München – „Girilmez“ steht auf den Papierblättern, die an die Glastüren geklebt sind: Kein Eingang heißt das auf Türkisch. Die meisten Menschen, die hier aus dem ehemaligen Kaufhof am Stachus kommen, gehen nach links weiter zum U-Bahn-Eingang.
Auch Silan Kalkan eilt am Dienstagvormittag aus dem Gebäude. Sie hat am letztmöglichen Tag ihre Stimmen für die türkische Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abgegeben. So wie vor ihr rund 52 000 andere türkische Staatsbürger in München. Wie viele andere rechnet die 21-Jährige mit „einem Kopf-an-Kopf-Rennen“ zwischen Recep Tayyip Erdogan und Herausforderer Kemal Kilicdaroglu. „Vielleicht nicht so knapp, wie man denkt, aber knapper als letztes Mal“, vermutet die Münchnerin. Was sie von den Wahlen erhofft? „Ohne zu sagen, wie ich gewählt habe: Ich hoffe sehr, dass sich etwas verbessert für die Menschen in der Türkei mit den vielen Problemen, etwa der Inflation“, antwortet sie, bevor sie sich auf den Weg zur Uni macht.
Ihre Stimmen hat sie in einer der 20 Kabinen abgeben. Organisiert wurde die Wahl vom türkischen Generalkonsulat in der Landeshauptstadt, in dessen Zuständigkeitsbereich etwa 120 000 Wahlberechtigte fallen. Viele kamen schon am Wochenende – am Samstag reichte eine Schlange für zwei Stunden bis in die Schwanthalerstraße. Neben den Wahlkabinen gab es auch einen Gebetsraum. Zudem waren Zimmer eingerichtet für die Wahlbeobachter der Parteien.
Am letzten Tag nun ist nicht mehr so viel los wie am Wochenende. Einige der Leute, die aus der Glastür kommen, möchten auch nicht reden: „Lieber nicht“ und „leider keine Zeit“, gibt es dann zu hören. Diejenigen, die sich auf dem Bürgersteig an der Sonnenstraße kurz Zeit nehmen, kreiden offen Probleme in der Türkei an – neben der Inflation zum Beispiel auch die Situation im Erdbebengebiet. „Es müsste eine große Rolle spielen“, schätzt der Münchner Murat, der nur seinen Vornamen nennt, zu der Auswirkung der Katastrophe auf die Wahl. „In der Region ist immer noch nichts passiert, die Leute wohnen noch in Zelten“, moniert der 51-Jährige: „Ich habe noch nie Erdogan gewählt. Wenn er in einer der betroffenen Städte gewinnt, weiß ich nicht, was mit meinen Landsleuten nicht stimmt.“
Als Nicht-Erdogan-Wähler gehörte er unter den Türken, die in Deutschland ihre Stimme abgaben, bisher zur Minderheit. 2018 machten 64,8 Prozent ihr Kreuzchen für Erdogan. Dessen Ergebnis war in der Bundesrepublik damit um 12,2 Prozentpunkte besser als in der Türkei selbst. Dass es diesmal anders ausgeht, hofft der Münchner Aziz: „Es muss eine Wende geben.“ Für den 59-Jährigen ist die Stimmung bei dieser Wahl allerdings nicht erkennbar anders als vor den vergangenen Wahlen, wie er ausführt: „Schon seit zehn Jahren geht es bergab, es ist dieselbe Lage.“
Bereits klar ist: Die Wahlbeteiligung unter den Deutsch-Türken war geringer als vor fünf Jahren. 732 776 der 1,5 Millionen registrierten Wähler gaben ihre Stimme ab. Das sind 48,8 Prozent – 2018 waren es 49,79. Auslandstürken können aber noch bis zum Wahltag an den Grenzübergängen, Häfen und Flughäfen der Türkei abstimmen. THOMAS JENSEN