München – Abba Naor (95) überlebte das Ghetto in Litauen, das Konzentrationslager in Oberbayern und den Krieg in Palästina. Als junger Soldat kämpfte er 1948 im ersten israelisch-arabischen Krieg. 75 Jahre ist das jetzt her. Zum Gespräch lädt er in ein Münchner Hotel. Naor wohnt dort für einige Monate, auf Vermittlung der KZ-Gedenkstätte Dachau besucht er Schulklassen und berichtet über den Holocaust. Zu den Schulen fährt er selbst – bis runter ins Allgäu. Er, mit 95, fährt Auto? „Sicher, ich will doch ankommen“, scherzt er.
Die Vorgeschichte
Abba Naor stammt aus Litauen. Das Grauen begann für ihn 1941, als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion überfällt und auch Kaunas besetzt. Die Familie Nauchowitz – Naor ist eine spätere Verkürzung – muss ins Ghetto. 1944 werden sie deportiert. Im KZ Stutthof sieht der damals 16-Jährige seine Mutter und seinen jüngsten Bruder letztmals – beide werden in Auschwitz ermordet.
Der Junge kommt nach Utting, später Kaufering, ein Außenlager des KZ Dachau. Bei Landsberg/Kaufering sollen riesige Bunker entstehen, um darin Flugzeuge zu montieren. Naor schuftet für die Rüstungsindustrie. Er schreibt später zusammen mit dem Journalisten Helmut Zeller ein Buch darüber: „Ich sang für die SS“ – so der Titel. Ja, Naor muss im Ghetto zur Belustigung der SS-Leute singen. In Utting ist er zeitweise Lokführer, fährt mit einer Diesellok Zementsäcke zur Bunkerbaustelle. Er überlebt im April 1945 den Todesmarsch der KZ-Häftlinge, wird in Waakirchen (Kreis Miesbach) befreit. „Eigentlich war ich ein alter Mann“, sagt Naor. Mit 17.
Die Nachkriegszeit
Abba Naor ist jetzt DP – Displaced Person, also Vertriebener, Flüchtling. Er findet seinen Vater wieder, schlägt sich auf dem Schwarzmarkt in München durch. Sein Umschlagplatz ist der Keller in einem Café in der Leopoldstraße: Kaffee, Zigaretten – und kleine Steinchen: Zündhütchen für Feuerzeuge, damals sehr begehrt. „Ich war schon ein bisserl ein reicher Mann“, sagt er. Sein Plan ist, nach Palästina auszuwandern. „Wenn wir gehen, dann nur dorthin“, sagt er. In München sieht er zufällig einen Polizisten. Er heißt mit Nachnamen Jordan. Naor erkennt ihn – es ist einer der Peiniger vom Ghetto Kaunas. Unter solchen Leuten will er nicht leben. Sein Vater ist anderer Meinung. Er war „ein guter Litauer“, wollte zurück. Sie kommen nur bis Lodz. In Kaunas ist ohnehin niemand mehr. Vater und Sohn schaffen es zurück nach München.
Das gelobte Land
Palästina steht damals unter britischer Besatzung. Jüdische Flüchtlinge aus ganz Europa, die ins Land strömen, werden von den Briten nicht gern gesehen. Eine jüdische Untergrundbewegung, die Hagana, kämpft für einen unabhängigen jüdischen Staat. Ein extremer Ableger, die Irgun, kämpft mit Waffengewalt. Im Juli 1946 sterben bei einer Sprengung des King David Hotels in Jerusalem, Standort der britischen Mandatsregierung, 91 Menschen.
Abba Naor ist jetzt im DP-Lager Landsberg. Dort gibt es einen Anlaufpunkt für die Jüdische Brigade in der britischen Armee. Einmal kommt ein Unbekannter zu ihm ins Zimmer, erzählt Naor. Er legt eine Bibel auf den Tisch und einen Revolver. „Leg deine Hand drauf und schwöre“ – Naor soll schwören, treu zur Untergrundbewegung zu stehen. Fortan gehört er zur Hagana, die 1920 zum Schutz jüdischer Siedlungen in Palästina vor arabischen Angriffen gegründet worden war.
Die Überfahrt
Die Hagana organisiert den Transfer nach Palästina. Über Paris und Port de Bouc unweit von Marseille kommt er auf ein Schiff. Die „Latrun“, völlig überladen mit vielleicht 1500 Flüchtlingen, braucht zwei Wochen bis nach Haifa. Es ist der 2. November 1946. Abba Naor erreicht Palästina nicht – die Briten stoppen das Schiff, die Einwanderung jüdischer Flüchtlinge ist höchst unerwünscht. „Die Engländer haben uns gekapert“, sagt Naor. Die Flüchtlinge legen sich auf den Schiffsboden, die Soldaten müssen jeden einzelnen vom Schiff tragen. Passiver Widerstand. Naor kommt in ein Lager auf Zypern.
Die „Latrun“ ist kein Einzelfall. Wohl an die 120 Schiffe mit 100 000 jüdischen DPs versuchen zwischen 1945 und 1948, die Küsten Palästinas zu erreichen. Die meisten werden abgefangen, Flüchtlinge in überfüllten Lagern auf Zypern interniert. Am berühmtesten ist die „Exodus“, der Leon Uris später ein literarisches Denkmal setzt. Das Schiff, mehr ein Wrack, landet im Juli 1947 dramatisch mit über 4500 Flüchtlingen in Haifa. Durch die Holocaust-Überlebenden steigt der jüdische Bevölkerungsanteil im britischen Mandatsgebiet bis 1947 auf 30 Prozent.
Die UN machen Druck
Noch ist der Staat Israel nicht gegründet. Aber es gibt Fortschritte: Bahnbrechend ist die UN-Resolution 181 (II) im November 1947: Sie fordert, das Mandat Großbritanniens zu beenden und Palästina zu teilen – in einen arabisch-palästinensischen und einen jüdischen Staat, Jerusalem soll eine neutrale Enklave bilden.
Abba Naors Alija
Abba Naor ist zu diesem Zeitpunkt schon in Palästina. Er war in Zypern zu einem regelrechten Untergrundkämpfer geworden, liefert sich Kämpfe mit britischen Soldaten, wirft sogar Molotowcocktails, aus Wut, weil die Engländer die Einreise der Juden nach Palästina nur in kleinen Kontingenten erlauben. „Ich hoffe heute sehr, dass keiner von meiner Hand verletzt oder gar getötet wurde“, schreibt er in seinem Buch. Ende April oder Anfang Mai 1947, das Datum weiß er nicht mehr, kann er mit einem englischen Schiff legal nach Palästina einreisen. „Das war meine Alija“ – Alija ist hebräisch, heißt Einreise. Nach zwei Monaten schickt ihn die Hagana nach Rehovot bei Tel Aviv, ein Ort mit Mandelbäumen und Zitrusfrüchten, angelegt von den ersten jüdischen Siedlern um 1890. Naor ist nun Wachmann.
Ben-Gurion
Am 14. Mai 1948 proklamiert David Ben-Gurion im Stadtmuseum von Tel Aviv einen Staat Israel. Es ist der Gründungstag. Ben-Gurion ist schon als 20-Jähriger 1906 nach Palästina eingewandert. Er war Führer der Arbeiterpartei – und fast unbestrittene Autorität für die jungen Einwanderer. „Ben-Gurion war ein Gott für uns, der Gott selber“, sagt Naor. „Ich mochte seine Politik, das war der Mann, dem wir den Staat verdanken. Nur er war imstande, das zu machen.“ Die Erleichterung ist groß. „Die Menschen tanzen auf den Straßen“, sagt Naor. Aber nicht lange. In der Nacht zum 15. Mai marschieren Armeen Ägyptens, Transjordaniens, Syriens, des Irak und des Libanon in Palästina ein – die Arabische Liga erklärt den Krieg.
Der erste Nahost-Krieg
Auch Naor muss kämpfen. „Ich hatte ein Maschinengewehr, ein Spandau, so hieß die Marke. Hab ich bekommen mit Hakenkreuz.“ Die Waffe kommt aus tschechischen Beständen, die Tschechoslowakei beliefert den jungen Staat mit Waffen – darunter auch solche, die von den deutschen Besatzern erbeutet worden waren. Die ersten Gefechte fanden schon vor dem offiziellen Beginn des Krieges statt – gleich nach dem UN-Teilungsplan vom November 1947. Ein blutiger Kleinkrieg, guerillamäßig. Nachts werden jüdische Siedlungen von Arabern angegriffen. Die radikale Irgun schlägt zurück. Im April 1948 verüben sie unter ihrem Anführer Menachim Begin – später Ministerpräsident von Israel, der für seinen Friedensschluss mit Ägypten den Friedensnobelpreis erhält – ein Massaker in dem Dorf Deir Jassin. Die Schätzungen über die Zahl der Toten gehen weit auseinander. 100? 250? Man weiß es nicht genau. Naor rechtfertigt das nicht. Aber er sagt: „Wie viele sind auf unserer Seite gestorben?“ Aus Rache ermorden Araber nur Tage später dutzende Krankenpfleger. Er kämpft im Süden, im heutigen Gazastreifen, und entlang der Straße von Tel Aviv nach Jerusalem.
Die Bilanz: 10 000 Tote
Im Januar 1949 endet der erste Nahost-Krieg mit einem militärischen Sieg Israels. Mit allen Angreifern werden Waffenstillstandsabkommen geschlossen. Es gibt mehr als 10 000 Tote auf beiden Seiten. Viele Holocaustopfer, drei Jahre zuvor dem Grauen entronnen, sterben in erbitterten Kämpfen. Wie war das für ihn, dem Grauen in Kaufering entronnen und jetzt schon wieder ein Kampf auf Leben und Tod? Naor lehnt sich zurück in seinen Hotelstuhl. „Wir wussten: wenn wir fahren, gibt es keine Garantie, dass wir am Leben bleiben“, sagt er. „Es sind Freunde gefallen, die mit mir aus den DP-Lagern gekommen waren. Keine Familie, keine Angehörigen. Niemand wusste, wer sie sind.“
Israel ist gegründet – doch der Traum von einem arabischen Staat in Palästina rückt nach dem ersten Krieg in weite Ferne. Westjordanland und Ost-Jerusalem werden 1950 von Jordanien annektiert. Der Gaza-Streifen kommt unter ägyptische Kontrolle. Für die Palästinenser ist das die Nakba – die Katastrophe. Ein Trauma bis heute.
Kein normales Leben
Naor indes wird Militärpolizist, 1950 Agent des Inlandgeheimdienstes Shin bet. Er heiratet seine Frau Lea, sie bekommen zwei Kinder. „Langsam bin ich Israeli geworden“, sagt Naor.
Ein normales Leben? Sicher nicht. Nach der Geheimdienstkarriere geht Naor Mitte der 1960er-Jahre zurück nach München, wo sein Vater lebt. Er wird Gastronom, Teilhaber des Café Annast am Hofgarten. Später leitet er ein Jüdisches Altenheim in Hannover. Für eine Spezial-Operation wurde er 1980 erneut vom Geheimdienst geholt – er simulierte einen angeblichen Hoteldirektor in einer Küstenstadt im Sudan. Bei der „Operation Moses“ wurden 30 000 äthiopische Juden über den Sudan nach Israel geholt. Es klingt unglaublich, wenn Naor davon erzählt, aber es gibt Fotos, die ihn als Hoteldirektor im Sudan zeigen.
Naor ging in seinem Leben nur sechs Jahre zur Schule, ehe die Nazis in Litauen eindrangen. Er findet sich überall schnell zurecht. Ein Überlebenskünstler. Vier Bypässe. Vor drei Jahren sei es knapp gewesen, er kämpfte um sein Leben, hatte fast schon abgeschlossen. Und nun sitzt er doch im Nebenraum seines Hotels und erzählt. Nächste Woche wird er wieder Schulen besuchen. Oft werde er gefragt, ob er religiös sei, erzählt Naor. Er ist es nicht. In die Synagoge geht er nicht. Bratwurst aus Schweinefleisch – kein Problem.
Und doch, ein Problem hat er. Israel, der fast tägliche Krieg. Es ängstigt ihn. Die jetzige Regierung Netanjahus hält er für eine Katastrophe, die Unversöhnlichkeit der Palästinenser frustriert ihn. „Ich habe zwei Urenkel beim Militär. Wenn es nach mir ginge, würde ich sie alle nach München holen. Denn natürlich ist es hier viel sicherer.“ Aber das geht natürlich nicht.