohne Photovoltaik- und Windkraft-Anlagen gehe nichts – fossile Energieträger spielten 2040 überhaupt keine Rolle mehr.

Auch die Atomkraft wird im Bericht ignoriert. Obwohl Ministerpräsident Söder gern auf den Ausstieg pfeifen würde. „Wir haben uns in der Studie auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen konzentriert, also auf ein Deutschland ohne Atomkraft“, sagt Guminski. „Ich habe insofern keine Handlungsempfehlungen an den Ministerpräsidenten in Bezug auf seine Atom-Pläne. Was wir aber sicher sagen können: Die Energiewende ist auch ohne Kernenergie möglich.“

Man müsse hier vor allem die Zeit im Blick behalten, ergänzt Klaus Steiner, Vorsitzender des Verbands der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). Unabhängig davon, ob der Ausstieg eine gute oder schlechte Idee war – „die Chancen, dass die Ampel Bayern die Kompetenz über die Atomfrage überlässt, halten wir für ziemlich überschaubar“. Ob man sich noch länger mit der Thematik aufhalten sollte, sei deshalb fraglich. „Die Studie zeigt: Jedes Zögern kostet Geld.“

Auch der Verbraucher muss mitmachen

Wirtschaft und Forschung drängen aber nicht nur die Staatsregierung zum Handeln, sondern auch den Verbraucher selbst. „Wenn niemand das Haus dämmt, die Heizung ersetzt oder ein E-Auto kauft, wird das nichts“, sagt VBEW-Hauptgeschäftsführer Detlef Fischer. Der Staat könne „nicht alles für jeden finanziell fördern“. Das müsse in den Köpfen der Bürger ankommen – sonst seien auch abertausende Photovoltaik-Fußballfelder in Bayern zwecklos. KATHRIN BRAUN

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