Die Carbon-Könige aus Moosach

von Redaktion

Moosach – Als Nick Schick als Kind ein nagelneues Fahrrad geschenkt bekam, zerlegte er es kurzerhand in hunderte Teile. „Meine Mutter kam in die Garage und sah all die Schrauben und Einzelteile auf dem Boden verteilt“, erzählt er. „Sie war ziemlich sauer. Aber das Fahrrad hat mir einfach nicht gepasst: Es war zu schwer, hat sich nicht richtig angefühlt. Ich wollte es nur umbauen.“ Am Ende ist jede Schraube wieder an ihrem Platz gelandet. Schick hat aber bis heute ein Problem mit Fahrrädern „von der Stange“ – der 36-Jährige hat deshalb mit Freunden einen Shop eröffnet, in dem jedes Rad an den Körper des Käufers angepasst wird.

Die „Bike Tailors“, also die Fahrrad-Schneider, nennen sich Schick und seine vier Freunde – alles leidenschaftliche Fahrradfahrer. „So viele Leute fahren ein Rad, das nicht zu ihnen passt und klagen dann über Knieschmerzen oder Nackenprobleme“, sagt er. Jetzt gibt es bei CS-Cycling Sport in Moosach im Kreis Ebersberg ultraleichte Rennräder, Gravel Bikes und Mountainbikes aus Carbon. „Hier wird jedes Bike nur einmal hergestellt, keins ist wie das andere“, sagt Schick.

Auf der Couch beraten die Bike Tailors mit ihren Kunden bei einem Kaffee darüber, wie ihr Traumradl aussehen soll. Dabei kann man sich an den Rädern orientieren, die den Laden wie Dekostücke schmücken: Das ockerfarbene Carbonrad über dem Sofa kostet 5300 Euro, das blaue im Schaufenster 14 000. „Unsere Räder sind nicht billig, aber wenn man sie pflegt, halten sie ein Leben lang“, sagt Schick.

Während der Kunde am Messgerät in die Pedale tritt, justieren die Radl-Schneider die Einzelteile so lange, bis sich die Sitzposition so komfortabel wie möglich anfühlt. Eine Kamera analysiert jede Bewegung. Dann wird der Kunde selbst vermessen: Schulterabstand, Hüftbreite, Wadenlänge, Schuhgröße, Handgröße, selbst die Länge der Finger. „Unter unseren Kunden sind viele Frauen“, sagt Schick. „Die meisten handelsüblichen Fahrräder sind überhaupt nicht auf Frauen angepasst. Da wird einfach ignoriert, dass sie schmalere Schultern, längere Beine oder kleinere Hände haben – und am Ende hat die Frau Probleme, mit ihren Fingern die Bremse zu erreichen.“

Obwohl der Laden erst Ende letzten Jahres eröffnet hat, kommen schon jetzt Kunden aus ganz Deutschland, erzählt Schick. „Es gibt nicht viele Anbieter für maßgeschneiderte Räder. Das wundert mich: Warum lassen wir uns unsere Kleidung individuell anpassen, aber nicht das Rad, auf dem man jeden Tag sitzt?“ Wenn er Fahrradfahrer auf der Straße sieht, fahren neun von zehn ein Rad, „das überhaupt nicht zu ihnen passt“, sagt Schick. Da würde er das Radl am liebsten sofort wieder in hunderte Teile zerlegen. KATHRIN BRAUN

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