„Ich war das nicht“

von Redaktion

VON CARINA ZIMNIOK

München – Um 9.21 Uhr betritt Manfred Benno Genditzki, 62 Jahre alt, weißes Hemd, schwarze Hose, Saal A101 im Münchner Justizzentrum. Vielleicht ist das hier der Ort, an dem sich sein Leben wendet. Noch einmal. Diesmal vielleicht zum Guten.

Zwei Prozesse hat er schon durchgestanden, 34 Hauptverhandlungstage. Am Ende waren die Richter immer überzeugt, dass er die 87 Jahre alte Lieselotte Kortüm 2008 in ihrer Wohnung in Rottach-Egern geschlagen und dann in ihrer Badewanne ertränkt hatte. „Ich war das nicht“, das hatte er stets gesagt. Die Verteidigung geht davon aus, dass die Seniorin gestürzt ist. Das kam öfter vor, einmal sei Lieselotte Kortüm vor Genditzkis Augen umgefallen wie ein Brett.

Jetzt, im dritten Prozess, der ein Wiederaufnahmeverfahren ist, sitzt Genditzki als Angeklagter alleine in der Reihe. Regina Rick mit dem zweiten Anwalt Klaus Wittmann dahinter. Genditzki weiß, dass auf der Zuschauertribüne Freunde und Familie mitfiebern: Seine Schwester hat ihm eine Kusshand zugeworfen, mit Tränen in den Augen. Seine Frau Marija darf nicht in den Saal, sie wird als Zeugin geladen. Doch sie wartet draußen, umarmt ihn später in der Mittagspause, isst mit ihm in der Gerichtskantine. Doch erst einmal muss sich Genditzki die alte Mordanklage noch einmal anhören. Wort für Wort. Er knetet seine Finger.

Vieles, was Staatsanwalt Michael Schönauer im Saal A101 vorliest, wirkt absurd, einige Vorwürfe sind längst widerlegt. Zum Beispiel, dass Genditzki der Seniorin 8000 Euro geklaut hat – die Staatsanwaltschaft hielt den Streit darum für das Mordmotiv. Doch Genditzki konnte nachweisen, dass das Geld aus Extra-Arbeit und dem Verkauf eines Motorrads stammte. Auch Sachverständige werden im Prozess zentrale Punkte der Anklage widerlegen, zum Beispiel den Todeszeitpunkt. Das ist relevant, weil Genditzki dann nicht mehr der Täter sein kann. „Er hat Frau Kortüm keinerlei Gewalt angetan“, liest Regina Rick für ihn vor. „Er hat sich noch nicht ein einziges Mal in seinem Leben geprügelt.“ Die Anwältin will zeigen, dass Genditzki, geboren 1960 in der DDR, aufgewachsen mit fünf Geschwistern, gelernter Agrotechniker, dreifacher Vater, zweifacher Opa, unschuldig in Haft saß. Doch wie wurde er zum Verdächtigen?

13 Jahre lang hatte sich Manfred Genditzki um die Wohnanlage samt Schwimmbad und Tiefgarage am Tegernsee gekümmert. Zu Lieselotte Kortüm, die nach dem Tod ihres Mannes allein lebte, war das Verhältnis besonders eng. Wenn er morgens nach seinem Kontrollgang die Zeitungen an die Bewohner verteilt hatte, ging er zum Bäcker, holte Semmeln, stieg die Treppen hinauf zu Lieselotte Kortüms Drei-Zimmer-Wohnung im Obergeschoss, bereitete ihr Frühstück vor, kochte Kaffee, trank eine Tasse mit ihr. Er kam auch mittags und abends vorbei.

Oft brachte er seine Frau und seinen Sohn mit, an dem, so sagt Regina Rick, hatte die Seniorin „einen Narren gefressen“. Der Bub liebte Lieselotte Kortüm, nannte sie „Oma Bommer“, weil sie ihm oft Bonbons schenkte. Und auch zu Genditzki sei sie stets „herzensgut“ gewesen. Manchmal fast ein wenig eifersüchtig, wenn er gehen musste, um seine Arbeit zu machen. Trotzdem siezte er Lieselotte Kortüm. „Weil er Respekt vor alten Menschen hat“, sagt Regina Rick. In den früheren Prozessen wurde ihm das als Nachteil ausgelegt. Und dass Lieselotte Kortüm ihm vertraute, was ihr Vermögen anging, wurde ihm zum Verhängnis.

„Manfred Genditzki hat noch nie etwas gestohlen“, sagt seine Verteidigerin. Einmal sollte er die Wohnung einer anderen verstorbenen Dame ausräumen. Als er Schubladen öffnete, lag darin sehr viel Goldschmuck. Genditzki informierte die Tochter. Ein andermal sollte er einer Seniorin Unterwäsche ins Krankenhaus bringen. Als er den Schrank öffnete, fiel ihm eine durchsichtige Plastiktüte entgegen. Darin: 30 000 Euro. Er rief die Nichte an. Für Lieselotte Kortüm kaufte er regelmäßig ein, holte Geld von der Bank, auch große Summen. Auf seinen Rat hin richtete sie ein Schließfach ein, um ihre Wertsachen sicher zu verwahren. Ab und zu kam es zu Missverständnissen. Einmal sollte er Bargeld und Schmuck für sie aufbewahren. Als er die Wertsachen zurückgab, fehlte laut Lieselotte Kortüm ein Ring. Sie verdächtigte den Freund von Genditzkis Tochter. Das war dem Hausmeister unangenehm, er schaltete sogleich die Polizei ein. Dann fiel Lieselotte Kortüm ein, dass sie den vermissten Ring verschenkt hatte. Auch Genditzkis Frau schenkte sie manchmal Schmuck. Doch den bewahrte die Familie stets in einer eigenen Schatulle auf – für den Fall, dass die Seniorin ihn doch wieder zurückhaben wollte. „Das Vertrauen von Frau Kortüm hat sich Herr Genditzki nicht erschlichen. Er hat es sich erworben“, sagt Regina Rick. Er holte auch ihre Schmutzwäsche ab. Die weichte sie vorher ein, wohl, weil sie ein Darmleiden hatte und es ihr unangenehm war, verkotete Wäsche mitzugeben. Stürzte sie in die Wanne, als sie die Wäsche einweichte? Davon geht die Verteidigung aus.

Dass Genditzki Kortüms Vertrauter war, zeigen auch die Angaben der Verteidigung zu ihren letzten Tagen. Am 23. Oktober 2008, 4.15 Uhr, ruft sie ihn an, es gehe ihr schlecht. Er alarmiert den Hausarzt, der weist sie ins Krankenhaus Agatharied ein. Der Hausmeister bringt ihr Wäsche und Bargeld, etwa 200 Euro. Wie stets notiert er das. Die Seniorin gibt ihm einen handgeschriebenen Zettel, dass er über alles verfügen soll – sie will vermeiden, dass nach ihrem Tod ihre Schwester die Wohnung ausräumt. Als sie entlassen wird, holt er sie mit einem Rollstuhl ab. In ihrer Wohnung zieht er ihr die Schuhe aus, setzt sie in den Sessel, kocht Kaffee. Sie rechnen Einkäufe ab, Kortüm rundet 90 Euro auf 100 Euro auf. Er versucht, den Hausarzt anzurufen, erreicht ihn aber nicht. Sie bittet ihn, Himbeeren, Schokolade und Binden zu kaufen. Genditzki geht, steckt den Schlüssel von außen ins Schloss. Das haben sie schon öfter so gemacht, damit der Pflegedienst rein kann. Dann fährt er zu Edeka, auf dem Weg informiert er den Pflegedienst, dass Kortüm wieder daheim sei. Schließlich fährt er heim, seine Ehefrau färbt ihm die Haare, sie rauchen, dann besuchen sie mit dem kleinen Sohn Genditzkis Mutter im Heim in Agatharied. Sie trinken Kaffee, essen Kuchen, dann bummeln sie durchs Kaufland. Als sie am Abend heimkommen – die Hausmeisterwohnung ist in der Anlage – wundern sie sich, dass das Auto des Pflegedienstes noch da steht. Die Polizei stellt Fragen. Der Strudel der Verdächtigung beginnt sich zu drehen, am Ende sitzt Genditzki im Knast.

Als Regina Rick mit dem Vorlesen der Einlassung fertig ist, schnauft Genditzki tief durch. Später beantwortet er selbst Fragen der Vorsitzenden Richterin Elisabeth Ehrl zu seiner Person, er spricht ruhig und konzentriert. Was die Richterin zu Lieselotte Kortüm wissen will, zu ihren Gewohnheiten, beantworten die Verteidiger für ihn – nach einer Beratung, für die der Prozess jedes Mal unterbrochen wird. „Wir sind vorsichtig“, sagt Regina Rick und spielt auf die Vorgeschichte an, die eventuell einen neuen Justizskandal schreibt. Das macht den Prozess kompliziert, doch die Richterin sagt: „Das kann ich nachvollziehen.“

Seit er im vorigen Sommer von jetzt auf gleich aus dem Gefängnis in Landsberg entlassen wurde, konnte Genditzki ein normales Leben führen. Er arbeitet für die Naturkäserei Tegernsee, lernte seine Familie neu kennen. Vielleicht macht es das noch schwerer, als Angeklagter vor Gericht zu sitzen. Am Ende des ersten Verhandlungstages wirkt Genditzki erschöpft. „Heute Nacht kann ich sicher besser schlafen“, sagt Genditzki leise zu seiner Frau. Am heutigen Donnerstag geht der Prozess um seine Freiheit weiter.

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