So gefährlich sind Süßstoffe

von Redaktion

Neue Studie zeigt: Vor allem Saccharin und Sucralose schaden dem Darm und erhöhen das Diabetesrisiko

München – Zucker in zu hoher Dosis wirkt wie ein Gift und kann Krankheiten wie Diabetes hervorrufen. Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Höchstmenge liegt pro Tag bei 25 Gramm. Das ist ungefähr ein Glas Softdrink. Viele Menschen schwenken auf künstliche Süßstoffe um. Und kommen so vom Regen in die Traufe: Denn Süßstoffe können sogar noch gefährlicher werden, wie eine neue Studie zeigt (siehe unten). Auch sie erhöhen das Risiko für Diabetes. Zudem verändern einige die Bakterienzusammensetzung im Darm. Bei Sucralose und Saccharin kann der Körper schon nach kurzem regelmäßigem Konsum normalen Zucker nicht mehr gut verarbeiten. Zudem verschlechtert sich bei einer geschädigten Darmflora die Immunabwehr und die Betroffenen werden anfälliger für Krankheiten.

Warum Süßstoffe schädlich sind und man sie lieber meiden sollte, auch wenn man abnehmen will, erklärt Ernährungsmedizinerin Dr. Martha Ritzmann-Widderich, die Vizepräsidentin des Bundesverbands Deutscher Ernährungsmediziner und zweite Vorsitzende der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung. Die Ernährungsmedizinerin gibt zudem Tipps, wie wir eine geschädigte Darmflora wieder aufbauen können.

Eine neue Studie zeigt, dass Süßstoffe den Blutzucker ansteigen lassen. Wie kann man das erklären?

Dass das so ist, haben wir Ernährungsmediziner schon länger beobachtet und uns lange nicht erklären können. Ich mache seit 30 Jahren Therapien für stark übergewichtige Menschen, und mir fiel immer wieder auf, dass die Leute, auch wenn sie Süßstoffe anstelle von normalem Zucker zu sich nahmen, nicht an Gewicht verloren. Ich hatte zum Beispiel vor vielen Jahren einen stark übergewichtigen Patienten mit Diabetes, der viele sogenannte Softdrinks mit Süßstoff trank. Bei ihm schnellte der Zuckerspiegel nach oben, obwohl es dafür eigentlich keine plausible Erklärung gab. Aber dass es so war, zeigten die Messwerte ganz klar. Die Forschungsergebnisse aus Israel erklären nun diese Beobachtung.

Und was ist der Grund?

Durch den Konsum mancher Süßstoffe ändert sich die Zusammensetzung der Bakterien im Darm. Diese Darmbakterien, auch Mikrobiota oder Darmflora genannt, haben sehr viele wichtige Funktionen. Unter anderem beeinflussen sie die Fähigkeit des Körpers, Zucker zu verwerten. Die Forschungen des Weizmann Instituts in Israel zeigen, dass manche Süßstoffe im Darm die Bakterienvielfalt verringern. Diese bedenklichen Nebenwirkungen von Süßstoffen gibt es nach den neuen Erkenntnissen auch schon bei der normalen und als unbedenklich geltenden Tagesmenge.

Wie schnell leiden die Darmbakterien?

Das passiert schnell. Schon in zwei Wochen kann sich eine sogenannte Glukoseintoleranz entwickeln – bei dieser Störung kann der Körper Zucker nicht mehr richtig verstoffwechseln. Die vielen verschiedenen Darmbakterien, haben sehr viele unterschiedliche Eigenschaften und produzieren unter anderem Vitamine und Sättigungshormone. Geraten die Bakterien in ein Ungleichgewicht, eine sogenannte Dysbiose, können auch Nahrungsmittelunverträglichkeiten entstehen.

Wie beeinflusst der Darm unsere Gesundheit?

Wenn nützliche Darmbakterien verloren gehen, wird das Immunsystem geschwächt. Denn etwa 70 Prozent aller Immunabwehrstoffe werden im Darm produziert. Zudem wird unsere Darmflora als Schutzschild gegen Schadstoffe und Krankheitserreger durchlässiger. Man kann sich die Bakterien wie eine Art Schutzfilm auf der Darmschleimhaut vorstellen. Sie leiten die Schadstoffe an der Schleimhaut vorbei und aus dem Körper wieder heraus. Siedeln sich im Darm zu viele schädliche Bakterien an, entstehen entzündungsfördernde Stoffe. Diese gelangen über die Blutbahnen in den gesamten Körper und können an ganz anderen Stellen als dem Darm Auswirkungen haben.

Kann ein ungesunder Darm dick machen?

Ja, denn wer hauptsächlich Kohlenhydrate aus Zucker, Stärke und Weißmehl isst, schafft ein bakterielles Ungleichgewicht. Das bedeutet, er züchtet sich praktisch immer mehr Bakterien heran, die Zucker verwerten können. Jede einzelne Kalorie wird dann genutzt – anders als von einer gesunden Darmflora mit vielen unterschiedlichen Bakterien.

Wie lässt sich die Darmflora gesund halten?

Durch eine ausgewogene Ernährung. Je nachdem, was man isst und trinkt, fördert man die nützlichen (probiotischen) oder eben die schädlichen Darmbakterien.

Kann man eine kaputte Darmflora reparieren?

Man kann die Darmflora wieder gesund essen und trinken. Das dauert ein wenig und geht nicht von heute auf morgen. Denn die Darmbakterien müssen sich erst wieder an die neue Nahrungsvielfalt gewöhnen. Eine plötzliche Ernährungsumstellung auf Vollkornprodukte und rohes Gemüse kann sogar heftige Bauchschmerzen und Blähungen verursachen. Hier muss man Geduld haben und den Körper Schritt für Schritt an die veränderte Nahrung gewöhnen. Dann passt sich das Mikrobiom daran an.

Wie lange dauert dieser Umstellungsprozess?

Man muss wissen, dass Zucker auch das Belohnungssystem in unserem Gehirn beeinflusst, es entsteht quasi eine Abhängigkeit. Also dauert es einige Zeit, bis man diese Sucht wieder los wird. Aber es funktioniert.

Muss man dann komplett auf Zucker verzichten?

Nein. Wenn wir an festlichen Anlässen, etwa zum Geburtstag, mal zu viel Zucker essen, dann bringt das unseren Darm nicht durcheinander. Ein Tipp: Achten Sie im Alltag auf die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln. An erster Stelle steht der Inhaltsstoff mit der größten Menge. In der der Nährwerttabelle ist auch der Gehalt an Kohlenhydraten beziehungsweise Zucker in Gramm angegeben. Zur Orientierung: Ein Esslöffel Zucker hat rund zehn Gramm. Die von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlene Höchstmenge liegt pro Tag bei 25 Gramm, das sind zweieinhalb Esslöffel. Normaler Haushaltszucker ist eine Mischung aus Traubenzucker (Glukose) und Fruchtzucker (Fruktose). Fruktose wiederum begünstigt die Entstehung einer Fettleber sowie von Übergewicht und Diabetes.

Was sollte man essen, wenn man eine gesunde Darmflora will?

Wir brauchen verschiedene Ballaststoffe, also Obst und Gemüse in allen Farben, möglichst mit Schale, Salat und Vollkornprodukte aus verschiedenen Getreidesorten. Zudem sind milchsauer vergorene Lebensmittel wichtig, also zum Beispiel Joghurt. Aber Achtung: In Fruchtjoghurt ist oftmals sehr viel Zucker. Kaufen Sie lieber einen ungesüßten und rühren einen Löffel Marmelade hinein. Auch Sauerkraut und Kimchi sind milchsauer vergoren. Wenn man diese Nahrungsmittel anfangs nicht so gut verträgt, fängt man mit kleinen Mengen an.

Interview: Susanne Sasse

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