Neue Hoffnung für Augenpatienten

von Redaktion

7,5 Millionen Deutsche leiden an der Krankheit AMD – eine Lichttherapie zeigt erste Erfolge

VON DORITA PLANGE

München – Es ist ein viel zu hoher Preis fürs Älter- und Altwerden: Etwa 7,5 Millionen Deutsche leiden am schleichenden, altersbedingten Verfall der Augennetzhaut bis hin zur völligen Erblindung. Eine wirksame Therapie stand – zumindest bei der weit verbreiteten Variante dieser chronischen Erkrankung – bis dato nicht zur Verfügung. Nun jedoch gibt es einen neuen Ansatz: Photobiomodulation (PBM) heißt eine neue Lichttherapie gegen die trockene Form der chronischen Augenerkrankung AMD – die altersabhängige Makuladegeneration.

Im Münchner Augenzentrum Nymphenburger Höfe wenden Prof. Dr. Michael Janusz Koss und seine Kollegen seit 2020 die erste zugelassene Therapie zur Behandlung der trockenen AMD bei ihren Patienten an. Für die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung arbeitet Prof. Koss mit Prof. Dr. Werner Eisenbarth zusammen. Er ist der Experte für die Physiologie des Sehens vom Zentrum für angewandte Sehforschung an der Hochschule München. Koss sagt über die neue Therapie: „Wir dürfen und wir werden keine übertriebenen Hoffnungen wecken. Doch alle Studien und Ergebnisse machen Mut, dass wir die trockene AMD zwar nicht heilen, aber im frühen und mittleren Stadium aufhalten können.“

Die AMD in Zahlen

Die Makuladegeneration gilt als häufigste Ursache für schwere Sehbehinderungen im Alter. Etwa einer von 100 Menschen im Alter von 65 bis 75 Jahren leidet daran. Jenseits der 85 Jahre sind es aber bis zu 20 von 100 Senioren. Ein erhöhtes Risiko besteht für Menschen mit familiärer Vorbelastung und für Raucher. Lange Zeit galten spezielle Nahrungsergänzungen als Mittel zur Vorbeugung. Aus der Sicht von Koss fehlt dafür jeder Beleg: „Die prophylaktische Wirkung in Bezug zur AMD ist meines Erachtens gleich null.“

Ursache & Warnzeichen

Die Ursache der AMD ist ein gestörter Stoffwechsel der Netzhaut. Ablagerungen (Drusen) werden nicht mehr abtransportiert und sammeln sich an der zentralen Stelle des schärfsten Sehens der Netzhaut: der Makula. Ein erstes Warnzeichen kann – wie bei AMD-Patientin Karin B. (siehe Text unten) – eine zunehmende Lichtempfindlichkeit sein.

Zwei Formen der AMD

Die AMD tritt in zwei Formen auf: Bei der feuchten AMD (15 Prozent der Erkrankungen) wachsen Blutgefäße unterhalb der Netzhaut und können sie anheben. Diese Form führt rascher zu Sehbehinderungen. „Dagegen gibt es wirksame Medikamente, Lasertherapien und operative Eingriffe, die die Erkrankung stoppen oder verlangsamen“, erklärt Koss. Der Spezialist arbeitet bereits seit 2011 an der Entwicklung neuer Medikamente mit. Das neueste, seit Oktober 2022 erhältliche Medikament heißt Vabysmo. Es wird direkt ins Auge injiziert und hemmt das Wachstum der Blutgefäße. Das Erblindungsrisiko ist mit den neuen Therapien geringer geworden. Im nächsten Jahr werden neue Medikamente erwartet.

Die trockene AMD macht 85 Prozent aller Fälle aus. Sie schreitet zwar langsamer voran, dabei werden aber die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut zerstört. Das zentrale Sehen – unentbehrlich für Lesen, Gesichtserkennung oder Autofahren – wird zunehmend schwierig, denn alles wirkt stark verzerrt und unscharf. Am Ende steht für viele Patienten die Erblindung.

Die neue Therapie

Bei der Erforschung künftiger AMD-Therapien gilt Koss als international gefragter Experte. Das von ihm geführte Augenzentrum Nymphenburger Höfe ist zusammen mit der TU und der Hochschule München einer von derzeit drei Münchner Standorten, in denen das Valeda Light Delivery System für die Photobiomodulation (PBM) Patienten zur Verfügung steht. Die PBM gilt als Prophylaxe und erstmals auch als Therapie bei der trockenen AMD. Das Valeda-Gerät verwendet dreierlei Lichtwellenlängen, die die Regeneration der Netzhautzellen anregen und die Sehleistung verbessern sollen.

Die Behandlung wird von einer geschulten Assistentin begleitet und dauert nur zehn Minuten. Das Behandlungs-Intervall – neun Sitzungen in drei Wochen – sollte alle vier Monate wiederholt werden. Davor und danach werden die Patienten von Werner Eisenbarth und Michael Koss gründlich untersucht – unter aanderem mit Augeninnendruck-Messung und Schichtaufnahme der Netzhaut – für den Vorher-nachher-Vergleich.

Die Studien-Lage

Das Valeda-System ist seit 2018 in Europa zugelassen. Die Ergebnisse der jüngsten Studien (LIGHTSIDE II und III) des Medizintechnik-Herstellers LumiThera bestätigen „eine anhaltende Verbesserung des Sehvermögens nach 24 Monaten bei Patienten mit trockener AMD“ im frühen bzw. mittleren Stadium sowie eine nachweisliche Verbesserung der Netzhautfunktion.

Ein Blick in die Zukunft

„Eine Heilung der AMD liegt leider in ferner Zukunft“, bedauert Koss. „Mit der PBM gewinnen wir jetzt vor allem Zeit, bevor der erste Sehverlust einsetzt.“ Den Durchbruch zu einer Heilung sieht Koss erst in der Stammzelltherapie – ein heikles, kontrovers diskutiertes Thema in Deutschland aufgrund ethischer Bedenken. Dennoch wagt er eine Prognose: „In fünf Jahren könnte es so weit sein.“

In England wurden im März 2018 zwei sehbehinderte AMD-Patienten mit embryonalen Stammzellen behandelt. Beide konnten ein Jahr später mit einer normalen Lesebrille wieder lesen. In Deutschland ist dies derzeit nicht denkbar: Das Stammzellgesetz von 2002 erlaubt Einfuhr und Verwendung menschlicher embryonaler Stammzellen nur zu genehmigungspflichtigen Forschungszwecken.

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