Wie Bayerns Kliniken ums Überleben kämpfen

von Redaktion

VON SEBASTIAN HORSCH

München/Ebersberg – Der neue Kollege kommt aus Kalifornien und ist ein eher ruhiger Typ – dafür aber sehr belastbar. Mit dem Operationsroboter „da Vinci“ hat die Kreisklinik Ebersberg einen Urologen, Gynäkologen und Viszeralchirurgen in Personalunion gewonnen. Rund zwei Millionen Euro kostet das Teil, bezahlt aus Fördermitteln des Bundes. Ab Juni soll „da Vinci“ im Einsatz sein.

Aus eigener Kraft wäre eine solche Investition für die meisten kommunalen Krankenhäuser derzeit wohl kaum möglich. „Wir stehen alle unter wirtschaftlichem Druck“, sagt Geschäftsführer Stefan Huber. Eine Untertreibung. Miese zu machen, das ist spätestens seit diesem Jahr für bayerische Kliniken der Normalfall. Dazu kommt: Bayerns Krankenhäuser müssen gerade an drei Fronten gleichzeitig kämpfen.

Das Geldproblem

Schon 2022 schlossen 71 Prozent der bayerischen Kliniken das Jahr mit negativen Betriebsergebnissen ab. Dieses Jahr droht es noch schlimmer zu kommen: Einer Umfrage der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) zufolge gehen neun von zehn Häusern davon aus, rote Zahlen zu schreiben. Auch in den kommenden Jahren schätzen die Klinikchefs die Situation überwiegend als eher schlecht (30,2 %), schlecht (19 %) oder sehr schlecht (25,4 %) ein. „Wir haben eine gute Struktur als Klinik, decken viele Bereiche ab, sind hochspezialisiert“, sagt Huber. Trotzdem rechnet auch der Ebersberger Klinikchef 2023 mit einem Defizit von sechs bis sieben Millionen Euro. 2021 war es noch ein Plus von 1,3 Millionen Euro. Was ist passiert?

Die Schuld dafür, dass es derart düster aussieht, schreibt die Bayerische Krankenhausgesellschaft vor allem der Berliner Politik zu. Wegen eines fehlenden Inflationsausgleichs und weil zugesagte Hilfen in Höhe von 4,5 Milliarden Euro bisher nicht bei den Kliniken ankämen, summierten sich derzeit die Defizite in Bayern auf monatlich über 100 Millionen Euro, beklagte die BKG im März.

Das Problem: Anders als Unternehmen in der freien Wirtschaft können die Kliniken die gestiegenen Preise für Löhne, Lebensmittel oder Material nicht einfach an Patienten oder Kassen weitergeben. Nur einmal jährlich wird mit den Krankenkassen verhandelt, und auch dann dürfen die Kliniken nicht die vollen Preissteigerungen ansetzen. „Das Personal wird dieses Jahr circa zehn Prozent teurer, unsere Erlöse steigen aber nur um circa 3,5 Prozent“, sagt Huber.

Dazu kommt: Wenn kommunale Kliniken wie in Ebersberg Verluste machen, müssen im Zweifel die Kommunen die Defizite ihrer Kliniken ausgleichen. Da auch dort die Mittel oft begrenzt sind, werden Landkreise womöglich sogar gezwungen, in anderen Bereichen einzusparen – also beim Straßenbau, in den Schulen oder Kitas.

Doch nicht nur bei den laufenden Kosten, die der Bund tragen muss, fordern die Kliniken mehr Unterstützung. Auch der Freistaat müsse mehr in seine Krankenhäuser investieren. 900 Millionen Euro jährlich seien nötig, fordert die BKG. Im Moment gibt Bayern 643 Millionen Euro. Auch Huber stellt für seine Klinik klar: „Der Landkreis hat stets in das Haus investiert, weil die Mittel vom Freistaat nicht ausreichen, um den Topstandard vorhalten zu können.“

Das Personalproblem

Der Ebersberger Geschäftsführer schätzt sich glücklich. „Unsere Leute sind bereit, einzuspringen und Überstunden zu machen, weil wir ein gutes Betriebsklima haben“, sagt Huber. Er sieht es so: „Die Mitarbeiter sind das A und O.“ Wenn man sie nicht halten könne, sei das als Klinik der Anfang vom Ende. Auch deshalb stellt der Landkreis Ebersberg als Klinik-Träger den Angestellten bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung. 8,50 bis 12 Euro warm kostet der Quadratmeter – im Münchner Umland günstig.

Doch auch diese Anreize reichen alleine nicht, um den Personalbedarf zu decken. 25 Stellen in der Pflege waren in Ebersberg zuletzt unbesetzt. Statt der möglichen 328 Betten konnte die Klinik deshalb zuletzt nur 260 belegen, sagt Huber. Sein Krankenhaus ist dabei beileibe kein Einzelfall. Die BKG schätzt, dass allein in den Kliniken in Bayern circa 9000 Pflegefachpersonen fehlen. Um die Lage zumindest in Ebersberg in den Griff zu kriegen, sind gerade 19 ausgebildete Pflegefachkräfte von den Philippinen angekommen. Sie arbeiten im Krankenhaus und wohnen im Personalbau direkt neben der Kreisklinik. Für Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) kann Zuwanderung aber nur ein Baustein sein. „Wer glaubt, wir können das Problem allein mit Kräften aus dem Ausland lösen, der täuscht sich“, sagt er unserer Zeitung. Dafür ist das Loch einfach zu groß.

Lauterbachs Reform

„Alle waren irritiert“, erinnert Huber sich an den Nikolaustag. Denn am 6. Dezember hatte Karl Lauterbach die Pläne der Öffentlichkeit präsentiert. Der Kern: Die Kliniken sollen in drei Vergütungsgruppen eingeteilt werden, lokale Krankenhäuser für die Grundversorgung, regionale Krankenhäuser und solche, die wegen ihrer Kapazitäten und Spezialisierung von überregionaler Bedeutung sind. So sollen finanzielle Zwänge abgebaut werden, die gerade kleinere Krankenhäuser vor große Probleme stellen. Dahinter steht aber auch der Gedanke, dass mit der Konzentration auf größere Häuser eine bessere Ausstattung, eine höhere Spezialisierung sowie eine bessere Betreuung möglich wären. Denn bisher konkurrieren allein in Bayern mehr als 400 Krankenhäuser um Mitarbeiter und Patienten.

„Es gibt zu viele Krankenhäuser“, sagt auch Huber. Eine Überversorgung gebe es allerdings immer nur regional in Ballungszentren. Ein Krankenhaus im Münchner Speckgürtel misst sich zum Beispiel nicht nur mit den Nachbarhäusern, sondern auch mit den Spitzenmedizin-Standorten in Harlaching, Großhadern oder Schwabing. „Im ländlichen Raum haben wir stattdessen teilweise eher eine Unterversorgung“, sagt Huber. Auch er ist der Meinung: „Es muss sich insgesamt etwas ändern.“ Trotzdem hält er den Vorschlag der Regierungskommission für nicht ausgegoren. Eine „Versorgungsplanung am Reißbrett“ werde nicht funktionieren.

Längst geht zudem die Angst um: Häuser, die in der niedrigsten Stufe landen könnten, fürchten, ganze Abteilungen zu verlieren – und in eine „Abwärtsspirale“ zu geraten, wie es Huber ausdrückt. Wer zum Beispiel seine Geburtshilfe abgeben muss und bei der Chirurgie abspeckt, ist schnell auch nicht mehr als Ausbildungskrankenhaus attraktiv. Die Folge: „Alle rüsten auf, um es in Level 2 zu schaffen“, sagt Huber. Doch nicht alle können diesen Kampf gewinnen.

Und jetzt?

Ob und wie die Reform am Ende kommt, ist noch nicht ausgemacht. Ein von Bayern, Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein in Auftrag gegebenes Gutachten hält die Pläne in ihrer ursprünglichen Form für verfassungswidrig. Gleichzeitig verhandeln Bund und Länder über eine gemeinsame Lösung. Viel deutet inzwischen darauf hin, dass der ursprüngliche Entwurf nur in deutlich abgeschwächter Form zur Umsetzung kommen kann. Das Bundesgesundheitsministerium hat einen überarbeiteten Vorschlag angekündigt, mit dem voraussichtlich Ende Mai zu rechnen ist.

Aber Huber sagt auch: „Es darf nicht so kommen, dass sich wieder nichts ändert.“ Letzten Endes müsse vielleicht auch die Bevölkerung akzeptieren, dass bei der Krankenhausversorgung in Zukunft „nicht mehr alles überall zur Verfügung stehen kann“. Denn eines bezweifelt in der Branche fast niemand: Wenn es einfach so weitergeht, werden das einige Häuser nicht überleben.

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